Obstanbau
Frucht aus alten Zeiten
Kerstin Viering,
29.01.2010 15:00 Uhr
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Der Öhringer Blutstreifling und der Großherzog Friedrich von Baden entstanden im Land. Goldparmäne (Foto) und... Foto: Steinert
Stuttgart - Ein Fruchtfleisch "von einem so ausgesuchten Weingeschmack, dass man Ananas zu essen glaubt, oder Erdbeeren, die mit Champagner angemacht sind" - das klingt nach einer exotischen Delikatesse, die man kaum auf einem deutschen Obstbaum vermuten würde. Doch was den Würzburger Hofgärtner Johann Prokop Mayer im Jahr 1801 zu dieser Lobeshymne hinriss, war ein schlichter Apfel namens Weißer Winterkalvill.
Die schmackhafte Sorte, die vermutlich schon vor 1600 in Frankreich entstanden ist, gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Favoriten deutscher Apfelfreunde. Inzwischen ist der Weiße Winterkalvill - wie viele andere alte Obstsorten - in Vergessenheit geraten. Allerweltsäpfel wie Granny Smith, Golden Delicious oder Braeburn dominieren im Supermarkt, von den weltweit etwa 20.000 Apfelsorten sind vielleicht 20 wirtschaftlich bedeutend. Der Rest droht nach und nach zu verschwinden.
"Das wäre ein echter Verlust", findet Monika Höfer, die am Julius-Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz die Genbank Obst betreut. Für die Biologin gehören alte Obstsorten ähnlich wie Baudenkmale zum Kulturgut. Zudem bieten sie eine breite Palette von Eigenschaften, die für künftige Züchtungen interessant sein könnten. Ob es um besondere Geschmacksnoten geht oder um die Resistenz gegen eine bestimmte Krankheit: die Chancen, das Gewünschte in einem traditionellen Apfel zu finden, stehen gut. "Die große Stärke der alten Sorten ist nämlich ihre Vielfalt", sagt Höfer.
An diesem fruchtigen Reichtum haben Obstbauern auch jahrtausendelang gearbeitet. Als Ahn des heutigen Kulturapfels gilt der Wildapfel Malus sieversii, der heute noch in den Bergen oberhalb der kasachischen Hauptstadt Alma Ata ("Stadt des Apfels") wächst. Schon vor 10.000 Jahren haben Menschen in Mittelasien gezielt Exemplare mit etwas größeren Früchten in die Nähe ihrer Siedlungen gepflanzt, ein damaliger Apfel brachte es immerhin auf sechs Zentimeter Durchmesser. Über Handelsstraßen und durch Eroberungszüge erreichte das Obst dann andere Weltregionen. Perser und Griechen entwickelten lange vor Christi Geburt immer bessere Anbaumethoden, die Römer brachten einige ihrer Sorten weiter nach Norden. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Apfelvielfalt in Europa dann immer größer. Gezielt pflanzten Apfelfans zufällig entstandene Sämlinge mit interessanten Eigenschaften an und tauschten auch Sorten zwischen verschiedenen Regionen aus.
"Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann diese Vielfalt mehr und mehr zu verschwinden", sagt Höfer. Die traditionellen Streuobstwiesen mit ihrem abwechslungsreichen Baumbestand wurden vielerorts durch intensiv bewirtschaftete Plantagen ersetzt. Für diese Art des Anbaus aber waren viele der alten Sorten nicht geeignet. Sie lieferten nicht genügend Ertrag oder ihre Früchte sahen nicht einheitlich aus, sie ließen sich nicht lange genug lagern oder vertrugen die lange Reise in den Transportkisten nicht.
Ganz verschwunden sind die alten Schätze aber nicht. In einem 2008 abgeschlossenen EU-Projekt haben Experten vom Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee (KOB) in Bavendorf gemeinsam mit Kollegen aus Österreich, der Schweiz und Liechtenstein rund um den Bodensee nach alten Apfel- und Birnensorten gesucht. "Dabei haben wir 380 Apfelsorten gefunden, von denen etwa 40 Prozent regionaltypisch sind", sagt KOB-Geschäftsführer Manfred Büchele. Zu den landestypischen Spezialitäten gehören der Haux-Apfel, der Gewürzluiken und die 1860 in Stuttgart gezüchtete Herzogin Olga.
