Hinweis in eigener Sache
Wir überarbeiten derzeit unser Angebot. In Kürze finden Sie hier noch mehr
exklusive Meldungen aus Kornwestheim und dem Kreis Ludwigsburg.
Artikel aus der aktuellen gedruckten Ausgaben finden Sie hier
Aktuelle News aus der Region Stuttgart finden Sie hier
 
"Nichts ist anstrengender als Grenzen setzen"
"Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg", 22.10.2011 02:40 Uhr
Kornwestheim Psychologe Thomas Grüner klärt über Erziehungs-fallen auf. Von Stefanie Köhler

Thomas Grüner ist einer, der gleich zur Sache kommt. Für die Erziehung, sagt der Psychologe und Psychotherapeut aus Freiburg, haben Eltern schließlich auch nicht Jahre Zeit. Er nennt seinen Namen, dann ist er auch schon mitten drin im Thema "Die Kunst der Grenzziehung. Konsequent erziehen, erfolgreich erziehen". Den Vortrag in der Galerie hielt Grüner auf Einladung der Theodor-Heuss-Realschule. Sie hat zwei Tage mit ihm zusammen gearbeitet.

Grüner rät Eltern, möglichst früh Grenzen zu setzen. Und zu handeln, wenn sie missachtet werden. "Nichts im Erziehungsalltag ist anstrengender als Grenzen setzen", sagt der Vater eines Sohnes und einer Tochter. Eine Wahl hätten Eltern nicht. "Kinder wollen wissen, wie weit sie gehen können." Das sei ihr gutes Recht.

Bei Regeln fordern Eltern am besten eindeutiges und nachprüfbares Verhalten. Mit Sätzen wie "Würdest du bitte mal wieder dein Zimmer aufräumen" fangen Kinder wenig an. Sie sind auslegbar. "Zimmer aufräumen, sofort. Die Kleider in den Schrank, die Bücher ins Regal, das Spielzeug in die Kisten" sei besser. So formulieren Eltern, was sie konkret erwarten.

Grüner plädiert aber auch für eine positive Erziehung. "Kinder fragen sich immer, was sie tun müssen, um Zuwendung, Anerkennung und Bestätigung zu erhalten." Eltern sollten sich deshalb fragen: Was passiert, wenn mein Kind die Regel befolgt? Hier tappen aber viele in die Erziehungsfalle Nummer eins: die Belohnungsfalle.

Erziehen bedeutet motivieren, sagt Grüner. "Fördern Sie das gewünschte Verhalten durch die Vorfreude auf Zuwendung und Anerkennung, nicht durch die Anerkennung selbst. Trainieren Sie Geduld, nicht Habgier." Wanderungen finden Kinder blöd. Verpacken Eltern den Sonntagsspaziergang dagegen als Schatzsuche, freuen sie sich.

Erwünschtes Verhalten, sagt Grüner, sollten Eltern honorieren. "Wenn Kinder bei positivem Verhalten keine Aufmerksamkeit bekommen, bleibt ihnen nichts Anderes übrig, als mit auffälligem Verhalten auf sich aufmerksam zu machen." Umgekehrt dürften Eltern nicht das Ende unsozialen Verhaltens oder gar aggressives Verhalten belohnen. Das klassische Beispiel ist die Situation mit den Süßigkeiten im Supermarkt: Max schreit, weil er keine Schokolade kriegt. Die Mutter gibt entnervt nach. Max merkt sich, dass er seinen Willen durchsetzt, wenn er schreit.

Sind Konsequenzen nötig, heiße es handeln, nicht schimpfen, so der Referent. Kinder fühlten sich sonst beachtet und gehorchen nächstes Mal erneut nicht. Eltern sollten lieber einen persönlichen Preis oder eine Wiedergutmachung verlangen, sagt Grüner. Abspülen, oder kein Fernsehen. Hier öffne sich aber die Einsichtsfalle. Eltern sei Einsicht wichtig. So sehr, dass sie sie notfalls einfordern. "Das ist unmöglich. Einsicht muss von selbst kommen", sagt Grüner. Bei Fragen wie "Siehst du deinen Fehler wenigstens ein?" reagieren Kinder meist trotzig.

Auch die Ablehnungsfalle vermeiden Eltern besser. Sie führe dazu, dass Person und Handlung verbunden würden. Dann sagen Eltern "Was hast du für blöde Ideen", "Sei anständig", "Bist du ein Trottel". Grüner betont, dass Eltern Verhaltensweisen ablehnen sollen, nicht aber das Kind und seine Gedanken, Bedürfnisse und Gefühle. "Kommentieren Sie nicht sein Innerstes. Sonst verschließt es sich." Eltern neigten ebenfalls dazu, falsches Verhalten zu entschuldigen. Fritz ist sauer, er hat beim Fußball ein Eigentor geschossen. Zuhause schleudert er die Schuhe auf den Teppich statt sie ins Regal zu stellen. Wer das aus Mitgefühl ignoriere, tappe in die Verständnisfalle: Eine Ausnahme schließe aus Sicht des Kindes eine weitere nicht aus.

Nach einer Konsequenz sollten Eltern auf ihr Kind zugehen und positive Veränderungen kommentieren. Versöhnungsgeste nennt Grüner das. Andernfalls rächt das Kind sich für die Konsequenz. Daraufhin verhängen Eltern wieder eine Strafe. Und so weiter. Das, sagt Grüner, ruiniert die Beziehung. Von Motivation könne dann keine Rede mehr sein.

Kommentare (0)
Autor*
Betreff*
Ihr Kommentar*
Optionale Felder
Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Email-Adresse (wird nicht veröffentlicht)
Anschrift