NSU-Mordattentat von Heilbronn Was kann der letzte Zeuge beitragen?

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Der Polizeibeamte Martin A. hat das Mordattentat von Heilbronn überlebt. Bisher ist er sorgsam von höchster Stelle abgeschirmt worden, aber bald soll er beim NSU-Prozess in München auftreten. Was kann der Mann beitragen?

Absperrungen auf der Heilbronner Theresienwiese: Polizeibeamte sichern nach den Schüssen auf Michèle Kiesewetter und ihren Kollegen die Spuren am Tatort. Außer der Polizisten fielen zahlreiche andere Menschen dem NSU-Terror zum Opfer, wie unsere Fotostrecke zeigt. Foto: dpa 18 Bilder
Absperrungen auf der Heilbronner Theresienwiese: Polizeibeamte sichern nach den Schüssen auf Michèle Kiesewetter und ihren Kollegen die Spuren am Tatort. Außer der Polizisten fielen zahlreiche andere Menschen dem NSU-Terror zum Opfer, wie unsere Fotostrecke zeigt.Foto: dpa

Heilbronn - Womöglich hat ihm, als der Schuss fiel, eine instinktive Kopfbewegung das Leben gerettet. Die Pistolenkugel durchschlägt den Kopf des Martin A. an der Seite, in der Nähe des rechten Ohrs. Der 24-jährige Streifenbeamte wird schwer verletzt. Seine Kollegin Michèle Kiesewetter, 22, überlebt den Mordanschlag auf der Heilbronner Theresienwiese nicht. Die Beamten machen, im Streifenwagen sitzend, am Rand des Festplatzes wohl Mittagspause, als sie kurz nach 14 Uhr von hinten überfallen werden. Es ist der 25. April 2007.

Die am nächsten Tag herausgegebene interne WE-Meldung der Polizeidirektion Heilbronn (WE für Wichtiges Ereignis) vermerkt, dass den Beamten die Dienstwaffen geraubt wurden. Michèle Kiesewetter fehlen zudem ein Ersatzmagazin, die Handschließe und ein Pfefferspray. „Staatsschutzdelikt: Nein“, urteilt die Heilbronner Polizei in diesem ersten Protokoll, eine Fehleinschätzung, die von den Ermittlungsbehörden fatalerweise noch lange verteidigt werden wird.

Die Überlebenskraft des Polizeibeamten Martin A. könnte rückblickend Stoff für eine Heldengeschichte sein. Ärzte retten ihn, er erholt sich von der schweren Verletzung, bewältigt nach und nach das Trauma des Attentats, rappelt sich während einer langen Rehabilitation wieder auf, absolviert eine Weiterbildung zum Kommissar und kehrt zurück in den Polizeidienst. Er ist intern eingesetzt, muss nicht wieder hinaus ins Feld, aber wer weiß, vielleicht will und schafft er das eines Tages auch wieder.

Keiner soll den Polizisten ausfindig machen

Leider ist dieser Mutmachergeschichte das glückliche Ende abhandengekommen. Seit dem 4. November 2011, dem Tag, als die NSU-Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aufflogen, geht es Martin A. glaubhaften Berichten zufolge wieder schlecht. Er hat Angst. Sie wird dadurch verstärkt, dass auf den inzwischen 31-Jährigen die internationale Bühne des NSU-Prozesses in München wartet. Der Versuch der Stuttgarter Zeitung, mit ihm zu reden, scheitert im Ansatz, statt seiner meldet sich das Innenministerium, bittet um Verständnis und Rücksicht, beruft sich nicht zuletzt auf interne schriftliche Bitten des Polizisten, man möge ihn nicht der Öffentlichkeit preisgeben.

Auf der mehr als 600 Namen umfassenden Zeugenliste des NSU-Prozesses ist der Name A. der letzte. Auffälligerweise fehlt eine ladungsfähige Adresse, dem Oberlandesgericht München ist seitens der Stuttgarter Landespolizei die Taubenheimstraße in Bad Cannstatt genannt worden, Sitz des Landeskriminalamtes. Es handelt sich, weil das LKA gar nicht Dienststelle des Zeugen ist, um eine Schutzmaßnahme der baden-württembergischen Sicherheitsbehörden. Kein Rechtsextremer, auch kein Trittbrettfahrer oder Wirrkopf irgendwo draußen soll den Polizisten ausfindig machen können.

