NSU-Terror Die vielen Rätsel des 4. November 2011

Von Andreas Förster 

Am Tag des spektakulären Endes des NSU-Terror-Trios am 4. November 2011 hat es viele seltsame Ereignisse gegeben. Auch zwei Untersuchungsausschüsse haben sie nicht aufgehellt.

Hatten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos beim spektakulären Ende des  NSU-Terror-Trios Mittäter?  Zwei Untersuchungsausschüsse haben das  nicht geklärt. Foto: dpa
Hatten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos beim spektakulären Ende des NSU-Terror-Trios Mittäter? Zwei Untersuchungsausschüsse haben das nicht geklärt.Foto: dpa

Berlin - Der 4. November 2011: In einem brennenden Wohnmobil in Eisenach liegen die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos; in Zwickau explodiert wenige Stunden später die Wohnung, in der die beiden jahrelang zusammen mit Beate Zschäpe lebten. In Fahrzeug und Wohnung werden anschließend die Tatwaffen von zehn unaufgeklärten Morden, Beute aus ebenfalls ungeklärten Banküberfällen und mehrere DVDs gefunden, auf denen sich die unbekannte Organisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zu einer Mordserie bekennt.

Man kann auch sagen: Den deutschen Sicherheitsbehörden fiel an diesem Tag die Aufklärung einer terroristischen Verbrechensserie in den Schoß, von deren Existenz sie bis dato gar keine Ahnung hatten.

Das spektakuläre Ende des NSU-Trios, das fast 14 Jahre lang im Untergrund lebte, ist bis heute rätselhaft. Was daran liegt, dass die Ermittler die Geschehnisse des 4. November 2011 nie aufgeklärt haben. Dabei sind die Rätsel jenes Tages der Schlüssel zur Frage, ob es sich beim NSU nicht doch um eine größere Terrorgruppe handeln könnte und ob deren Treiben den Behörden über all die Jahre tatsächlich so verborgen geblieben ist, wie sie es behaupten.

Die Feuerwehr durfte nicht ins ausgebrannte Wohnmobil

Zwei Landtags-Untersuchungsausschüsse in Thüringen und Sachsen nehmen seit Monaten die Abläufe dieses 4. November unter die Lupe. Und sie hören Zeugen, die von Ermittlern bisher nie befragt wurden. Diese Zeugen konnten den Parlamentariern mehrere bisher unbekannte Details berichten, die neue Fragen aufwerfen.

Der Einsatzleiter der Eisenacher Berufsfeuerwehr etwa gab an, dass seinen Leuten der Zutritt zu dem ausgebrannten Wohnmobil von der Polizeiführung vor Ort ausdrücklich verboten wurde. Selbst eine Nachkontrolle, mit der üblicherweise nach Glutnestern gesucht wird, untersagte man ihnen. Der Einsatzleiter selbst hatte dennoch Fotos im Inneren des Wohnmobils angefertigt, um den Einsatz zu dokumentieren. Die Polizei aber beschlagnahmte die Speicherkarte der Kamera und gab sie erst Monate später wieder zurück – vollständig gelöscht. Bis heute sind diese Aufnahmen, die ersten Fotos aus dem Inneren des Wohnmobils, verschwunden. In den Akten finden sich nur die Tatortfotos, die Stunden später, nach dem Abtransport des Fahrzeugs in eine Garage, von der Polizei gefertigt worden waren.

Auch dieser Abtransport des Fahrzeugs wirft Fragen auf. Warum blieb das Wohnmobil nicht am Tatort, so wie es in vergleichbaren Fällen üblich ist, um Leichen und Waffen zu bergen und die Spurensicherung zu ermöglichen? Nur drei Stunden nach den tödlichen Schüssen ließ der Polizeieinsatzleiter gegen den Rat der Kriminaltechniker das Auto in die Garagenhalle eines Abschlepp-Unternehmens bringen. Durch den Transport, das bestätigten Experten im Erfurter Untersuchungsausschuss, habe sich die Spurenlage im Fahrzeug deutlich verändert. „Im Nachhinein lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren, was zum Zeitpunkt X in dem Wohnmobil tatsächlich passiert ist“, sagte einer von ihnen aus. Das betrifft auch die bisher nicht eindeutig geklärte Ursache des Feuers, das Mundlos innerhalb von Sekunden und angeblich ohne Brandbeschleuniger im Fahrzeuginnern unmittelbar vor seinem Selbstmord angefacht haben soll.

Ein mysteriöser Handy-Anruf

Rätsel gibt es auch um das Feuer in der Zwickauer Frühlingsstraße. Zschäpe soll, nachdem sie vom Tod ihrer beiden Freunde erfahren hat, den Inhalt eines Zehn-Liter-Kanisters Benzin in der Wohnung verteilt und in Brand gesetzt haben, kurz bevor sie das Haus verließ, heißt es in der Anklageschrift. Als sie auf der Straße vor dem Haus war, riss eine Detonation die Fassade auf. In dem Brandgutachten kann man jedoch lesen, dass es mindestens eine halbe Stunde gedauert haben dürfte, bis sich ein solch explosives Luft-Gas-Gemisch bilden konnte. Hatte sich Zschäpe also noch 30 Minuten lang in der Wohnung aufgehalten, inmitten des ausgeschütteten Benzins, um dann gerade noch rechtzeitig das Haus zu verlassen? Und wie hat sie das Feuer überhaupt gezündet? Dafür gibt es keine Erklärung.

Ungeklärt ist schließlich auch die Frage, woher Beate Zschäpe überhaupt vom Tod ihrer beiden Freunde erfuhr. Zweieinhalb Stunden nach den tödlichen Schüssen im Wohnmobil muss sie die Nachricht erhalten haben. Das rekonstruierten die Fahnder anhand des Internetverlaufs von Zschäpes Computer am 4. November 2011. Aber auf welchem Weg kam die Nachricht?

Und noch ein Rätsel: Kurz nach ihrer Flucht aus der Frühlingsstraße wird Zschäpes Handy angewählt. Durch die Funkzellenauswertung erfahren die Ermittler die Nummer des Anrufers – es gehört zu einem Handy, das auf das sächsische Innenministerium zugelassen war. Es ist das Diensthandy des Zwickauer Kriminaldauerdienstes (KDD). Der KDD-Beamte aber, der am 4. November 2011 in der Frühlingsstraße im Einsatz war und dieses Handy dabei hatte, schwor vor dem Dresdner NSU-Untersuchungsausschuss , er habe Zschäpe nicht angerufen. Wer aber war es dann?