Neues Verkehrskonzept für die Region Oberbürgermeister will Stadtbahn beerdigen

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Seit vielen Jahren wird der Bau der Stadtbahn im Kreis Ludwigsburg geplant – jetzt hat die Stadt Ludwigsburg überraschend ein völlig neues Verkehrskonzept vorgelegt. Mit Eisenbahn- und Bustrassen soll ein Netz bis Stuttgart, Markgröningen, Esslingen, Renningen und Waiblingen gespannt werden.

Das Gleis nach Möglingen und Markgröningen soll aktiviert werden. Foto: factum/Granville
Das Gleis nach Möglingen und Markgröningen soll aktiviert werden.Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Als Rainer Haas in der vergangenen Woche seine Pressekonferenz zur geplanten Stadtbahn im Kreis Ludwigsburg beendete, schloss er mit einem Appell. „Was wir jetzt nicht brauchen können, sind weitere Ideen“, sagte der Landrat. „Wir müssen uns endlich für eine der Varianten entscheiden, die auf dem Tisch liegen. Sonst klappt gar nichts mehr.“ Nur fünf Tage später zeigt sich: Es war ein frommer Wunsch, aber er verhallt ungehört.

Die Stadt Ludwigsburg hat am Montag bei einem eigenen Pressegespräch eine völlig neue Lösung für die Verkehrsprobleme ins Spiel gebracht, und diese ist derart weitreichend, dass die Stadtbahn gleich ganz auf der Strecke bleibt. Der Ludwigsburger Oberbürgermeister Werner Spec ist so überzeugt von dem Vorstoß, dass er ein Scheitern offenbar gar nicht mehr einkalkuliert. „Wir werden jetzt schnellstmöglich die Kreisräte, den Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn, den Verkehrsminister und den Regierungspräsidenten informieren“, sagte Spec. „Denn dieses Konzept betrifft nicht nur uns und den Kreis Ludwigsburg, sondern die gesamte Region.“

Der Ausgangspunkt aller Überlegungen ist zunächst unspektakulär. Die Stadt schlägt vor, das vor vielen Jahren stillgelegte Bahngleis zwischen Markgröningen und Ludwigsburg zu reaktivieren und dort wieder Eisenbahnen fahren zu lassen, konkret: vom Markgröninger Bahnhof über Möglingen bis zum Ludwigsburger Bahnhof – wo am gegenüberliegenden Gleis die Regionalbahn nach Stuttgart hält. Die Idee ist keinesfalls neu, sie wurde aber nie ernsthaft verfolgt – weil die beiden kleineren Kommunen stets den Bau einer elektrisch angetriebenen Stadtbahn favorisierten und sich strikt gegen stinkende und laute Dieselzüge wehrten.

Ludwigsburg plant eine Direktverbindung nach Esslingen und Renningen

Dieses Hinderiss will Spec aus dem Weg räumen, indem er Möglingen und Markgröningen moderne Züge verspricht. Am Montag sprach er in diesem Zusammenhang von einer „emissionsfreien Brennstoffzellentechnik“, die auf der Strecke künftig eingesetzt werden könne.

Bis hierhin handelt es sich um ein weitgehend lokales Projekt, aber Ludwigsburg denkt bereits in größeren Dimensionen: Vom Bahnhof der Barockstadt könnte die Eisenbahn über einen noch zu bauenden Streckenast an der neuen Wüstenrot-Zentrale in Kornwestheim vorbeigeführt werden – was den rund 4500 Mitarbeitern sehr entgegen käme. Hinter der Wüstenrot-Haltestelle bestünde die Option, die Bahn über ein existierendes Gütergleis nach Süden und hinter Kornwestheim mit der Schusterbahn nach Esslingen zu verbinden, außerdem im Westen mit der Eisenbahn nach Leonberg und Renningen. Denkbar wäre, an der Stelle einen dritten Ast und damit eine direkte Durchbindung nach Stuttgart zu schaffen.

„Das ist ein regionales Gesamtkonzept, das aus mehreren Bausteinen besteht – und jeder Baustein macht es besser“, sagt Sascha Behnsen, der Leiter des Teams Nachhaltige Mobilität im Rathaus. „Es bringt Stuttgart etwas, uns, der gesamten Region.“

Das Konzept kommt ohne Stadtbahn aus – obwohl deren Nutzen längst belegt ist

Die Stadt plant demnach komplett neue Direktverbindungen von Ludwigsburg nach Esslingen und Renningen. Genau darüber will der OB nun verhandeln, denn auf welcher Basis und in welcher Trägerschaft das Ganze realisiert werden soll, ist noch unklar. Ebenso unklar ist, ob der Ludwigsburger Gemeinderat zustimmt, immerhin bedeutet dieses Konzept das Ende der Stadtbahn, über deren Realisierung im Kreis Ludwigsburg seit fast zwei Jahrzehnten geredet und gestritten wird. Auch diese sollte von Markgröningen aus das stillgelegte Gleis nutzen, vom Ludwigsburger Bahnhof aus dann aber nach Remseck verlaufen, um mit der dort endenden U 14 aus Stuttgart zusammenzutreffen. Darüber hinaus war angedacht, innerhalb von Ludwigsburg weitere Streckenäste in den bevölkerungsreichen Osten der Stadt zu führen.

