Krimikolumne

Nic Pizzolatto: „Galveston“ Der Krebs und der Killer

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Wer bei Nic Pizzolattos „Galveston“ an TV-Krimis von HBO erinnert wird, braucht sich nicht zu wundern: der Autor hat auch das Drehbuch zu „True Detective“ verfasst. Und „Galveston“ kann auch Serienjunkies mal wieder aufs Buch bringen.

Nic Pizzolattos Held Roy Cady darf auch mal weinerlich sein. Foto: Amy Pizzolatto
Nic Pizzolattos Held Roy Cady darf auch mal weinerlich sein. Foto: Amy Pizzolatto

Stuttgart - Was darf ein Held auf dem absteigenden Ast sein? Zornig, niedergeschlagen, wütend, zynisch, am besten natürlich stoisch. Aber larmoyant? Selbstmitleidig, weinerlich? Roy Cady ist eigentlich ein harter Hund, Profikiller von Beruf. Aber als er eine Längstverflossene aufsucht, gibt er seine Würde an der Garderobe ab und schwadroniert, erheblich angetrunken und mit einer Krebsdiagnose im Hinterkopf, von den alten Zeiten: „Wir hatten auch gute . . .. ich glaube, wir hatten auch gute Zeiten“, sagt er. Darauf seine Ex: „Ja, ja, Roy . . . ich war froh, als du ins Gefängnis musstest, Roy.“

Diese Passage aus Nic Pizzolattos „Galveston“ birgt ein gewisses Risiko. Mit etwas bösem Willen könnte das Fremdschämen dazu führen, die Lektüre an dieser Stelle abzubrechen. Zumal der Autor nach einer sehr handfesten Exposition – Roy wird von seinem Capo aus Eifersuchtsgründen in eine Falle gelockt, die für die Hinterhältler tödlich endet; der Killer ist fortan mit der jungen Prostituierten Rocky, Zeugin der Szene, auf der Flucht – deutlich das Tempo rausnimmt.

Rocky gabelt zwar unterwegs ein kleines Mädchen auf (ihre Halbschwester, wie sie sagt) , dabei fällt ein Schuss (nur zur Warnung, wie sie sagt), aber ansonsten geht die Spannung deutlich zurück. Ein Kleinkrimineller, der Roy zur Komplizenschaft erpressen will, bleibt auf der Strecke – nur eine weitere Nummer im persönlichen Body Count des Profis. Und dann gibt es noch die Vorblenden, die darauf schließen lassen, dass er die anfängliche Lungenkrebsdiagnose noch um Jahre überlebt . . .

Wer von der Machart und dem Tonfall her an Krimis aus dem Fernsehhause HBO erinnert wird, braucht sich übrigens nicht zu wundern: Pizzolatto hat auch das Drehbuch zu „True Detective“ verfasst. Und sein „Galveston“ jedenfalls hat das Zeug, eingefleischte HBO-Fans trotz ihres zeitaufwendigen Hobbys wenigstens zwischendrin mal wieder aufs Buch zu bringen. Schon allein des ersten und des zweiten Finales wegen.

Nic Pizzolatto: „Galveston“. Roman. Aus dem Englischen von Gunter Blank. Metrolit, Berlin 2014. 253 Seiten, 20 Euro. Auch als E-Book, 16,99 Euro; als Audio-CD, 19,99 Euro, und als Hörbuch-Download, 12,99 Euro.