Ein Freitagabend im Dorf Dellmensingen im Alb-Donau-Kreis, der Sindelfinger CDU-Bundestagsabgeordnete Clemens Binninger hält bei einer Versammlung des Parteikreisverbandes im Gasthof zum Hirschen einen Vortrag zur inneren Sicherheit. Im Nebenzimmer hat er noch Zeit für ein kurzes Gespräch über seine Arbeit als CDU-Obmann im NSU-Ausschuss. Als er dabei erfährt, dass Martin A. vor Gericht erscheinen soll, entfährt Binninger ein ungläubiges „Nein“. Der Abgeordnete, selber einmal Polizist, hatte den Beamten getroffen, mit ihm gefühlt danach und die Ausschusskollegen überzeugt, auf eine Zeugenvernehmung in Berlin zu verzichten.

A.s Erinnerungen sind detailreich

Der aus dem Rems-Murr-Kreis stammende FDP-Bundestagsabgeordnete Hartfrid Wolff erinnert sich noch gut an die Diskussion im Ausschuss über A. , der Ende 2011 psychisch „in ein Loch gefallen“ sei. „Er gehört auch zu den Opfern der NSU“, sagt Wolff in seinem Waiblinger Büro, in dem er sich jetzt während der heißen Phase des Wahlkampfs viel aufhält. Im Ausschuss habe man sich mit dem polizeilichen Vernehmungsprotokoll des Polizisten begnügt, „obwohl es schon noch Fragen gegeben hätte“. Zum Beispiel, was A. über die Weltanschauung Michèle Kiesewetters weiß oder ob in der Polizeieinheit über den Ku-Klux-Klan geredet wurde.

Obwohl Martin A. sich an das Attentat von 2007 nicht bewusst erinnern kann, hat er Aufzeichnungen zum Tattag geliefert. 2008 willigte er ein, sich einer forensischen Hypnose zu unterziehen. Das ist ein probates kriminalistisches Verfahren, das schon überraschende Erfolge gebracht hat. So hatte, nach monatelanger vergeblicher Fahndung, die Hypnose eines Zeugen im Fall des Karlsruher Autobahnrasers den entscheidenden Hinweis geliefert. Ein Daimler-Versuchsingenieur hatte im Juli 2003 einen Kleinwagen von der Autobahn 5 bei Karlsruhe gedrängt, eine junge Mutter und ihr Kleinkind starben. Der Zeuge konnte sich unter Hypnose an wichtige Teile eines Nummernschildes erinnern; die Spur führte tatsächlich zum Täter.

Martin A.s Erinnerungen an die Heilbronner Festwiese sind chronologisch nicht konsistent, aber teils stimmig und detailreich. Aufgrund der Angaben konnte ein Phantombild des mutmaßlichen Mordschützen angefertigt werden. Es hat aber ein zentrales problematisches Merkmal: Zu sehen ist ein dunkelhaariger Mann, dessen Gesichtszüge mit den Terroristen Böhnhardt und Mundlos nicht das Geringste gemein haben. Die zuständige Staatsanwaltschaft untersagte damals die Veröffentlichung der Phantomzeichnung. Den Unbekannten konnte es nicht geben, schließlich jagte der gesamte baden-württembergische Ermittlungsapparat längst eine angeblich durch die Lande reisende Killerin, das „Phantom“ von Heilbronn.

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Phantome II: Noch eine Ergänzung : Putin und vielleicht einige andere undatierte Phantome könnten hinzugefügt worden sein um das Datum der Hypnose zu verschleiern. Denn wenn das asymetrische Phantom so entstanden ist, dann wäre das während Martin A. eigentlich im Krankenhaus hätte sein sollen. Das Unterfangen wurde dann aber anscheinend eher halbherzig umgesetzt. Ich vermute mal die liess man sowieso alle sogleich in der Schublade verschwinden, ähnlich den drei NSU-Kontaktlisten. Denn eines der Phantome, die Nr.9( PDKPHN D42 27.04.2007 ) hat einen beinahe einzigartigen Mund der ganz dicht an der Nase ist. So einen Mund hat auch der letzte Kunde von Theodoros Boulgarides, dem siebenten Opfer des NSU. Die Augenpartie kommt auch etwa hin, der eine ist schmaler, aber sie haben beide das gleiche herausragende Merkmal.Einer ist blond, der andere dunkel, aber das kann ja gefärbt sein. http://www.spiegel.de/fotostrecke/neue-spuren-doener-morde-spur-im-rechtsextremen-milieu-fotostrecke-75064-5.html Hätte man die Phantombilder mit anderen aus ungelösten Mordfällen verglichen hätte das auffallen müssen. Die folgende Abbildung zeigt rechts das Phantombild, das nach den Angaben von Martin A. 2010 entsanden ist, allerdings wurden ihm Mund und Nase des asymetrischen Phantoms transplantiert( zuzüglich Stirnlocken und Ohren, das ist optional ). Links ist zum Vergleich Mevlüt K. zu sehen. https://www.facebook.com/photo.php?fbid=139302589610081&l=8e69a4f866 ( ich kann gerne ein schlichtes how-to posten )

