Neues Stück im Theaterhaus
Selbstzerfleischung für Fortgeschrittene
Michael Werner,
03.12.2010 09:26 Uhr
Die Spendensammler im Theaterhaus mit ihrem Vermieter Foto: Theaterhaus
Stuttgart - Sie spüren, dass sie was tun müssen, die hysterische Grundschullehrerin Eva, die geltungssüchtige Designerin Christine und der technische Zeichner Lutz, der an einem Projekt arbeitet, "das in dieser Stadt sehr umstritten ist". Auch Leo, der beleidigte Student mit dem Baby, und Rainer, der Werber mit dem Hang zum Zynismus, brauchen einen Sinn. Denn "alle drei Sekunden stirbt ein Kind", sagt Eva (wunderbar aufgedreht: Anne Osterloh) zu Lutz (genial verschroben: Günter Brombacher). Sie stöpselt erst mal ihren Minilaptop ein; er müht sich mit seiner Aktentasche. Was diese grundverschiedenen Typen verbindet, ist ihre Empörung. Und ihre Mitgliedschaft in einer ein wenig naiven, ein wenig überspannten, aber alles in allem gar nicht so unsympathischen Projektgruppe, die mittels eines noch zu planenden Benefizabends Spendengelder für Afrika akquirieren möchte.
Davon, wie eine Planungssitzung für diesen Abend ablaufen könnte, handelt Ingrid Lausunds makabre Komödie "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner", die das Schauspielensemble des Stuttgarter Theaterhauses jetzt unter der Regie seines Intendanten Werner Schretzmeier sehr kurzweilig auf die Bühne gebracht hat. Da kaut die Grundschullehrerin Eva genüsslich Gemüse, während sie ihre Grundsatzrede zum Hunger probt; da zeigt der keck nach unten wandernde Reißverschluss der Designerin Christine mehr Busen als Herz; da wird zur Auflockerung einmal hübsch gesungen und passabel getrommelt. Da jubelt Günter Brombacher als Zeichner Lutz dem Publikum unangenehme Wahrheiten unter, als es sich gerade vom Lachen erholt: "Afrikas Elend ist weder Schicksal noch Zufall. Es ist von Menschen gemacht."
Aus eben jenen besteht - naturgemäß - die bunte Spendensammlertruppe, und so verhindert auch das ehrenwerte Ziel eines Schulbaus im westafrikanischen Guinea-Bissau nicht die Streitereien untereinander. Genauer gesagt: das engagierte Benefizquintett streitet eigentlich über alles. Über die Frage zum Beispiel, ob eine mit allen fünfen befreundete Afrikanerin beim Benefizabend mitmachen kann/darf/soll. "Ich bin entschieden dagegen, dass hier jemand vorgeführt wird, bloß weil sie schwarz ist", keift also Eva, die Grundschullehrerin, der die Schauspielerin Katja Schmidt-Oehm mit Hilfe der Kostümbildnerin Gudrun Schretzmeier gekonnt eine nervige Daueraufgeregtheit verleiht. "Jetzt darf sie auch nicht singen - bloß weil sie schwarz ist", schlussfolgert Leo, der Student (Yavuz Köruglu), dem es vor allem darauf anzukommen scheint, seine "Schuhcreme-Nummer" aufzuführen. Aber das wollen die anderen nicht. Die anderen streiten über die Grundbegriffe: Ist es politisch korrekt genug "Schwarzer" zu sagen, oder muss es "schwarzer Mensch" heißen? Oder gleich "maximalpigmentiert", wie Rainer (sehr lustig: Stephan Moos) ätzt?
Behände spielt die Inszenierung mit den Klischees und den Erwartungen eines ja gar nicht böswilligen, aber halt im Einsortieren seit Jahrzehnten geübten Bürgertums: Immer wieder geistert beispielsweise der Vermieter namens Herr Koné (souverän: Felix Kama) durch den spartanisch eingerichteten Probenraum der Afrika-Initiative. Herr Koné ist Geschäftsmann, sehr beschäftigt, und er weiß nicht, wo Guinea-Bissau liegt, obwohl seine Haut doch viel dunkler ist als die seiner klammen Mieter. "Ich bin kein Afrikaner, ich bin Franzose. Ich komme aus Martinique", stellt er klar. Da hat die Afrika-Clique längst mehrere Selbstzerfleischungsrunden hinter sich. Und alle haben auf höchst komische Weise ihre Nebenmotive fürs Spendensammeln offenbart: Geltungsbedürfnis, Langeweile, Ablasshandel, Frustration.
