NS-Zeit in Waiblingen Geschichte(n) auf Schritt und Tritt

Von Annette Clauß 

Ein Rundgang durch die Kreisstadt führt zu Orten, die in der NS-Zeit eine wichtige Rolle gespielt haben.

Ein Werk der NS-Zeit: der   Kämpfer „Erno Foto: Frank Eppler
Ein Werk der NS-Zeit: der Kämpfer „Erno Foto: Frank Eppler

Waiblingen - Erno hat das Kriegsende unbeschadet überstanden. Das Bildnis des heroischen Kämpfers prangt, im Gegensatz zu anderen Symbolen und Kunstwerken aus der Nazizeit, bis heute unversehrt an der Fassade des Beinsteiner Torturms in Waiblingen. Die amerikanischen Streitkräfte haben offenbar keinen Anstoß an der Darstellung genommen, die eine Szene aus dem Jahr 1519 darstellt, aber von 1938 stammt und aufgrund einer Initiative des Reichministers für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, entstanden ist. Der hatte bereits 1936 angeordnet, „den öffentlichen Bauten ein dem Kulturwillen des 3. Reichs entsprechendes Gepräge zu verleihen“.

Der heroische Kämpfer ist jünger als gedacht

Ein Grund, das Beinsteiner Tor bei einem Rundgang anzusteuern, der rund 20 Teilnehmer an Schauplätze der NS-Zeit in Waiblingen führte. Organisiert wurde dieser vom Historiker Hans Schultheiß, dem Stadtführer Klaus Scheiner und von Tanja Wolf, der Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte, Museum und Stadtarchiv.

„Die Leute konnten es nicht fassen, dass Erno etwas mit den Nazis zu tun hat, sie glaubten, er sei schon immer am Turm gewesen“, erinnert sich Klaus Scheiner an den Sturm der Entrüstung, den Hans Schultheiß als frisch gebackener Stadthistoriker im Jahr 1995 mit dieser Tatsache entfacht hat. Als das Bild auch noch zeitweise mit einer weißen Fahne verdeckt wurde – eine Erinnerung daran, dass zwei Waiblinger Bürger die Stadt am 21. April 1945 kampflos an die amerikanischen Streitkräfte übergeben hatten – haute so mancher Leserbriefschreiber in der Lokalzeitung auf die Pauke: von „Provokation“ bis „dämlichste Schnapsidee, die jemals den Bürgern präsentiert wurde“ war da zu lesen. „Ich wollte das Bild nicht weg haben, ich will es als Zeugnis erhalten“, betont Hans Schultheiß.

Walther Müller – Täter oder Opfer?

Auch das Grab des Mediziners und Lebemanns Walther Müller auf dem Friedhof hätte er gerne erhalten. Tatsächlich aber wächst dort, wo bis vor wenigen Jahren eine schweren Steinplatte an den strammen Nazi erinnerte, nur noch Rasen. Müller, der als unehelicher Sohn eines jüdischen Vaters auf die Welt gekommen und später von evangelischen Pflegeeltern adoptiert worden war, war 1933 wegen seiner Herkunft angezeigt worden. Das sichere Ende seiner Laufbahn als verbeamteter Oberarzt am Krankenhaus. Am 27. Juli 1933 beging er Selbstmord.

War Müller ein Opfer oder ein Täter? Der Gemeinderat hat damals mit knapper Mehrheit beschlossen, das Grab aufzulösen. „Ich war darüber entsetzt“, sagt Klaus Scheiner. Bei einer Bürgerversammlung mit Vortrag hätten sich zuvor zwei Drittel der Anwesenden für einen Erhalt der Grabstätte ausgesprochen – ergänzt durch eine Tafel mit Erklärungen. Nur wenige Schritte entfernt von Müllers letzter Ruhestätte liegt eine weitere Station der Tour: 32 Gräber von Opfern des Naziregimes, Zwangsarbeiter aus Russland, Polen, Belgien und neun Kinder, die starben, bevor sie das zweite Lebensjahr erreichten.

Ein Mahnmal für alle Kriegsopfer

Vor dem Ratssaal erinnert die 1960 aufgestellte Bronzeskulptur Pieta von Fritz Melis an alle Kriegsopfer. Ein Novum, so Schultheiß – zuvor waren solche Denkmäler nur den gefallenen Soldaten gewidmet. Knapp 25 Jahre zuvor haben sich gleich um die Ecke, am Marktplatz, üble Szenen abgespielt: Der Ladenbesitzer Paul Ilg, ein Zeuge Jehovas und daher Nichtwähler, musste sich vor seinem Laden als Volksverräter beschimpfen lassen, weil er nicht an der Reichstagswahl teilgenommen hatte.

Auch den evangelischen Dekan Hermann Zeller habe der Glaube dazu veranlasst, sein Leben und das seiner Familie zu riskieren, erzählt Klaus Scheiner vor dem Dekanatsgebäude in der Kurzen Straße. „Eigentlich war Zeller wie viele Pfarrer deutschnational gesinnt.“ Dennoch gewährte die Pfarrfamilie dem untergetauchten jüdischen Ehepaar Ines und Max Krakauer Unterschlupf. „Ihre Motivation war die christliche Überzeugung. Deren Werte hat sie höher bewertet, als die der Partei.“