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Norwegen Pilgern mit Troll-Zoll

Von Bettina Bernhard aus Trondheim 

Pilgerwandern ist, wenn Menschenmassen der Jakobsmuschel nach Santiago de Compostela folgen. Oder aber: Wenn einsame Wanderer auf Sankt Olavs Spuren durch Norwegens Wildnis zum Nidarosdom ziehen.

Steinhaufen mit Symbolkraft: Im Dovrefjell-Gebirge, der höchsten Etappe des Pilgerweges, legen Pilger mit einem Stein aus ihrer Heimat hier alle Last ab. Foto: Bernhard
Steinhaufen mit Symbolkraft: Im Dovrefjell-Gebirge, der höchsten Etappe des Pilgerweges, legen Pilger mit einem Stein aus ihrer Heimat hier alle Last ab. Foto: Bernhard

Trondheim - Dichter Mischwald kleidet die Hügel zu beiden Seiten des Gudbrandsdals. Unten mä-andert blaugrün der Fluss Lågen, gesäumt von saftig grünen Wiesen. In der Ferne schimmert ein spätes Schneefeld, und der Himmel präsentiert großes Wolkenkino. Nur einige einzeln stehende dunkelrote Holzhäuser mit weißen Fensterläden verraten, dass hier Menschen wohnen.

Einer davon ist Per Gunnar Hagelien, der Leiter des Pilgercenters Dale-Gudbrand. Sieben solche Stationen säumen die 643 Kilometer lange Strecke von Oslo nach Trondheim - den längsten und bekanntesten der St.-Olavs-Wege. 2010 ernannte der Europarat die norwegischen Pilgerrouten zum Europäischen Kulturweg, ein Titel, den bis dato nur der Jakobsweg trug. Markiert sind sie allesamt mit dem roten Olavskreuz, dessen Enden Speerspitzen ähneln. Nicht ohne Grund, denn König Olav Haraldsson war ein großer Kämpfer. Er vereinigte die zahlreichen kleinen Königtümer in Norwegen und vertrieb in mehreren Schlachten die dänischen Besatzer.

Dabei ließ er 1030 sein Leben. Man beerdigte ihn in Nidaros, dem heutigen Trondheim, und weil sich die Geschichten über seine Wundertaten häuften, sprach man ihn schon ein Jahr später heilig. Seine Grabstätte mauserte sich zum wichtigsten Wallfahrtsort des Nordens. Der Nidarsdom und zahlreiche Herbergen entstanden und nahmen die Pilgerströme auf. Dumm nur, dass Norwegen 1536 konsequent protestantisch wurde. Damit war Pilgern tabu, ja sogar bis Mitte des 20. Jahrhunderts verboten. „Natur, Geschichte, Spiritualität“, antworten Hagliens Pilgergäste pro Jahr auf die Frage nach ihren Beweggründen. Der Olavsweg hat von alldem reichlich. Man wandert durch Nationalparks, Gebirge und Wälder, Flüsse und Seen säumen die uralten Handels- und Reisewege. Geschichte ist allgegenwärtig.

„Hier ist unser Gott, und er ist stark“

Im Pilgercenter Dale-Gudbrand macht ein kleines Museum die Mühen früherer Pilger anschaulich, und ein Wandbild erzählt von dem Wunder, das Olav hier wirkte: Als der König mit seinen Mannen in das entlegene Tal kam, um den Menschen das Christentum zu bringen, präsentierten die ihm stolz eine riesige Holzstatue von Thor. „Hier ist unser Gott, und er ist stark“, sagten sie.

„Wo ist dein angeblich so mächtiger Gott? Olav zeigte gen Osten, und während die Talbewohner ratlos in die aufgehende Sonne starrten, hieb ein Soldat die Thor-Statue von ihrem Podest. Sie zerbrach in tausend Stücke, und heraus quollen Ratten und Maden, die sich an den Opfergaben fett gefressen hatten. Bei diesem Anblick fielen die Gudbrandsdaler bekehrt auf die Knie.

Dämmerlicht, nur durch Kerzen erhellt, schmale, kurze Betten, knarzende Holzböden - in Sygrad Grytting kann der Pilger-wanderer Geschichte live erleben. Der mehr als 700 Jahre alte Hof war ursprünglich eine Pilgerherberge. Darauf besann sich Stig Grytting, als er den denkmalgeschützten Familienbesitz in ein kleines, stilvolles Hotel umbaute. Kein Zimmer gleicht dem anderen, antikes Mobiliar, Bilder von den Altvorderen und historische Tapetenmuster vereinen sich zu einer bewohnbaren Geschichtsstunde.