Das Theaterhaus aber hat mit "Benefiz" eine erfrischend grell lodernde Flamme im Adventskranz gezeigt. Und Werner Schretzmeier ist viel zu schlau, als dass er sich dem Verdacht aussetzen würde, er argumentiere mit seiner gewagten und gelungenen Inszenierung tatsächlich gegen die finanzielle Unterstützung sinnvoller Projekte in Afrika: Nach der Vorstellung und vor der Premierenfeier mit Maultaschen und Leberkäs liegen Faltblätter aus, mit denen die Deutsch-Guineische Gesellschaft um Spenden für die "Schule für Bissau" wirbt.
Davon, wie eine Planungssitzung für diesen Abend ablaufen könnte, handelt Ingrid Lausunds makabre Komödie "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner", die das Schauspielensemble des Stuttgarter Theaterhauses jetzt unter der Regie seines Intendanten Werner Schretzmeier sehr kurzweilig auf die Bühne gebracht hat. Da kaut die Grundschullehrerin Eva genüsslich Gemüse, während sie ihre Grundsatzrede zum Hunger probt; da zeigt der keck nach unten wandernde Reißverschluss der Designerin Christine mehr Busen als Herz; da wird zur Auflockerung einmal hübsch gesungen und passabel getrommelt. Da jubelt Günter Brombacher als Zeichner Lutz dem Publikum unangenehme Wahrheiten unter, als es sich gerade vom Lachen erholt: "Afrikas Elend ist weder Schicksal noch Zufall. Es ist von Menschen gemacht."
Spenden können dann die Zuschauer
Aus eben jenen besteht - naturgemäß - die bunte Spendensammlertruppe, und so verhindert auch das ehrenwerte Ziel eines Schulbaus im westafrikanischen Guinea-Bissau nicht die Streitereien untereinander. Genauer gesagt: das engagierte Benefizquintett streitet eigentlich über alles. Über die Frage zum Beispiel, ob eine mit allen fünfen befreundete Afrikanerin beim Benefizabend mitmachen kann/darf/soll. "Ich bin entschieden dagegen, dass hier jemand vorgeführt wird, bloß weil sie schwarz ist", keift also Eva, die Grundschullehrerin, der die Schauspielerin Katja Schmidt-Oehm mit Hilfe der Kostümbildnerin Gudrun Schretzmeier gekonnt eine nervige Daueraufgeregtheit verleiht. "Jetzt darf sie auch nicht singen - bloß weil sie schwarz ist", schlussfolgert Leo, der Student (Yavuz Köruglu), dem es vor allem darauf anzukommen scheint, seine "Schuhcreme-Nummer" aufzuführen. Aber das wollen die anderen nicht. Die anderen streiten über die Grundbegriffe: Ist es politisch korrekt genug "Schwarzer" zu sagen, oder muss es "schwarzer Mensch" heißen? Oder gleich "maximalpigmentiert", wie Rainer (sehr lustig: Stephan Moos) ätzt?
Behände spielt die Inszenierung mit den Klischees und den Erwartungen eines ja gar nicht böswilligen, aber halt im Einsortieren seit Jahrzehnten geübten Bürgertums: Immer wieder geistert beispielsweise der Vermieter namens Herr Koné (souverän: Felix Kama) durch den spartanisch eingerichteten Probenraum der Afrika-Initiative. Herr Koné ist Geschäftsmann, sehr beschäftigt, und er weiß nicht, wo Guinea-Bissau liegt, obwohl seine Haut doch viel dunkler ist als die seiner klammen Mieter. "Ich bin kein Afrikaner, ich bin Franzose. Ich komme aus Martinique", stellt er klar. Da hat die Afrika-Clique längst mehrere Selbstzerfleischungsrunden hinter sich. Und alle haben auf höchst komische Weise ihre Nebenmotive fürs Spendensammeln offenbart: Geltungsbedürfnis, Langeweile, Ablasshandel, Frustration.
Das Theaterhaus aber hat mit "Benefiz" eine erfrischend grell lodernde Flamme im Adventskranz gezeigt. Und Werner Schretzmeier ist viel zu schlau, als dass er sich dem Verdacht aussetzen würde, er argumentiere mit seiner gewagten und gelungenen Inszenierung tatsächlich gegen die finanzielle Unterstützung sinnvoller Projekte in Afrika: Nach der Vorstellung und vor der Premierenfeier mit Maultaschen und Leberkäs liegen Faltblätter aus, mit denen die Deutsch-Guineische Gesellschaft um Spenden für die "Schule für Bissau" wirbt.
Weitere Aufführungen am Freitag, Samstag sowie am 28. und 29. Dezember
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