Stuttgart 21 Bahn siedelt tausende Eidechsen um

Von  

Zurzeit lässt die Deutsche Bahn rund 250 der streng geschützten Reptilien auf der künftigen Baustelle für die Schnellbahntrasse Stuttgart-Ulm einsammeln und umsiedeln. Pro Tier kostet der Umzug einen vierstelligen Betrag.

Das Zauneidechsenmännchen  ist vorsichtig eingefangen und  dann in  seine  Transportbox gesetzt worden. Foto: Horst Rudel
Das Zauneidechsenmännchen ist vorsichtig eingefangen und dann in seine Transportbox gesetzt worden. Foto: Horst Rudel

Oberboihingen - Zauneidechsen, die sich in diesen Tagen entlang der Bahnstrecke in Oberboihingen für ein wärmendes Sonnenbad aus ihrem Versteck wagen, könnten unversehens eine um ihren Hals gelegte Schlinge verspüren. Doch keine Angst, den Tierchen geht es keinesfalls an den Kragen. Ihnen steht lediglich ein Umzug bevor. Denn zurzeit lässt die Deutsche Bahn rund 250 der streng geschützten Reptilien im Bereich zwischen Wendlingen und Kirchheim-Jesingen an der geplanten ICE-Trasse zwischen Stuttgart und Ulm einsammeln und in eigens dafür angelegte neue Schutzräume entlang der künftigen Schnellbahnstrecke umsiedeln. Damit erfüllt der Konzern die strengen Richtlinen des Natur- und Artenschutzes.

Kleine hauchdünne Schlinge

Hätten die Zauneidechsen, die an der künftigen Wendlinger Kurve leben, auch nur die leiseste Ahnung von dem riesigen medialen Interesse an ihrer Spezies, sie würden sich bestimmt nicht so rar machen an diesem Dienstagnachmittag. Denn zahlreiche Zeitungsvertreter, Agenturen sowie Fernseh- und Radiosender haben sich dort eingefunden, wo künftig die alte an die neue Trasse angebunden wird. Sie wollen über die von der Bahn in Auftrag gegebene Umsiedlungsaktion berichten. Darüber, dass die wegen der gefährdeten Eidechsenart erforderliche Änderung des Planfeststellungsbeschluss den Baubeginn um rund 18 Monate verzögert hat. Oder darüber, dass die Umsiedlung samt der vorausgegangenen Datierungen, Gutachten, Dokumentationen und der Schaffung neuer Lebensräume 2000 bis 4000 Euro pro Kriechtier kostet.

Da ist es natürlich nicht minder interessant, wie die – bis dahin nur fünf – Zauneidechsen in die bereit stehenden Umzugsterrarien gekommen sind. Dafür haben die Mitarbeiter des von der Bahn beauftragten Mannheimer Umweltplanungsbüros Baader Konzept gesorgt. Einer von ihnen ist der Geoökologe Peter Böhm. Er geht zurzeit gemeinsam mit Kollegen auf Eidechsenjagd. Mit einer Art Teleskop-Angelrute, an deren Ende eine kleine hauchdünne, sich selbst zuziehende Schlinge befestigt ist, lauert er den Tieren an deren Lieblingsorten wie Holzstapel, Büsche oder Schotterhaufen auf. „Geduld, eine ruhige Hand und viel Übung“, seien beim Eidechsen-Angeln gefragt, erklärt Böhm. Und die Chefabsammlerin Sandra Panienka fügt an, es sei ein „sanfter, aber bestimmter Druck“ nötig, um die flinken Gesellen mittels Schlinge oder mit der bloßen Hand einzufangen und wohlbehalten in die mit Holz und Moos ausstaffierten Transportboxen zu setzen.

Die landläufige Meinung, wonach die Tiere ihren Häschern durch den Abwurf des Schwanzes zu entkommen versuchten, treffe bei Zauneidechsen nur bedingt zu, erklärt Panienka. Diesen Abwehrmechanismus machten sich hauptsächlich Mauereidechsen oder ganz junge Tiere zu eigen.

Freilich verursachten die Änderung des Planfeststellungsbeschlusses und die Umsiedlungsaktion einen „heftigen Zeitverzug“, sagt Jörg Hamann, der Sprecher für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Aber die Bahn habe sich an geltendes Recht und Gesetz zu halten, auch wenn „das aufwendig ist und Kosten verursacht“.

Ungestörtes Sonnenbad

Nach der Erteilung des Planfeststellungsbeschlusses im März 2015 sei eine Änderung desselben notwendig geworden, weil Gutachter eine deutlich größere Eidechsenpopulation ausgemacht hätten, als ursprünglich angenommen. Die Tiere hätten eben die „Angewohnheit“, sich zu vermehren oder andere Lebensräume zu suchen, erklärt Hamann. So sei die Zahl der im Baufeld des Planfeststellungsabschnitts „Albvorland“ zwischen Wendlingen und Kirchheim vorkommenden Zauneidechsen schließlich auf rund 250 taxiert worden. Davon sind laut der Bahn seit Anfang April etwa 200 eingesammelt und in ihr etwa zehn Kilometer entferntes neues Zuhause bei Kirchheim gebracht worden. Dort können sie sich nach ihrem unfreiwilligen Umzug ungestört dem Sonnenbad hingeben.