Luxus pur sind auch die Waffeln

Ein Teil der weitläufigen Hofanlage dient heute wieder Pilgern als Herberge. In den Gebäuden aus rohen Balken kommen sie mit ihrem Pilgerpass für vergleichsweise kleines Geld im Schlafsaal unter. Dieser Deal gilt in allen rund 50 Pilgerherbergen entlang des Olavsweges. Oft hat man aber auch die Wahl zwischen echtem Pilger-Feeling mit Gemeinschaftsbad und Selbstversorgung oder Luxus für die müde gewanderten Knochen bei Halbpension im Einzel- oder Doppelzimmer. Luxus pur sind auch die Waffeln, die Erik Langdalen auf dem Pilgerhof Budsjord mit Rahm und Rhabarberkompott serviert. Budsjord bot schon im Mittelalter Pilgern die letzte Herberge vor der schwierigen Bergetappe über den Dovrefjell.

In den 1990ern entdeckte Langdalen das Kleinod mit seinen dekorativen Grasdächern und baute es zur heimeligen Herberge für Pilger, Wanderer und Familien aus. Bereits wenige Hundert Meter nach dem Abschied sind die Waffeln abgearbeitet, denn die Holzschildchen mit dem Olavskreuz weisen steil nach oben. Wer hat behauptet, Norwegen hätte nur Hügel? Hölzerne Stufenkonstruktionen helfen über die letzten Weidezäune, dann lässt man Zivilisation und Baumgrenze unter sich.

Jetzt dominieren Erika, Wacholder und Krähenbeere die Vegetation, das Olavskreuz prangt auf stabilen Schieferplatten. Geräuschvoll plätschern eiskalte Bäche in ihrem steinernen Bett und laden zur Trinkpause ein. In dieser windzerzausten kargen Bergwelt leben Rentiere und Moschusochsen, deren Stammbaum bis in die Eiszeit zurückreicht. Ein mächtiger Steinhaufen am höchsten Punkt zeigt, wer hier der Chef ist: Dovregubb, der König der Trolle, residiert hier. Wer sein Reich durchqueren will, muss ihm ein Türmchen bauen, sonst wirft er mit Felsbrocken. Stattdessen oder zum Troll-Zoll legen heute Pilger mit einem Stein aus ihrer Heimat alle Last ab.

Am Ende warten das Wasser und John Wanvik

Jenseits des Dovrjeviell scheint tatsächlich manches leichter zu werden. Liegt es daran, dass sich die Beine ans Laufen gewöhnt haben; oder daran, dass die „km to Nidaros“ weniger werden? Vielleicht auch daran, dass der Weg nun fast eben durch lichte Birkenwäldchen und auf Holzplanken durch moosige Sumpfgebiete führt. Am Ende warten das Wasser und John Wanvik. Er rudert Pilger über den Fluss Gaula, wie das schon vor fast 1000 Jahren Sitte war. Auf der anderen Seite empfängt die Wanderer seine Pilgerherberge, eine Mischung aus Puppenstube und Museum. Nach einer Nacht im Bettkämmerchen mit Vorhang und einem Morgenkaffee mit Blick auf den Fluss mag keiner weg.

Aber es hilft ja nichts, die letzte Etappe steht an. Noch einmal geht es in sanftem Auf und Ab durch verwunschene Wälder und vorbei an tiefblauen Seen. Doch die Schilder werden zahlreicher und die Menschen auch. Wenig später der erste Blick auf das große Ziel: Kupfern glänzt der zentrale Turm des Nidarsdoms, und schon aus der Ferne erahnt man die Pracht der größten gotischen Kathedrale Skandinaviens. Kein Wunder, dass hier bis heute Könige gekrönt werden. „Viele starten als Sportler und kommen als Pilger an“, weiß Cathrine Roncale, die im Pilgercenter beim Dom jährlich rund 1500 Pilger empfängt.

Es ist in der Tat ein erhebendes Gefühl, wenn man den 0-km-Stein berührt, an der reich verzierten Fassade des Doms hinaufblickt und dann wie die alten Pilger auf verschlungenen Wegen in Marias Kapelle geführt wird, wo Pilger - und nur sie - ankommen dürfen. Am Ziel und bei sich selbst.