Nürtingen „Bitte, rettet die Jugendkunstschule!“

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Die drohende Schließung löst eine Protestwelle aus. Eltern und Schüler fordern den Gemeinderat auf, die Einrichtung zu erhalten. Solidaritätsadressen gibt es von mehreren Seiten. Am Samstag, 23, Februar, ist eine Kundgebung vor der Stadthalle geplant.

Vor der Kreissparkasse in Nürtingen demonstrieren Kunstschüler. Im Inneren zeigen sie ihre   Arbeiten, die Jahresausstellung ist dort bis zum 22. März  zu sehen Foto: Horst Rudel
Vor der Kreissparkasse in Nürtingen demonstrieren Kunstschüler. Im Inneren zeigen sie ihre Arbeiten, die Jahresausstellung ist dort bis zum 22. März zu sehenFoto: Horst Rudel

Nürtingen - Wachrütteln – mit Trommelwirbeln, Sprechchören und Transparenten. Ob die rund 200 Demonstranten, die am Mittwochabend in der Nürtinger Innenstadt lautstark gegen die beabsichtigte Schließung der städtischen Jugendkunstschule protestieren, Gehör finden, zeigt sich am nächsten Dienstag. Dann könnte der Gemeinderat, gestützt auf ein Spargutachten des Instituts für Management (Imaka), entweder das Ende der Kunstschule besiegeln oder aber die Weichen auf Zukunft stellen. Um ihren in Schieflage geratenen Haushalt zu konsolidieren, sieht sich die Stadt Nürtingen zu Einschnitten gezwungen. Rund 120 000 Euro würde sie laut der Leonberger Beraterfirma jährlich sparen. So hoch ist der Zuschuss für die Einrichtung.

Ähnlich wie in den Teilorten (siehe gegenüberliegende Seite) schlägt dem Gemeinderat aber auch hier eine Welle der Empörung entgegen. Mädchen, die aktuell die Einrichtung besuchen oder früher dort ihre musische Ausbildung genossen haben, sammeln Unterschriften und tragen Transparente mit klaren Botschaften.

„Ohne die Jugendkunstschule wäre ich – ,Alkoholiker‘ – ,Kettenraucher‘ – ,spießig‘ – ,orientierungslos‘ – ,unmotiviert‘ – ,mediensüchtig‘ – ,traurig‘: Rettet die Jugendkunstschule!“, rufen im Chor die Mädchen, die für ihre Performance viel Beifall ernten.

Der Landesverband der Kunstschulen appelliert an die Stadträte

Die Slogans heben auf den gesellschaftlichen Auftrag der Kunstschulen ab. Neugierde wecken, Talente fördern, Heranwachsenden helfen, ihre Persönlichkeit zu entwickeln – das sind einige der wichtigen Aufgaben, denen sich die Einrichtungen verschrieben haben. „Mit großem Bedauern“, heißt es in einer Mitteilung, reagiert der Landesverband der Kunstschulen Baden-Württemberg auf die Schließungspläne. „Wir bitten die Stadt Nürtingen, in der nächsten Gemeinderatssitzung sich dazu zu entschließen, ihre Jugendkunstschule auszubauen anstatt sie zu schließen“, lautet der Appell des Landesverbands.

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Jugendkunstschule könnte am Neckar eine neue Bleibe finden

hre Solidarität bekundet auch die Kinder-Kultur-Werkstatt (Kikuwe) des Nürtinger Trägervereins Freies Kinderhaus. Vorschnelle Entschlüsse, ohne sich mit den mittel- und langfristigen Folgen für die Nürtinger Kultur auseinanderzusetzen, seien zu vermeiden. Der Jugendkunstschule ein „neues Dach“ zu geben – unter der Volkshochschule oder als Verein – wäre für die Kikuwe eine Alternative zur Auflösung. Ebenso die räumliche Zusammenlegung der Jugendkunstschule mit der Freien Kunstakademie an deren angestammtem Standort auf dem Melchiorareal.

Letztere Möglichkeit favorisiert die Gemeinderatsfraktion Nürtinger Liste/Grüne. Zieht man von den 120 000 Euro Förderung für die Jugendkunstschule 51 000 Euro Miete für die Räume in der Steinenbergstraße ab, 2000 für Bauhofleistungen und einen Verwaltungskostenbeitrag von 13 000 Euro, so beläuft sich der reale Zuschuss laut den Grünen unter dem Strich auf nur noch 54 000 Euro. „Da die Schule ohne weiteres auch mit einer kleineren und preiswerteren Nutzfläche auskommen könnte, ließe sich der Zuschussbedarf drastisch verringern“, folgern die Grünen. Derzeit feilt die Bürgermeisterin Claudia Grau an der Finanzierung für ein Kunst- und Kulturzentrum, um Institutionen wie die Freie Kunstakademie, die Hochschule für Kunsttherapie, den Kunstverein oder den Kulturverein Provisorium räumlich zu bündeln. Es ist jedoch ein Wettlauf gegen die Uhr: Die Nürtinger CDU will das Gelände an private Investoren verkaufen.

Am Samstag wird vor der Stadthalle weiterdemonstriert

Die Jugendkunstschule sieht sich als Opfer der Politik. „Es ist uns klar, dass die Stadt sparen muss“, sagt bei der Demo Betti Grobosch. „Aber warum passiert das auf dem Rücken der Jüngsten?“ fragt die junge Frau, die an der Jugendkunstschule „die schönste Zeit meiner Kindheit erlebt“ hat. Am Samstag, 23, Februar, wird sie auf dem Platz vor der Nürtinger Stadthalle um 11 Uhr gemeinsam mit ihren Mitstreitern weiterdemonstrieren. Diese haben sich inzwischen auch im sozialen Netzwerk von Facebook organisiert.

Die Jugendkunstschulen in Baden-Württemberg sind im Jahr 1990 auf Initiative der Landesregierung ins Leben gerufen worden. Ergänzend zur Musik decken sie fünf weitere Sparten ab: Bildende Kunst, Theater und Spiel, Tanz und Bewegung, Literatur und Sprache sowie Alte und Neue Medien. Im Sinne einer ganzheitlichen Bildung arbeiten die Jugendkunstschulen fächerübergreifend.

Vor zwei Jahren feierte die Jugendkunstschule Nürtingen gemeinsam mit der Kinder-Kultur-Werkstatt (Kikuwe) 20-jähriges Bestehen. Beide Einrichtungen haben gemeinsame Wurzeln. Die Jugendkunstschule war 1989 unter der Trägerschaft der Freien Kunstakademie (FKN) als Modellschule eingerichtet worden, 1991 übernahm die Stadt die Trägerschaft. Die Kikuwe wiederum ist im selben Jahr von Absolventen der FKN mitbegründet worden. Die Jahresausstellung der Jugendkunstschule ist derzeit bei der Kreissparkasse in Nürtingen zu sehen. Sie dauert bis zum 22. März. Siehe auch das Kurzinterview mit Ivo Gönner.

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Business as usual...: Nichts Neues. Ein überwältigender Teil der Bürger zieht nunmal lieber Schuldenmachen ohne Ende der einfachen Wahrheit vor, dass städtische Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen sein sollten. Hauptsache bequem halt. Sobald Sparvorschläge kommen, die logischerweise zunächst bei den freiwilligen Aufgaben einer Kommune ansetzen, werden diese mit äußerster Vehemenz konsequent bekämpft. Schulden sind ein süßes & schleichendes Gift...

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