Für die Mitarbeiter der am KOB angesiedelten Sortenerhaltungszentrale Baden-Württemberg ist die Obstfahndung aber nur ein Teil ihres Jobs. Schließlich sollen die gefundenen Raritäten auch für die Zukunft gesichert werden. Projekte zum Schutz von Streuobstwiesen tragen dazu ebenso bei wie Sortenerhaltungsgärten, in denen einzelne Exemplare der traditionellen Obstbäume angepflanzt werden. Allein die Apfelbaumsammlung des KOB beherbergt derzeit mehr als 300 alte Sorten. Ähnliche Archen Noahs für Äpfel gibt es auch in anderen Regionen Deutschlands.
Diese Einrichtungen arbeiten seit Oktober 2009 in einem speziellen Apfelnetzwerk der Deutschen Genbank Obst zusammen. "Die Kooperation soll verhindern, dass von einer Sorte sehr viele Exemplare in den Sammlungen erhalten werden und von anderen gar keine", erläutert Monika Höfer. Also werden nun vier Bäume jeder Sorte an mindestens zwei Standorten angepflanzt, dazu kommt noch jeweils ein Reservestandort. Diese Maßnahmen sind derzeit noch in vollem Gange, schließlich sind eine Menge Schützlinge unterzubringen. Eine aktuelle Bestandserhebung der Deutschen Genbank Obst kommt für ganz Deutschland auf 2397 bekannte Apfelsorten. 950 davon wurden als erhaltenswert in die Genbank aufgenommen.
Erhaltenswert sind die Sorten unter anderem wegen ihrer Inhaltsstoffe. So bringt es der Weiße Winterkalvill auf einen für Äpfel ungewöhnlich hohen Vitamin-C-Gehalt von 31 Milligramm pro 100 Gramm, bei Granny Smith sind es höchstens vier Milligramm. "Trotzdem kann man nicht generell sagen, dass alte Sorten gesünder sind als moderne", sagt Höfer. Auch die oft geäußerte Behauptung, dass die Traditionsäpfel besser schmecken, lässt sich nicht verallgemeinern. Manfred Büchele kann das aus eigener Erfahrung bestätigen, schließlich probiert er sich jeden Herbst quer durch den Apfelgarten seines Instituts. "Man kann da interessante Geschmackserlebnisse haben, es sind aber auch viele Nieten dabei", urteilt der Experte.
Die weniger delikaten Sorten aber sind vielleicht stattdessen resistent gegen Krankheiten wie Mehltau und Schorf. Manche Sorten wie die Glasrenette aus dem Bodenseegebiet beeindrucken auch mit ihrer Unempfindlichkeit gegen raue Klimabedingungen. All diese Talente können für die Äpfel der Zukunft interessant sein.
Die schmackhafte Sorte, die vermutlich schon vor 1600 in Frankreich entstanden ist, gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Favoriten deutscher Apfelfreunde. Inzwischen ist der Weiße Winterkalvill - wie viele andere alte Obstsorten - in Vergessenheit geraten. Allerweltsäpfel wie Granny Smith, Golden Delicious oder Braeburn dominieren im Supermarkt, von den weltweit etwa 20.000 Apfelsorten sind vielleicht 20 wirtschaftlich bedeutend. Der Rest droht nach und nach zu verschwinden.
"Das wäre ein echter Verlust", findet Monika Höfer, die am Julius-Kühn-Institut in Dresden-Pillnitz die Genbank Obst betreut. Für die Biologin gehören alte Obstsorten ähnlich wie Baudenkmale zum Kulturgut. Zudem bieten sie eine breite Palette von Eigenschaften, die für künftige Züchtungen interessant sein könnten. Ob es um besondere Geschmacksnoten geht oder um die Resistenz gegen eine bestimmte Krankheit: die Chancen, das Gewünschte in einem traditionellen Apfel zu finden, stehen gut. "Die große Stärke der alten Sorten ist nämlich ihre Vielfalt", sagt Höfer.
Der Urahn des Kulturapfels wächst immer noch in Kasachstan
An diesem fruchtigen Reichtum haben Obstbauern auch jahrtausendelang gearbeitet. Als Ahn des heutigen Kulturapfels gilt der Wildapfel Malus sieversii, der heute noch in den Bergen oberhalb der kasachischen Hauptstadt Alma Ata ("Stadt des Apfels") wächst. Schon vor 10.000 Jahren haben Menschen in Mittelasien gezielt Exemplare mit etwas größeren Früchten in die Nähe ihrer Siedlungen gepflanzt, ein damaliger Apfel brachte es immerhin auf sechs Zentimeter Durchmesser. Über Handelsstraßen und durch Eroberungszüge erreichte das Obst dann andere Weltregionen. Perser und Griechen entwickelten lange vor Christi Geburt immer bessere Anbaumethoden, die Römer brachten einige ihrer Sorten weiter nach Norden. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Apfelvielfalt in Europa dann immer größer. Gezielt pflanzten Apfelfans zufällig entstandene Sämlinge mit interessanten Eigenschaften an und tauschten auch Sorten zwischen verschiedenen Regionen aus.
"Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann diese Vielfalt mehr und mehr zu verschwinden", sagt Höfer. Die traditionellen Streuobstwiesen mit ihrem abwechslungsreichen Baumbestand wurden vielerorts durch intensiv bewirtschaftete Plantagen ersetzt. Für diese Art des Anbaus aber waren viele der alten Sorten nicht geeignet. Sie lieferten nicht genügend Ertrag oder ihre Früchte sahen nicht einheitlich aus, sie ließen sich nicht lange genug lagern oder vertrugen die lange Reise in den Transportkisten nicht.
Ganz verschwunden sind die alten Schätze aber nicht. In einem 2008 abgeschlossenen EU-Projekt haben Experten vom Kompetenzzentrum Obstbau-Bodensee (KOB) in Bavendorf gemeinsam mit Kollegen aus Österreich, der Schweiz und Liechtenstein rund um den Bodensee nach alten Apfel- und Birnensorten gesucht. "Dabei haben wir 380 Apfelsorten gefunden, von denen etwa 40 Prozent regionaltypisch sind", sagt KOB-Geschäftsführer Manfred Büchele. Zu den landestypischen Spezialitäten gehören der Haux-Apfel, der Gewürzluiken und die 1860 in Stuttgart gezüchtete Herzogin Olga.
Gefundene Raritäten sollen gesichert werden
Für die Mitarbeiter der am KOB angesiedelten Sortenerhaltungszentrale Baden-Württemberg ist die Obstfahndung aber nur ein Teil ihres Jobs. Schließlich sollen die gefundenen Raritäten auch für die Zukunft gesichert werden. Projekte zum Schutz von Streuobstwiesen tragen dazu ebenso bei wie Sortenerhaltungsgärten, in denen einzelne Exemplare der traditionellen Obstbäume angepflanzt werden. Allein die Apfelbaumsammlung des KOB beherbergt derzeit mehr als 300 alte Sorten. Ähnliche Archen Noahs für Äpfel gibt es auch in anderen Regionen Deutschlands.
Diese Einrichtungen arbeiten seit Oktober 2009 in einem speziellen Apfelnetzwerk der Deutschen Genbank Obst zusammen. "Die Kooperation soll verhindern, dass von einer Sorte sehr viele Exemplare in den Sammlungen erhalten werden und von anderen gar keine", erläutert Monika Höfer. Also werden nun vier Bäume jeder Sorte an mindestens zwei Standorten angepflanzt, dazu kommt noch jeweils ein Reservestandort. Diese Maßnahmen sind derzeit noch in vollem Gange, schließlich sind eine Menge Schützlinge unterzubringen. Eine aktuelle Bestandserhebung der Deutschen Genbank Obst kommt für ganz Deutschland auf 2397 bekannte Apfelsorten. 950 davon wurden als erhaltenswert in die Genbank aufgenommen.
Erhaltenswert sind die Sorten unter anderem wegen ihrer Inhaltsstoffe. So bringt es der Weiße Winterkalvill auf einen für Äpfel ungewöhnlich hohen Vitamin-C-Gehalt von 31 Milligramm pro 100 Gramm, bei Granny Smith sind es höchstens vier Milligramm. "Trotzdem kann man nicht generell sagen, dass alte Sorten gesünder sind als moderne", sagt Höfer. Auch die oft geäußerte Behauptung, dass die Traditionsäpfel besser schmecken, lässt sich nicht verallgemeinern. Manfred Büchele kann das aus eigener Erfahrung bestätigen, schließlich probiert er sich jeden Herbst quer durch den Apfelgarten seines Instituts. "Man kann da interessante Geschmackserlebnisse haben, es sind aber auch viele Nieten dabei", urteilt der Experte.
Die weniger delikaten Sorten aber sind vielleicht stattdessen resistent gegen Krankheiten wie Mehltau und Schorf. Manche Sorten wie die Glasrenette aus dem Bodenseegebiet beeindrucken auch mit ihrer Unempfindlichkeit gegen raue Klimabedingungen. All diese Talente können für die Äpfel der Zukunft interessant sein.
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