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Stuttgart - Die Berlinale ist immer ein bisschen wie eine Reise. Man braucht Proviant, kriegt zu wenig Schlaf, lernt aus Versehen beim Warten auf irgendwas irgendwelche Menschen kennen und redet aberwitziges Zeug. Man reist mit großen Erwartungen an einen Ort, aber die tollsten Momente erlebt man woanders.
Der erste richtig große Berlinale-Moment dieses Jahres geht auf das Konto von Angelina Jolie. Es war bei der Pressekonferenz für ihr Regiedebüt „In the Land of Blood an Honey“. Man erwartet viel Blitzlicht, eine Frau, die sich seit Jahren perfekt als Produkt vermarktet, und im schlimmsten Fall eine Debatte über die nächste Adoption. Angelina Jolie aber hat keine Lust auf das Schönste-Frau-der-Welt-Schubladenleben. Sie hat ihren ersten Film gedreht – er spielt im Bürgerkrieg in Bosnien, und grob gesagt geht es um einen serbischen Soldaten und eine bosnische Muslima, die vielleicht ein glückliches Paar geworden wären, würde der Krieg nicht alles, auch die Menschen, verändern, verletzen, zerstören. Natürlich gab es Kritik und den Verdacht, dass der Film nur des Namens wegen so viel Aufmerksamkeit bekomme. Ein serbischer Abgeordneter sagte, die Serben würden als schlechte Menschen dargestellt. Man könnte also eine nervöse Regisseurin erwarten.
Den Krieg erlebt
Angelina Jolie sitzt ruhig und freundlich da – und ja, wunderschön ist sie auch. Als erstes reden die Schauspieler. Jeder hat den Krieg erlebt, als Kind, als Jugendlicher. Sie berichten, wie sie das Drehbuch bekamen, ohne zu wissen, von wem es stammte. Als sie es erfuhren, hielten sie es für einen Witz. Nicht nur wegen des Namens. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand, der den Krieg nicht wie wir durchlebt hat, sich so einfühlen kann“, sagt Boris Ler. „Aber es beweist, dass es wirklich gelingen kann sich in andere zu versetzen, wenn wir das ernsthaft versuchen.“
Die erste Frage an Angelina Jolie kommt von einem iranischen Reporter, der wissen möchte, warum sie die Muslime als Bösewichter darstellt. Die Regisseurin reagiert cool: „Jeder wird den Film vor seinem eigenen kulturellen Hintergrund interpretieren.“ Als eine serbische Journalistin sie fragt, woher sie eigentlich die irre hohe Zahl von 50.000 vergewaltigten bosnischen Frauen nehme, verweist Jolie auf die UN. Und sagt: „Jede vergewaltigte Frau ist eine zu viel.“ Ruhig spricht sie weiter, darüber, dass Frauen auf jeder Seite des Konflikts Opfer wurden. „Aber ich wollte diese Geschichte erzählen.“
Die Geschichte vor dem Vergessen schützen
Warum? Jolie erzählt, dass sie 17 war, als der Krieg ausbrach – und erst spät gemerkt habe, dass sie null Ahnung hatte. Sie habe sich informiert, und irgendwann sei es für sie wichtig gewesen alles aufzuschreiben. Sie fühle sich in der Verantwortung, weil der Krieg zu ihrer Lebenszeit passiert sei. Sie habe versucht, die Dinge darzustellen, so dass man aus ihnen lernen könne. „Ich habe alles versucht, was ich konnte.“ Am Ende der Pressekonferenz kann man den Film immer noch gut oder schlecht finden. Aber man kann Angelina Jolie nicht mehr nicht ernst nehmen.
Was bleibt, ist jene Sekunde, in der die Schauspielerin Vanes Glodjo anhebt zu sprechen. Sie sagt sehr ernst, es sei so wichtig für die missbrauchten Frauen, dass jemand ihre Geschichte vor dem Vergessen schütze. Da bricht ihr für einen Moment die Stimme.


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