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Nikolaus-Cusanus-Haus Der Mann, der sich verändern wollte

Julia Barnerßoi, 19.02.2013 13:38 Uhr

Stuttgart-Birkach - Nikolai Keller klingt noch immer wie der Wirtschaftsmanager, der er war. Er spricht von Kernbereichen, Kunden, Sicherheitssystemen und Selbstverwaltung. Wenn man mit ihm durch seine neue Arbeitsstätte läuft, merkt man aber, dass er vor allem mit seiner Menschlichkeit schnell überzeugt hat. Die Bewohner grüßen ihn freudig, ältere Damen wirken entzückt und winken dem schlanken 43-Jährigen grinsend wie Teenies zu. Die Senioren hat Nikolai Keller für sich gewonnen. Als er das Haus betrat, sei es aber auch für ihn „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen, sagt er. Seit knapp zwei Monaten ist der gebürtige Franke der neue Leiter des Nikolaus-Cusanus-Hauses in Birkach.

Nicht nur für die Bewohner des Altenheims und für die Mitarbeiter war die Veränderung groß – immerhin hatte Nikolai Kellers Vorgänger Heinz Bollinger das Haus von der Eröffnung an über 20 Jahre geführt. Auch für Keller selbst war es ein enormer Wandel im Leben. „Ich komme überhaupt nicht aus der Branche“, erzählt der Mann, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Degerloch lebt. Doch er habe gespürt, dass es Zeit für eine Veränderung in seinem Leben war.

„Ja, ich kann auch meinen Namen tanzen“

Von Haus aus ist Nikolai Keller Jurist. Er hat sechs Jahre in Bochum bei einer Bank gearbeitet. „Dort habe ich mein Fränkisch abgeschliffen“, sagt er in astreinem Hochdeutsch und lacht. Danach ging es für ihn nach Schwäbisch Gmünd zu einem Konzern. Dort hat er die Rechtsabteilung aufgebaut, ist nach kurzer Zeit ins Management gewechselt. Am Ende war er in der Geschäftsführung zuständig für die Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Berlin hat er sich zudem in der Gesundheitspolitik engagiert.

Eines hatten alle beruflichen Stationen aber gemeinsam: den anthroposophischen Ansatz, der ihn schließlich auch zum Nikolaus-Cusanus-Haus geführt hat. Die Bank war eine sozial-ökologische Universalbank. Der Konzern war ein Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller, bei dem anthroposophische Werte und die Idee der Nachhaltigkeit eine große Rolle spielen. Nikolai Keller lebt die Weltanschauung schon von klein auf. „Ich habe eine Waldorfschule besucht“, erzählt er. Und fügt lachend an: „Ja, ich kann auch meinen Namen tanzen.“

Obwohl die Werte für Nikolai Keller immer stimmten, „ging es doch wie in jedem Wirtschaftsunternehmen darum, den Profit zu steigern“, erzählt er. Um seinen 40. Geburtstag herum begann er darüber nachzudenken, ob es das ist, was er für immer tun möchte. „,Was willst Du sehen, wenn Du als alter Mann in den Spiegel schaust? Nur jemanden, der seine Kraft dafür eingesetzt hat, immer noch mehr Profit zu generieren’ habe ich mich oft gefragt“, erzählt Nikolai Keller. Und die Frage mit nein beantwortet. Er wollte das, was er kann, in den Dienst einer gesellschaftlichen Sache stellen.

Er will die Geschäfte nicht nur vom Schreibtisch aus leiten

Heute ist er überglücklich über seine Entscheidung. Das Alten- und Pflegeheim in Birkach begeistert den 43-Jährigen. „Es ist wie ein kleines Dorf“, sagt er. Die Bewohner könnten sich in so vielen Dingen einbringen. Sie passten aufeinander auf. Für das Personal und die Ehrenamtlichen habe er „die größte Hochachtung“, gesteht Nikolai Keller. Und für ihn persönlich sei es „ein Privileg, so viele spannende Menschen und Biografien kennenzulernen“, sagt er. Die Zeit, sich mit den Menschen zu beschäftigen, will er sich nehmen, die Geschäfte nicht nur vom Schreibtisch aus leiten. Gleichzeitig sei er sich aber auch bewusst, wie viel Arbeit der rasante demografische Wandel bringen wird.

Bevor er die neue Stelle antrat, hat sich Nikolai Keller eine Woche im Kloster auf den neuen Lebensabschnitt vorbereitet. Nach knapp zwei Monaten habe er das Gefühl, angekommen zu sein. Vorbei die Tage und Nächte an Flughäfen und in Hotelzimmern. „Manchmal wusste ich nicht mehr, in welchem Bett ich aufwache“, erzählt er, während er mit dem Generalschlüssel durch die Gänge jagt und stolz das Haus zeigt. Als wäre es sein eigenes. Als wäre er nie wo anders gewesen. Auch für die Familie habe er endlich mehr Zeit: „Ich kann mit meinen Kindern frühstücken.“

Für ein Abschlussfoto lässt sich Nikolai Keller im Palmenhain der Empfangshalle auf einem Stein am Teich nieder. Eine Hand voll Damen sitzt dort. Als sie ihren neuen Geschäftsführer sehen, winken sie. Und grinsen entzückt.