Eine sogenannte standardisierte Bewertung hat den positiven Kosten-Nutzen-Faktor der Stadtbahn für den Kreis Ludwigsburg untermauert. Die an dem Projekt beteiligten Kommunen Remseck, Kornwestheim, Möglingen und Markgröningen haben sich längst für eine Realisierung ausgesprochen, auch der Landkreis drängt darauf, bald den Antrag auf Fördergeld beim Bund zu stellen.

Das alles könnte obsolet werden, wenn sich Spec, der die Stadtbahn wegen der Eingriffe in das barocke Stadtbild stets kritisch gesehen hat, mit seinem Vorstoß durchsetzt. Das nun vorgelegte Konzept sieht vor, den innerstädtischen Verkehr in Ludwigsburg nicht mittels einer Bahn zu entlasten, sondern mit Schnellbussen, den sogenannten BRT-Bussen, die bislang vor allem in Frankreich, aber selten in Deutschland eingesetzt werden. Auch Remseck soll mit dieser „schienenlosen Stadtbahn“, wie Spec die Busse gern nennt, angeschlossen werden. Im neuen Ludwigsburger Konzept sind sogar Schnellbusstrecken nach Waiblingen und Winnenden vorgesehen.

In Ludwigsburg sollen Schnellbusse eingesetzt werden

Bislang hatte es den Anschein, als gebe es kaum Chancen, das Schnellbussystem zu realisieren, weil alle Kommunen außer Ludwigsburg die Stadtbahn fordern. Mit seiner neuesten Volte allerdings könnte es Spec gelingen, die Phalanx seiner Gegner aufzuweichen. Remseck wäre zwar der große Verlierer, weil die Stadt statt der Bahnanbindung nur Busse bekommen würde. Aber Möglingen und Markgröningen wären wohl auch mit der Eisenbahnverbindung zufrieden, und Kornwestheim würde von der direkten Anbindung der Wüstenrot-Zentrale profitieren.

Der Landrat indes, der in der Vergangenheit stets für die Stadtbahn geworben hat, reagiert verärgert. Der Vorstoß von Spec sei der „Druck auf die Reset-Taste nach 20 Jahren Arbeit an der Stadtbahn“, sagt Haas. Nur die Schienenlösung sei attraktiv genug, um genug Autofahrer zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr zu bewegen. Busse seien dafür kein Ersatz, und wie eine Eisenbahn mit Brennstoffzellentechnik realisiert werden solle, sei ebenfalls fraglich. „Wenn der Ludwigsburger Gemeinderat diesem Vorschlag folgt, täte es mir leid für den Landkreis, die Stadt und alle Bürger. Das ist das Aus für die Stadtbahn, und es bleiben viele Frage offen.“

Ob Spec im Gemeinderat eine Mehrheit findet, lässt sich momentan kaum abschätzen, aber es ist denkbar. Den Stadträten wurde das Konzept am Samstag vorgestellt. Die Grünen und die SPD reagierten mit Skepsis, während die beiden anderen großen Fraktionen, die CDU und die Freien Wähler, durchaus angetan waren.

3 Kommentare Kommentar schreiben

wo sollen die Schnellbusse denn fahren ???: Schauen wir die aktuelle Situation in Ludwigsburg an, es ist für die Stadtverwaltung ein riesengroßes Problem die Neubaugebiete mit neuen Busverbindungen und Haltestellen zu erschließen ! Und da sollen jetzt plötzlich neue teure Busse plötzlich alles ändern ? Schon jetzt gibt es einen Direktbus nach Waiblingen. Wenn das mit den separaten Fahrspuren die Lösung ist warum hat die Stadtverwaltung das nicht schon längst umgesetzt ? Die Bürger werden schon sehr für dumm verkauft. Das man kein veraltetes Bahnsystem mit Hochbahnsteigen einführen will kann ich verstehen, denn der ÖPNV Bechmark liegt ganz woanders. Viele kleine Bahnsysteme wie die Ströhgäubahn rentieren sich auch mit eigenem aktuellem Fuhrpark. Aber Wasserstofftriebwagen zu versprechen wo man auch einfach eine Oberleitung bauen könnte finde ich soetwas von realitätsfremd und unwirtschaftlich. Warum haben immer die zu bestimmen, die selber nie mit Bus und Bahn fahren ???

Ich weiß ja nicht...: ...ob im Artikel alle Aspekte des Themas ausreichend gewürdigt werden. Aber fassen wir zusammen: Von Südwesten her bestünde in Ludwigsburg die Möglichkeit, über die AVG an deren kombiniertes Stadt-/S-Bahnsystem angeschlossen zu werden, von Osten her an die Stadtbahn der SSB. Und was will der Ludwigsburger Bürger"meister"? Ein eigenes Bimmelbähnchen, weil die Hochbahnsteige ja so furchtbar ausschauen... Und Busse, die natürlich im Stau stecken. Klingt jetzt alles nicht so richtig schlau.

des Meisters Bimmelbähnchen: . . . . . im Kinder-Spielzimmer. Ist so ein Zoff wie bei der H. Hesse-Bahn.

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