Niedergang des Buchzentrums in Bietigheim-Bissingen Einst pulsierendes Viertel im Abwärtsstrudel

Von meb 

Die Stadt Bietigheim-Bissingen verfolgt eine Drei-Zentren-Politik. Doch der Stadtteil Buch scheint bei diesem Konzept unterzugehen.

Nur wenige sind hier unterwegs: Es fehlen attraktive Geschäfte. Foto: factum/Granville
Nur wenige sind hier unterwegs: Es fehlen attraktive Geschäfte.Foto: factum/Granville

Bietigheim-Bissingen - Grau ragen die Häuserblocks in die Höhe, auf dem betonierten Platz liegt gelbes Herbstlaub, nur wenige Leute sind hier unterwegs. Alle paar Meter gähnt einem ein leeres Schaufenster entgegen: das Reformhaus Godel ist seit kurzem geschlossen, die Metzgerei Reinhardt, die vor einem Jahr zugemacht hat, wird nur zur Hälfte wieder genutzt, einer der zwei Schleckerläden steht auch noch leer. Dieser immerhin gilt noch als Hoffnungsschimmer: Gerade laufen Verhandlungen darüber, ob die Schleckerfrauen das Geschäft im Rahmen des Genossenschaftsprojekts von Verdi wieder eröffnen können.

Das wäre für viele eine Aufwertung, anders als die Nachfolger in anderen Geschäftsräumen des Buchzentrums: Es sind Imbissbuden, Dönerläden und düstere Kneipen. Stadträte, Verwaltung und Anwohner beobachten die Entwicklung mit Sorge. Von Ramschläden wird hinter vorgehaltener Hand gesprochen, ganz offen ist inzwischen von einem Abwärtsstrudel die Rede, der den einst so lebendigen Stadtteil dem „schleichenden Exodus“ (Georg Mehrle, FDP-Fraktionsvositzender) entgegentreibt. Gründe dafür werden viele genannt: die Überalterung der Bevölkerung im Buch, die Bausünden der 80er, die dem zentralen Platz des Stadtteils nicht gerade ein freundliches Antlitz geben, das Kaufverhalten der Bürger und die Prioritäten der Vermieter der Ladenflächen.

In der Altstadt passiert viel, im Buch wenig

Manch einer vermisst auch das Engagement für den neben Bietigheim und Bissingen dritten Ortskern des Drei-Zentren-Konzepts der Stadt. „Ich habe schon immer darauf hingewiesen, dass es nicht gut ist, alles nur in die Altstadt zu stecken“, sagt Georg Mehrle. Um diese zu stärken, sei jüngst mit einem „Kunstgriff“ eigens das Bietigheimer Zentrum gen Osten ausgeweitet worden, nur damit der geplante Lebensmittel- samt Elektromarkt in den Mühlwiesen ins Konzept passe. Im vergangenen Jahr wurden zudem die Marktplatz-Arkaden neu und das Kronenzentrum wieder eröffnet. Im Buch dagegen passiert laut Mehrle nichts. Die Drei-Zentren-Politik höre sich in den diversen Gutachten ja gut an, aber sie funktioniere nicht, wie am Stadtteil Buch deutlich werde.

Für Manfred Sommer, Bewohner im Buch und einst Sprecher der inzwischen eingeschlafenen Initiative Lebensqualität im Buch, ist das Drei-Zentren-Konzept nur eine Waffe im Kampf gegen Jens Lück und Hartmut Rieger. Die Eigentümer des Bietigheimer Industrie- und Gewerbeparks, kurz Bigpark, in der Nähe des Bahnhofs wollen auf ihrem Gelände Einzelhandel ansiedeln. Die Stadt verweigert das mit der Begründung, nur in den drei Zentren sei innenstadtrelevanter Handel erlaubt. Nun streitet man sich vor Gericht (siehe „Der Stadt droht eine baurechtliche Bauchlandung“). Dabei ist das viel beschworene Konzept laut Sommer ohnehin schon „durchlöchert“, durch den Hofmeister am Rande von Buch beispielsweise – und bald durch die Märkte in den Mühlwiesen. Sommer hat die Sorge, dass die Mühlwiesen-Märkte noch mehr Kunden aus seinem Stadtteil abziehen werden.

Stadträte und Verwaltung sind mit ihrem Latein am Ende

Das glauben weder Stadträte noch Verwaltung. Den langsamen Verfall des Viertels halten sie allerdings ebenfalls für „sehr bedenklich“, wie der CDU-Fraktionschef Claus Stöckle formuliert. Doch Stadträte und Verwaltung sind mit ihrem Latein am Ende. Man habe vor wenigen Jahren den Platz neu gestaltet und die Zahl der Parkplätze erhöht, um mehr Kunden anzulocken, berichtet Oberbürgermeister Jürgen Kessing. Vergeblich. „Wenn die Eigentümer der Ladenflächen andere Mieter nehmen als wir wollen, können wir nichts machen“, erklärt er. Ganz unschuldig sind die Buch-Bewohner wohl auch nicht an dem Trend: „Die fahren alle ins Breuningerland oder nach Tamm zum Einkaufen statt ihren Stadtteil zu stärken“, moniert Traute Theurer, die GAL-Fraktionsvorsitzende.

Die Hoffnung bleibt: Manche setzen auf den Zuzug junger Familien, wenn die neuen Häuser auf dem Paulus-Areal fertig sind. Andere spekulieren auf die Anziehungskraft der Schlecker-Filiale, die wieder eröffnen soll. Mehrle jedoch macht sich keine Illusionen: „Das Interesse für Buch scheint zu erwachen. Aber jetzt ist es zu spät.“

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4 KommentareKommentar schreiben

Buch=Ghetto: Stadtteil Buch ist nicht nur sehr hässlich,übringens sind sogar manche Plattensiedlungen in Ostdeutschland schöner sondern auch einfach unattraktiv.Die 3 Zentren Plan der Stadt ist einfach nur Weltfremd, wer geht bitte schön in einer hässlichen Ghetto einkaufen. Stattdessen sollten die Herren endlich die alten Industrie Gebäude beim Mc Donalds für Mediamarkt und co freigeben dann muss ich nicht mehr nach Tamm fahren, einfach nur zum Kotzen!!

Junge Familien im Buch ansiedeln: Wieso sollten denn junge Familien im Buch ansiedeln. Im Kommentar vor mir wurde das Bild der 'Einkaufsmitte', welche eher zwischen Buch und Industriegebiet liegt, kommentiert und als nicht hübsch empfunden. Sie hätten mal lieber ein Bild der Schule mit Ihrem einladenden Beton-Innenhof abbilden sollen, dieses hätte dann die letzten jungen Familien mit Schulkindern abgeschreckt – Die Bronx hat mehr Lebensqualität.

Niedergang im Buch: Frau Theurer hat so nicht recht. wir habe als Buchbewohner noch nie in Tamm eingekauft. Ins Breunigerland gehe wir nur wenn ich etwas zum anziehen brauche.oder spzialitäten aus der Schweiz. Wir habe auch immer beim Reinhart und den anderen Geschäften gekauft, die es leider aber nicht meht gibt.,Wo sollen wir dann sonst kaufen !

Jetzt sind die Bewohner also schuld.: Da werden fette Einkaufszentren auf die grüne Wiese gepflanzt, und dann sollen die Leute aber in ihren 2 Schleckermärkten (für wie viele Einwohner noch Mal?!) einkaufen? Das ist doch ein Witz mit Anlauf. Und die Architektur auf dem Bild ist nun auch nicht gerade einladend.

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