NSU-U-Ausschuss in Stuttgart Journalist Aust geht von zwei Tätern aus

Von SIR/dpa 

Im Mordfall Michèle Kiesewetter geht der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und Buchautor Stefan Aust von zwei Tätern aus. Das sagte Aust am Montag vor dem NSU-Ausschuss in Stuttgart.

Stefan Aust, Journalist und Herausgeber der Tageszeitung Die Welt, spricht am Montag in Stuttgart als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss Rechtsterrorismus/NSU BW.  Foto: dpa
Stefan Aust, Journalist und Herausgeber der Tageszeitung "Die Welt", spricht am Montag in Stuttgart als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss "Rechtsterrorismus/NSU BW". Foto: dpa

Stuttgart - Der Journalist Stefan Aust hat große Zweifel an den bisherigen Ermittlungsergebnissen zu dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Am Montag stellte er vor dem Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags die von der Bundesanwaltschaft vertretene Theorie infrage, wonach die NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Kiesewetter 2007 als Zufallsopfer auswählten und ermordeten. „Das ist eine bequeme Variante - tote Täter sind bequem“, sagte er. Aber: „Ich bin nicht wirklich davon überzeugt, dass das allein die Täter gewesen sind.“

"Schlampig" nach Kiesewetters Tod ermittelt

Aust wies den Ausschuss darauf hin, dass es Anhaltspunkte für Verbindungen der rechten Szene zur Organisierten Kriminalität gebe. Der frühere „Spiegel“-Chefredakteur ist Mitautor des Buches „Heimatschutz“ über die rechtsterroristische Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Austs Koautor Dirk Laabs warf den Ermittlern vor, nach Kiesewetters Mord „schlampig“ vorgegangen zu sein. Nach all den Jahren gebe es heute nicht einmal einen rekonstruierten Tagesablauf der Vorgänge in Heilbronn.

Dem NSU-Trio werden zehn Morde von 2000 bis 2007 zugerechnet - an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft und an Kiesewetter. Jahrelang hatten die Ermittler bei der Mordserie im Dunklen getappt. Der NSU-Untersuchungsausschuss soll die Beziehungen der Rechtsterroristen nach Baden-Württemberg ausleuchten, nachdem sich eine Enquete-Kommission zum selben Thema zerstritten hatte.

Die Besonderheit im Fall der getöteten Polizistin Kiesewetter besteht nach Angaben von Aust darin, dass die Täter keine Ceska verwendeten. Diese Waffe war aber bei allen anderen Morden eingesetzt worden, die dem NSU zugeschrieben werden. „Die Tatsache, dass nicht die Ceska benutzt worden ist, zeigt: Die Motivlage muss eine andere gewesen sein“, meinte Aust.

Wusste Kiesewetter etwas, was sie nicht wissen durfte?

Vielleicht habe Kiesewetter etwas erfahren, was sie nicht hätte erfahren sollen? Aust riet, auch das Umfeld der aus Thüringen stammenden Kiesewetters noch einmal genauer zu betrachten. So habe zum Beispiel ihr Onkel beim Staatsschutz der Polizei gearbeitet und sich mit der rechten Szene beschäftigt.

Auch Politiker aus dem NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag hatten die Ermittlungsergebnisse zu Kiesewetters Ermordung infrage gestellt. Zudem kritisierte der Journalist Thumilan Selvakumaran vom „Haller Tagblatt“ am Montag ebenfalls, die Ermittler hätten sich zu früh auf eine Zwei-Täter-Theorie festgelegt. Hingegen stützte der Terrorexperte des Südwestrundfunks (SWR), Holger Schmidt, die Auffassung der Bundesanwaltschaft, wonach es keine persönliche Verbindung zwischen Kiesewetter und dem NSU gab. Die NSU-Terroristen hätten die Polizisten und ihren Kollegen ausgewählt, weil sie als Polizisten Vertreter des Staates gewesen seien, sagte Schmidt.

Die Arbeit des im November eingesetzten U-Ausschusses kommt insgesamt nur langsam in Gang. Das Gremium hatte die Journalisten als Sachverständige geladen, um von ihnen Hinweise für die eigene Arbeit zu bekommen und um die Zeit zu überbrücken, bis wesentliche Akten in Stuttgart eingetroffen sind. Noch fehlen etwa Unterlagen zum Komplex Kiesewetter vom Oberlandesgericht München, wo dem mutmaßlichen NSU-Mitglied Beate Zschäpe der Prozess gemacht wird. Der Ausschuss soll seine Arbeit im Oktober beenden. Doch der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) hält diesen Zeitrahmen schon jetzt für sehr ambitioniert.