NSU-Untersuchungsausschuss Vorwürfe nach ominöser Selbsttötung

Von SIR/dpa 

Der Vater des jungen Mannes, der sich in einem Auto auf dem Wasen selbst getötet haben soll, hat vor dem NSU-U-Ausschuss schwere Vorwürfe gegen die Ermittler erhoben. Die Polizei hätte einseitig in Sachen Suizid ermittelt.

Der Vater des auf dem Wasen tot aufgefundenen jungen Mannes, hat vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im baden-württembergischen Landtag schwere Vorwürfe erhoben. (Archivfoto) Foto: dpa
Der Vater des auf dem Wasen tot aufgefundenen jungen Mannes, hat vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im baden-württembergischen Landtag schwere Vorwürfe erhoben. (Archivfoto)Foto: dpa

Stuttgart - War es Selbsttötung oder doch Mord? Der NSU-Untersuchungsausschuss hat Familienangehörige eines jungen Mannes befragt, der am frühen Morgen des 16. September 2013 in einem brennenden Fahrzeug in Stuttgart starb. Vater und Schwester des 21-Jährigen machten der Polizei am Montag in Stuttgart schwere Vorwürfe und warfen den Ermittlern schlampige Arbeit vor. Die Beamten seien von Anfang an von einem Suizid ausgegangen und hätten diese These nie wieder infrage gestellt, sagte der Vater von Florian H.. Auch Innenminister Reinhold Gall (SPD) hatte vergangene Woche keinen Anlass gesehen, an den Ermittlungsergebnissen zu zweifeln.

Für Laptop und Handy seines Sohnes hätten sich die Beamten nicht interessiert, klagte der Vater. Er versucht nun auf eigene Faust, die Daten dieser Geräte auszulesen, die sich in dem brennenden Auto befunden hatten. Der Tod von Florian H. beschäftigt den Landtagsausschuss zur rechtsextremen Terrorzelle NSU, weil der 21-Jährige gewusst haben soll, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn erschossen hat. Am Tag seines Todes sollte er noch einmal von den Beamten befragt werden.

Wusste der Tote, wer hinter dem Mord an Kiesewetter steckt?

Den Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ werden zehn Morde von 2000 bis 2007 zugerechnet - an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft und an Kiesewetter. Florians Vater kritisierte, die Beamten hätten nach dem Tod seines Sohnes nur zweimal Kontakt zur Familie gesucht. Er bestätigte, dass sein Sohn massive Drohungen aus dem rechtsextremen Bereich erhalten habe, nachdem er aus der Szene ausgestiegen sei. Der Zeuge nährte damit Vermutungen des Rechtsextremismus-Professor Hajo Funke, der glaubt, dass H. möglicherweise in den Tod getrieben, wenn nicht sogar ermordet wurde. Der Vater deutete an, dass sein Sohn wohl wusste, wer hinter dem Mord an Kiesewetter steckt: Florian habe den Prozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München einmal als reine Farce bezeichnet.

Florian hatte nach Aussage seines Vater wenige Stunden vor seinem Tod einen Anruf bekommen, der ihn zutiefst verstört habe. „Er hat uns nur gesagt: „Ich kann machen, was ich will: Aus der Scheiße komme ich nie wieder raus.“ Der Vater beteuerte, auch schon vor dem 4. November 2011, also vor dem Auffliegen der Terrorzelle, aus Florians Erzählungen vom NSU gehört zu haben. „Für uns war NSU lange bekannt.“

Nach dem Ausstieg aus der rechte Szene keine Hilfe bekommen

Scharfe Kritik äußerte der Vater an der beim Landeskriminalamt angesiedelten Beratungs- und Interventionsgruppe gegen Rechtsextremismus (BIG REX), die Aussteigern aus der rechten Szene helfen soll. Florian habe geklagt, die Beamten hätten nur Informationen über die rechte Szene bei ihm abzapfen wollen. „Er hat nie wirklich Hilfe gekriegt“, sagte auch Florians Schwester.

Der Ausschuss wollte am Nachmittag die frühere Freundin von Florian befragen - in nicht-öffentlicher Sitzung, da sie nach den Worten von Ausschusschef Wolfgang Drexler (SPD) Angst hat. In zwei weiteren Tagen will sich der Ausschuss näher mit dem Obduktionsergebnis und Florians Verstrickungen in der rechtsextremen Szene beschäftigen.