Phantome: Laut Focus gehen zwei Phantombilder auf die Beschreibungen von Martin A. zurück, eines wurde '08 unter Hypnose angefertigt, und ein weiteres '10 im Wachzustand. Demnach müsste A. bewusste Erinnerungen haben. Die Phantombilder wurden von der Kontext-Wochenzeitung und dann von Hajo Funke veröffentlicht. Unter den Bildern befindet sich das von '10, aber laut Beschreibungen soll das von '08 nicht dabei sein. In dem als Fälschung geltenden DIA-Protokoll, das dem stern zugespielt wurde, wird ein Mevlüt Kar erwähnt. Bei Kar handelt es sich um den Verbindungsmann von der islamistischen Sauerlandgruppe zu Al Quaida, Kar hatte schon für den türkischen Geheimdienst MIT in Absprache mit der CIA gearbeitet. Der wirkt also erstmal reichlich deplaziert in dem Szenario. Aber es gibt ein Foto von Kar( einfach über die Google-Bildersuche zu finden ), trotz der schlechten Auflösung kann man erkennen das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Phantombild, das '10 nach Angaben von Martin A. angefertigt wurde, besteht. Der Mund passt nicht so gut, dafür sind Kinn und Schläfen sehr ähnlich, die Augebrauen kommen etwa hin. Kar hat ein etwas länglicheres Gesicht, aber eine Ähnlichkeit ist vorhanden. Ein weiteres Phantom hat auf den ertsen Blick nicht so viel Ähnlichleit mit Kar, aber auch nicht mit anderen real existierenden Personen, denn die eine Gesichtshälfte ist deutlich grösser als die andere. Aber dieses Phantom verfügt über Mund und Nase die denen von Kar sehr ähnlich sehen. Das Hypnose-Phantombild von '08 soll laut Focus mit Schwerpunkt Mundbereich erarbeitet worden sein... Natürlich sollten die Persönlichkeitsrechte von Martin A. geschützt werden. Aber nicht die der Person die auf ihn schoss. Falls sowohl Kar als auch der NSU, vielleicht auch noch der KKK, an dem Mord beteiligt wären könnte das eigentlich nur von Geheimdienstlern so organisiert worden sein. Putin soll übrigens wahrscheinlich tatsächlich Putin darstellen, das Phantombild ist unten rechts signiert. Ein Scherz.

@Na Klar!: In diesem Ausmaß "versagende" Staatsapparate MÜSSEN derartige Spekulationen, die Jon anstellt, geradezu provozieren. Wen es Ihnen tatsächlich Ernst ist, sollten Sie sich mit den Anmerkungen von Jon auseinandersetzen, wenn es die offiziellen Behörden schon nich können oder wollen.

@Na Klar!,: soso, und worin liegt nun die Polemik? Es gibt keinen zweifelsfreien Beweis, dass vom NSU Trio jemand am Tatort war. Das Tatgeschehen war anders als an den Orten, wo die NSU-Täterschaft zweifelsfrei ist. Dass der Vorgesetzte von Frau Kiesewetter KKK-Mitglied war ist auch sicher. Das ein Polizistenmord nicht aufgeklärt wird ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Die Wattestäbchengeschichte ist bis heute nicht geklärt. Die genaue Täterbeschreibung des überlebenden Polizisten lässt keinen Zusammenhang mit NSU erkennen. Bis heute sind die Verbindungen der baden-württembergischen Polizei zu rechtsterroristischen Kreisen nicht geklärt, im Gegenteil wird vom Ministerium gemauert und nicht aufgeklärt. Es sind also genug Fragen, die der Klärung bedürften. Der Untersuchungsausschuss hat den institutionellen Rassismus bei Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden festgestellt. usw usw. Es gibt keinerlei Anlass den offiziellen Darstellungen Glauben zu schenken. Und ja, die Sache ist ernst, vielleicht ernster als man es dem Bürger glauben machen möchte.

Göppinger Kennzeichen in Heilbronn?: Die Frage ist was haben die zwei Polizisten in Heilbronn gemacht? War nicht auch dieser Kuklux Klan Typ Vorgesetzter von Kiesewetter in Göppingen?

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