Weitere Bezirke
 
 
Nordbahnhof Stuttgarts Prenzlauer Berg
Marc Schieferecke, 23.12.2011 14:38 Uhr
„Wir wollen, dass der Charakter des Gebiets erhalten bleibt“ – darin herrscht Einigkeit, aber nicht darüber, wie das Ziel zu erreichen ist. Foto: Archiv/Horst Rudel
„Wir wollen, dass der Charakter des Gebiets erhalten bleibt“ – darin herrscht Einigkeit, aber nicht darüber, wie das Ziel zu erreichen ist. Foto: Archiv/Horst Rudel

Stuttgart-Nord - Schwaben raus. Oder gar: Tötet Schwaben. Derlei gesprühte oder gepinselte Hetzparolen sind auf den Hauswänden im Berliner Kiez Prenzlauer Berg allgegenwärtig. Ein Brandstifter nahm sie gar wörtlich. „Aus Schwabenhass“, wie er sagte, zündete er Kinderwagen in Hausfluren an.

Dass Roswitha Blind, die Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Stuttgarter Gemeinderat, das Berliner Quartier mit dem Nordbahnhof vergleicht, mag etwas merkwürdig anmuten. Ganz abwegig ist es allerdings nicht, jedenfalls für die fernere Zukunft. Ursache des Hauptstädters Hasses auf zugezogene Stuttgarter, Reutlinger oder Sindelfinger ist, dass sie ganze Stadtviertel in Berlin in Besitz genommen haben, die von Grund auf saniert wurden. Die entsprechend erhöhten Mieten können sich die ursprünglichen Kiezbewohner schlicht nicht mehr leisten. Auf dem Prenzlauer Berg mussten deshalb innerhalb weniger Jahre die Hälfte der Mieter ihre Wohnungen verlassen.

Das Gebiet wird von Stuttgart 21 massiv profitieren

„Eine solche Entwicklung wollen wir im Norden nicht“, sagt Blind. Das Gebiet zwischen Haupt- und Nordbahnhof wird – am Ende der Bauzeit – von Stuttgart 21 massiv profitieren. Allerdings werden sich das Leben in den erblühenden Landschaften längst nicht mehr alle leisten können, die jetzt dort leben. Deshalb wollen die Genossen verhindern, dass Spekulanten Altbauten aufkaufen, abreißen und gegen Neubauten ersetzen. Sie haben beantragt, dass die Stadt das Nordbahnhofviertel mit einer sogenannten Erhaltungssatzung belegt. Im Klardeutsch: Alles soll bleiben, wie es ist.

Eine solche Satzung gilt auch für andere Quartiere der Stadt, vor allem für aus historischen Gründen erhaltenswerte, hat allerdings auch ihre Tücken: Auch An- und Umbauten sind dort nur in sehr engen Grenzen erlaubt. Was immer wieder zu Zwist führt, insbesondere, wenn Familien größer werden oder Erben die Häuser ihrer Eltern beziehen und sie verändern wollen.

Nicht nur deshalb zweifelt Peter Pätzold, der Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat, an der Wirksamkeit des Mittels. „Auch Altbauwohnungen kann man luxussanieren“, sagt er. Ähnliches gilt für Andrea Krueger, die Nord-Bezirksvorsteherin mit CDU-Parteibuch. In der Diagnose sind beide mit den Sozialdemokraten einig: Dass Mieter das Nordbahnhofviertel wegen steigender Preise verlassen müssen, „ist keine Furcht, sondern heute schon eine Tatsache“, sagt Andrea Krueger.

Arbeitslosenquote im Norden liegt deutlich über dem Schnitt

Das Gebiet um den Nordbahnhof hat mit Berlin eine vergleichbare Arbeitslosenquote von zwölf Prozent. Das liegt deutlich über dem Schnitt in Stuttgart. Vor allem der mit 37 Prozent hohe Anteil von Langzeitarbeitslosen ist auffällig. In Einheit mit einer anderen Zahl wird offenbar, dass sich die Sozialstruktur des Viertels zwangsläufig heute schon verändert: Gemäß der Statistik des Online-Immobilienvermittlers Immoscout sind die Preise für neu vermietete Wohnungen im Norden in den vergangenen zwölf Monaten um 8,3 Prozent gestiegen. Selbst im begehrten Stuttgarter Westen waren es nur zwei Prozent.

Dass sich diese Entwicklung am Nordbahnhof fortsetzt, „wollen wir natürlich auch nicht, der Charakter des Gebietes soll erhalten bleiben“, sagt Pätzold, „aber eine Stadt hat kein wirksames Instrument gegen steigende Mieten“. Es sei denn, sie kauft selbst die Häuser, was für die Landeshauptstadt allerdings so ziemlich der unwahrscheinlichste Fall ist. Krueger hingegen hofft auf heilsame Kräfte des künftigen Immobilien-Marktes. Je mehr Wohnungen im Angebot sind, meint die Bezirksvorsteherin, desto niedriger sind die durchschnittlichen Preise. „Und gerade im Norden bemühen wir uns ja, neue Wohnbauflächen aufzusiedeln“. Gleich, ob es gelingt, die Mieten auf ein für die heutigen Bewohner bezahlbares Maß zu zügeln – zumindest dürfte am Nordbahnhof kein Schwabenhass zu erwarten sein.

Kommentare (0)
Autor*
Betreff*
Ihr Kommentar*
Optionale Felder
Die Redaktion veröffentlicht ausgewählte Kommentare auch in der gedruckten Ausgabe der Stuttgarter Zeitung. Voraussetzung ist, dass der Beitrag mit Namen, Postanschrift und E-Mail (Adressen werden nicht veröffentlicht) vorliegt.
Email-Adresse (wird nicht veröffentlicht)
Anschrift