Fellbach
 
Nur das Festtagsgeschirr blieb
"Fellbach und Rems-Murr-Kreis", 29.11.2011 02:40 Uhr
Waiblingen Bei der Gedenkstunde aus Anlass des 70. Jahrestags der ersten Deportation württembergischer Juden ist an Bertha Kahn erinnert worden. Von Kathrin Wesely

Sie lebte friedlich und tat niemandem etwas zuleide. Und dennoch wurde Bertha Kahn am Morgen des 28. November 1941 von den Nazis abgeholt. Heute erinnert ein Stolperstein vor dem Haus in der Ludwigsburger Straße in Waiblingen an die Deportation der damals 61 Jahre alten Frau. Ein paar Habseligkeiten hatte sie mitnehmen können. "Mein Vater hat sie noch zum Bahnhof begleitet. Er hat ihre Sachen tragen wollen, aber da haben sie ihm gesagt ,Einer Jüdin hilft man nicht"", erzählt Rolf Götz. Der Zug ging um 10.33 Uhr. Nachdem Berta Kahn eingestiegen war, hat man sie nie wieder gesehen. Ihre Spur verliert sich in Riga.

Bei der gestrigen Gedenkstunde war der 82-jährige Rolf Götz sichtlich bewegt. Bertha Kahn hatte im oberen Stock seines Elternhauses zur Miete gewohnt. "Sie hat zu uns gehört. Und obwohl sie einen gelben Stern getragen hat, wurde sie auch von den Nachbarn ordentlich behandelt."

Als man sie holen kam, war der kleine Rolf nicht zuhause. Seine Mutter erzählte ihm hinterher, dass ihr Bertha Kahn ihr Festtagsgeschirr zur Verwahrung überlassen habe, "damit es den Häschern nicht in die Hände fällt", wie sie gesagt haben soll. Die Mutter versteckte das Porzellan auf dem Dachboden. Der Dreizehnjährige vermisste die ältere Dame. "Wir haben uns immer gegenseitig Vokabeln abgefragt." Die beiden hatten zusammen Englisch gelernt - er für die Schule, sie in der Hoffung, eines Tages zu ihrem Sohn nach Amerika ziehen zu können. Beno Kahn war bereits 1934 in die Vereinigten Staaten ausgereist. Auch der Rest der Familie war emigriert. Bertha Kahn war die letzte Jüdin in Waiblingen gewesen. Gestern wurde ihrer aus Anlass des 70. Jahrestags der ersten Deportation württembergischer Juden gedacht.

Die Brüder Adolf und Ludwig Kahn waren im Jahr 1905 mit ihren Ehefrauen Rosa und Bertha nach Waiblingen gezogen. Beide waren Viehhändler und beliebte Leute, wie der Historiker Hans Schultheiß in dem Buch "Juden in Fellbach und Waiblingen 1933 - 1944" schreibt. Die Geschäfte liefen gut: Adolf Kahn konnte damit seine Frau und die vier Kinder ernähren. Ludwig und Bertha hatten nur einen Sohn, Beno.

Die Familie von Adolf Kahn emigrierte 1937 in die Vereinigten Staaten. Bertha Kahns Nichte erinnerte sich später, wie das Leben für sie als Juden in Waiblingen immer bedrückender wurde. Freunde und Bekannte hätten die Familie gewarnt und gedrängt, sie sollten das Land verlassen. Obwohl die Angst regierte, wollte die Familie zunächst nicht fortgehen. Hilde de Silvio, geborene Kahn, erinnert sich: "Man konnte nicht glauben, dass man als etwas anderes als deutsch angesehen würde", Diese Überzeugung änderte sich erst 1936 nach einer Nazi-Kundgebung vor dem Haus von Adolf Kahn, die sich allerdings gegen einen Nachbarn gerichtet hatte.

Berta und Ludwig Kahn blieben, und sie waren den täglichen Schikanen ausgesetzt. Wollte Bertha Kahn die Stadt verlassen, "etwa um ihrer Mutter in Heilbronn bei der Kartoffelernte zu helfen, musste sie auf dem Bürgermeisteramt einen Antrag stellen", erläuterte der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky gestern. Ludwig Kahn starb 1939, und seine Witwe zog in die Ludwigsburger Straße 45, in das Haus der Familie Götz. "Sie war eine kleine, üppige Frau mit grauen Haaren, die immer schwarz gekleidet war", erinnert sich Ulrich Götz. Der 82-Jährige hat im Nachlass seiner Mutter das Festtagsgeschirr von Berta Kahn wiedergefunden und es der Stadt überlassen. Bis Ende Januar ist es im Rathaus ausgestellt. Später wird es laut OB Hesky im Haus der Stadtgeschichte gezeigt: "Es ist das letzte und einzige Zeugnis, das wir in Waiblingen von Berta Kahn haben."

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