Teure Umsiedlungsaktion

Gesamtkosten
Um das Projekt Stuttgart 21 und die Schnellbahntrasse Stuttgart-Ulm umsetzen zu können, muss die Deutsche Bahn tausende streng geschützte Eidechsen umsiedeln. Insgesamt kostet das nach Angaben des Unternehmens rund 15 Millionen Euro. Neben den etwa 250 Zauneidechsen entlang eines Abschnitts der geplanten ICE-Trasse müssen bei Stuttgart-Untertürkheim mehr als 6000 Mauereidechsen eingesammelt und in neue Lebensräume gebracht werden.

Zauneidechse
Die Bestände der Zauneidechse werden vor allem durch die Rekultivierung von sogenanntem Ödland, die Wiederbewirtschaftung von Brachen, die Rodung von Randstreifen und Böschungen, eine intensive Landwirtschaft sowie durch Straßen- und Siedlungsbau dezimiert. Deshalb steht sie auf der Roten Liste gefährdeter Arten und ist streng geschützt.

128 Kommentare Kommentar schreiben

VA: das Problem der Restproler: die Bahn kann, dass, was sie zum Faktencheck (aka Schlichtung) und zur VA versprochen hatte nicht erfüllen bzw. umsetzen. Da kann jeder Bürger für sich selbst entscheiden, welche Relevanz diese seltsame Abstimmung, die übrigens eine Idee der SPD (Tunnelpartei) war, hat. Eine rechtliche Bindung hatte diese durch massive Werbepropaganda (finanziert zu 100% durch Steuergelder) durchgeführte Abstimmung sowieso zu keinem Zeitpunkt. Der Aufwand, den die Hintermänner und die CDU/SPD-Immobilienseilschaften da betrieben haben ist wirklich beispiellos. Sogar der zur Neutralität verpflichtete OB Schuster hatte damals panisch und rechtswidrig einige Hunderttausend Euros aus der Stadtkasse eingesetzt um ein Propagandabriefchen an sämtliche Stuttgarter Haushalte zu versenden. "Fertigbauen statt weiter ärgern" .. haben die Loser aus dem Turmforum damals plakatiert. Davon übriggeblieben ist vor allem das "weiterärgern".. das ist nun wirklich EUER Problem.

Wo liegt denn euer orthografisches Problem?: Or­tho­gra­fie, Or­tho­gra­phie, die Wortart: Substantiv, feminin | Von Duden empfohlene Schreibung: Orthografie | Alternative Schreibung: Orthographie

Tut mir leid: Dass die Gegner die VA vergeigt haben, aber so isses nun mal. Da hilft auch kein beleidigtes jahrelanges Nachkarten mit oberfaulen Ausreden.

Tut mir leid: Dass ICH mich daran halte was man gemeinsam in der Schlichtung vereinbart hat: Einen Stresstest durch eine von den Gegnern gewünschte Organisation. Das der Schuß nach hinten losgegangen ist und jetzt wie bei der verlorenen VA jahrelang beleidigt nachgekartet wird ist nun wirklich euer Problem.

Tut mir leid: dass die Bahn ist nicht mal ansatzweise in der Lage ist, den Gegenstand, auf den sich die Abstimmungsfrage der VA bezog, wie versprochen umzusetzen. Alles was den Antidemokraten unter den Restprolern dazu einfällt ist jahrelanges, trotziges Kleinkinderstampfen, herumnörgerln, Faktenverdrehen und Beleidigen von Andersdenkenden. Da erweist sich der scheinbare Sieg bei der VA halt doch nur als Pyrrhussieg. Mit anderen Worten: ein Schuss ins Knie. Sorry, aber das ist nun wirklich euer Problem.

Frage an Herr Spitzer ++++++: Folgende Fragestellung stand bei der VA zur Abstimmung ::+++""Stimmen Sie der Gesetzesvorlage ,Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21' (S-21-Kündigungsgesetz) zu?" +++++ :Nach meinem Verständnis, "bezog" sich doch die Abstimmungsfrage auf eine Gesetztesvorlage = S 21 Kündigungsgesetz ! --++++ Frage an Sie Herr Spitzer : +++ Was bitte sollte die Bahn hier den umsetzen was sie in ihrem Beitrag erwähnen . Sie sollten dies doch bitte erklären, wo sie den hier ein Handlungsbedarf bei der Bahn erkennen wollen, oder sind ihre Beiträge nur noch blinder Aktionismus und gegen Jeden und Alles gerichtet, der nicht wie sie S 21 als "Deppenbahnhöfle" betitelt ?

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.


Artikel kommentieren

Dieser Artikel kann nur werktags kommentiert werden.
Kommentarregeln