Noverre-Gesellschaft: Junge Choreographen Spaß auf der anderen Seite

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Noverre-Gesellschaft stellt in der Spielstätte Nord wieder „Junge Choreographen“ vor. Auch in diesem Jahr ist das künstlerische Potenzial des Nachwuchses enorm.

Beethoven, tänzerisch dekonstruiert: Katarzyna Kozielskas „Symph“. Foto: Ballett
Beethoven, tänzerisch dekonstruiert: Katarzyna Kozielskas „Symph“.Foto: Ballett

Stuttgart - Die Geigen haben kaum Zeit, ihre Melodie zu klagen, die Triolen der Kontrabässe sind unerbittlich. Ein Mann und vier Frauen nehmen die Dynamik auf, vereinzelt und dennoch gemeinsam vollführen sie zu Max Richters minimalistischer Komposition „November“ abgezirkelte, gebrochene Bewegungen, sie neigen ihre Oberkörper oder verschränken ihre Arme zu Guckkästen. Hernach wird Little Jimmy Scott mit unvergleichlich rauen Sopranstimme seine Version von „Nothing Compares to You“ singen, während die eine Frau (Elisa Badenes) ihren Gefühlen freien Lauf lässt und ein Paar (Mariya Batman und Louis Stiens) sanfte Annäherungen wagt. „Hiraeth“, der walisische Begriff für unergründbare Sehnsucht oder unstillbares Heimweh, nennt die freie Tanzschaffenden Wubkje Kuindersma ihre poetische Choreografie, die nun mit Tänzern des Stuttgarter Balletts auf der Bühne der Spielstätte Nord Premiere gefeiert hat. „Hiraeth“ bildet den gelungenen Auftakt für die Neuauflage des jährlichen Tanzabends der Noverre-Gesellschaft, bei dem junge Choreografen eigene Kreationen präsentieren. Und diesmal gibt Rainer Woihsyk, Vorsitzender der Noverre-Gesellschaft, gleich zehn neuen Werken eine Chance: sieben aus dem Haus des Stuttgarter Balletts sowie der John Cranko Schule, drei von außerhalb.

Neben Kuindersma sind noch Dénes Darab vom Slowenischen Nationalballett Maribor sowie die ligurische Choreografin Lucia Bosch zu Gast. Letztere hatte sich Gedanken gemacht und mit „Pensiero“ ihrem Landsmann Edoardo Boriani, dem Corps-Tänzer in Stuttgart, zu Bachs Cellosolo-Suiten eine kleine Etüde auf den Leib geschneidert. Auch Darab beweist körperliche Fähigkeiten zu Michael Nymans minimalistischen Klängen, kommt aber mit „D-113“ über schiere Ästhetik nicht hinaus. Anders Fabio Adorisio, der in diesen Sommer seine Ausbildung an der Cranko-Schule abschließt: Wie er in seiner erst zweiten Arbeit „Mortal Sospiro“ – ebenfalls zur Kopfkinomusik von Max Richter – zwei seiner Mitstudierenden (Mariana Layun und Davit Khumaryan) die Konflikte einer Beziehung ausleben lässt, zeugt von Talent.

Die Stuttgarter Tänzer zeigen ihr choreographisches Potenzial

Mann und Frau stehen denn auch im Fokus der Werke des Halbsolisten David Moore und des Corps-Mitglieds Özkan Ayik, einem der Choreografie-Neulinge an diesem Abend. Während Moore in seinem „Manomanca“ mit der Ersten Solistin Alicia Amatriain zum knorrigen Folk-Rock von Asaf Avidan mit reduzierten, jazzig angehauchten Schritten, Stampfern und nur mit Blicken die Beziehungsfetzen fliegen lässt, geben sich in Ayiks „Down Down“ dessen Kompaniekollegen Rocio Aleman und Clemens Fröhlich reizvollen, neoklassischen Attitüden hin. Neoklassisch und kammermusikalisch – zur Streicherkomposition von Alberto Iglesias – kommt auch das neue Stück des Halbsolisten Brent Parolin daher: In „3 Grad“ variieren drei Paare in Rottönen balanchinesk skulpturale Hebungen und Positionen.

Eine Überraschung bietet der zweite Ersttäter an diesem Abend: Solist Daniel Camargo. Es ist frisch und frech, wie er in „Do outro Lado“ zur Musik von Edit Ants noch Breakdance, Jazz oder Modern mixt – auch die Dramaturgie stimmt „Auf der anderen Seite“. Fesselnd, wie sich Nicholas Jones und Robert Robinson in einem blendenden Lichtkegel zunächst im Zeitraffer bewegen, um sich zu „action“ mit Verve und Können ins Tanzgetümmel zu stürzen.Mitreißend, mit wunderbarer Ironie präsentieren zudem Matteo Crockard-Villa, Jesse Fraser und Alexander Gowan Roman Novitzkys „Are you as big as me“. Offensichtlich hat das Boy-Trio viel Spaß, boxend und in maskulin-femininen Posen miteinander zu konkurrieren, während der Klezmer-Rocker Hazmat Modine knurrt, wer der Größere sei. Das möchte man wieder sehen! Als sichere Bank erweist sich wieder Katarzyna Kozielska. Ihr „Symph“ ist Programm: Mit schrägen Hebungen, geknickten Füßen, hängenden Schultern und Pseudopathos dekonstruiert sie Beethovens Fünfte und Vivaldis „Jahreszeiten“ und beschließt einen vergnüglichen Noverre-Abend mit enorm viel Potenzial.

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