Nürtingen Im „Überraschungsei“ steckt ein Ring

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Christa Kožik und Herrmann Zschoche werden vom Verein Hölderlin-Nürtingen mit Lorbeeren bedacht. Mit dem Kinofilm „Hälfte des Lebens“ haben sie den Dichter einem breiten Publikum nähergebracht. Bei der Ehrung erzählen die beiden auch ein Stück DDR-Filmgeschichte.

Christa Kožik und Herrmann Zschoche im Nürtinger Stadtmuseum Herrmann Zschoche im Stadtmuseum Foto: Horst Rudel
Christa Kožik und Herrmann Zschoche im Nürtinger Stadtmuseum Herrmann Zschoche im Stadtmuseum Foto: Horst Rudel

Nürtingen - Ich wusste, du kommst, es ist wieder Juni, unser schöner Monat“, sagt Susette Gontard zu Friedrich Hölderlin, der seine in Bordeaux auf dem Sterbebett liegende Angebetete aufsucht. „Solange die Sonne scheint und du, gibt es keine Nacht für mich“, antwortet der Dichter. Dies ist eine Szene aus dem Film „Hälfte des Lebens“ mit Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe in den Hauptrollen, der in der Zeit zwischen 1796 und 1806 angesiedelt ist. Für den 1984 in der DDR gedrehten Film haben der Regisseur Herrmann Zschoche und Christa Kožik (Filmszenario) nun den aus Silber gefertigten Hölderlinring erhalten.

Mit der „ungeheuer stimmigen“ Produktion, so die Vorsitzende des Vereins Hölderlin-Nürtingen, Ingrid Dolde, in ihrer Laudatio, hätten die beiden nicht nur „Maßstäbe in der filmischen Umsetzung eines historischen Stoffes gesetzt“, sondern darüber hinaus die Person und das Werk Friedrich Hölderlins einem breiten Publikum bekannt gemacht. Der Film war in der DDR und auch im Westen ein Erfolg.

Mit 17 verliebte sich die spätere Autorin in den Lyriker

Mit der Ehrung schließt sich für die Filmschaffenden ein Kreis. Damals hatten die beiden die Genehmigung erhalten, an Originalschauplätzen zu recherchieren. Vor genau 30 Jahren besuchten sie dabei auch zwei Tage lang Nürtingen. „Das Leben ist ein Überraschungsei“, meint Christa Kožik vor diesem Hintergrund. Nach dem Krieg brachte ihr ein Dorfschullehrer die Lyrik nahe. „Der erste Dichter, in den ich mich verliebte – da war ich dann 17, war Hölderlin“, erinnert sich die Autorin.

Als sie Zschoche den Filmstoff vorschlug, rannte sie bei ihm offene Türen ein. Nicht jedoch beim Regime. Am Ende aber gab auch die Zensur den Weg frei. So liefern die Ringträger an diesem Abend im Stadtmuseum auch einen Einblick in die DDR-Filmgeschichte, die geprägt gewesen sei von ökonomischer Freiheit einerseits und ideologischen Ketten andererseits.

Kožik und Zschoche würdigen ihr damaliges Team, ohne das der Film nicht möglich gewesen wäre. Mühe und Gröllmann lernten sich bei den Dreharbeiten lieben. Wie bei Friedrich und Susette war es eine tragische Liebe. Gröllmann wurde der Stasi-Mitarbeit bezichtigt, Mühe schloss sich der Verurteilung an, obwohl die Beweise fehlten. Beide starben nacheinander an Krebs, sie 2006, er ein Jahr später.