Nordbahnhof Stuttgart Feuer unterm Dach

Von  

Auf einer Brache am Stuttgarter Nordbahnhof ist in den vergangenen Jahren eine Oase der Untergrundkultur gewachsen. Sie schien von Stuttgart 21 bedroht. Doch nun stellt sich heraus, dass die größte Gefahr hausgemacht ist. Spuckt Stuttgart seine Künstler aus?

David Baur (links) und Aurèle Mechler gehören zu den Pionieren am Nordbahnhof.  Die Waggons  stehen immer noch, zumindest eine von ehemals zwei Reihen. Aber an den Wagenhallen ist Feuer unterm Dach. Weitere Eindrücke von dem Künstlerareal zeigen wir in der folgenden Bilderstrecke. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 20 Bilder
David Baur (links) und Aurèle Mechler gehören zu den Pionieren am Nordbahnhof. Die Waggons stehen immer noch, zumindest eine von ehemals zwei Reihen. Aber an den Wagenhallen ist Feuer unterm Dach. Weitere Eindrücke von dem Künstlerareal zeigen wir in der folgenden Bilderstrecke. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Untergrundkultur gedeiht am besten im Schummerlicht. Im Stuttgarter Talkessel ist es fast nirgendwo so schummrig wie am Inneren Nordbahnhof zwischen der Heilbronner Straße und der Nordbahnhofstraße. Hier findet man Schrott, Gestrüpp, Matsch, Wohncontainer für Stuttgart-21-Bauarbeiter. Und dazwischen: Kunst. Ein Container, der als Bar fungiert. Skulpturen, Graffiti. Etwas mehr als 100 Künstler leben und arbeiten in ehemals von der Bahn genutzten Gebäuden und Waggons. Immer noch. Überraschenderweise lässt man sie. Obwohl es schon unzählige Male hieß, die Waggons müssten weg, und zwar fix. Wegen Stuttgart 21.

Auch wenn es schon viele Abgesänge auf die Nordbahnhof-Szene gegeben hat: Die heruntergekommenen, besprühten, mit wilden Holzkonstruktionen umbauten Eisenbahnwaggons stehen immer noch, zumindest eine von ehemals zwei Reihen. Getränkekisten stapeln sich, Werkzeuge und Materialien liegen herum. Die Waggons sind eingezwängt zwischen einer Böschung, die hinabführt zur Nordbahnhofstraße sowie einem mit Zäunen abgeschirmten Verladebahnhof für den S-21-Schutt. Gestrüpp auf der einen Seite, Baustellenatmosphäre auf der anderen.

Aurèle Mechler und David Baur waren schon dabei, als die Deutsche Bahn hier, wo eh bald die Bagger rollen würden, vormals von Bauarbeitern genutzte Waggons an Kulturschaffende vermietete. Ende der Neunziger war das. Als bei Stuttgart 21 nichts vorwärtsging, wuchs hier eine Szene aus Kunststudenten, Musikfreaks und zwielichtigeren Gestalten. Eine Szene, deren Kunst heute breite gesellschaftliche Kreise erreicht. So hat Aurèle Mechler bereits für die Grünen im Landtag und für die Mannheimer Hell’s Angels gearbeitet. Daniel Geiger organisiert mittlerweile Ausstellungen in seinem Atelier in der Schwabstraße und verschönert Stuttgarter Clubs mit seiner Kunst.

Einst Mostobst, heute zeitgenössische Kunst

Der Innere Nordbahnhof war einst der weltweit größte Umschlagplatz für Mostobst, später wurden hier Züge gewertet. Nach der Jahrtausendwende verwandelte sich die inzwischen gottverlassene Gegend zu einer kunterbunten Oase. Junge russische Bildhauer, tschechische Maler, Hamburger Popmusiker oder finnische Fotografen zog der Stuttgarter Freiheitsstreifen an. Es gab Theaterabende, Ausstellungen und Konzerte, es wurde gegrillt und getrunken, gemeißelt und geschraubt. Die Berliner Avantgarde pilgerte auf die heruntergekommene Stuttgarter Brache, weil dort mehr Prenzlauer-Berg-Gefühl aufkam als am herausgeputzten Prenzlauer Berg.

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass die Bahn dieser Szene eröffnete: war nett mit euch, aber in vier Wochen müsst ihr weg sein. Damals war es kalter Winter und nicht ein zu warmer Herbstnachmittag wie an diesem Freitag. Baur, 37, und Mechler, 36, setzen sich auf die Stufen eines der Waggons und erzählen, wie Stuttgart sich seiner Untergrundkultur bewusst wurde. Und warum die Künstlerszene hier momentan so in Aufruhr ist.