Obsternte in der Stadt Apfelernte im Asphaltdschungel

Von Alena Hecker 

Mehr als 22.000 Fundorte für Kräuter, Obstbäume und -sträucher haben Nutzer seit 2009 auf der Webseite Mundraub.org eingetragen – die meisten davon in Deutschland.

Wilde Apfelernte in der Stadt. Meist wird sie geduldet, wenn nicht Privatbesitz. Foto: Mauritius
Wilde Apfelernte in der Stadt. Meist wird sie geduldet, wenn nicht Privatbesitz. Foto: Mauritius

Berlin - Bärlauch im Stadtpark, Holunder am Straßenrand, Himbeeren auf der Verkehrsinsel. Den wenigsten Menschen ist wohl bewusst, dass sie nicht auf dem Land wohnen müssen, um hin und wieder ein paar wild wachsende Früchte naschen zu können. Die Internetplattform Mundraub.org informiert auf einer interaktiven Landkarte über Möglichkeiten zum Ernten: 22 000 Fundorte für Kräuter, Obstbäume und -sträucher haben Nutzer seit 2009 hier eingetragen – die meisten davon in Deutschland, aber auch in Dänemark, Großbritannien, Frankreich und anderen europäischen Ländern.

Das Anbauen, Ernten und Retten von Lebensmittelnliegt im Trend. Die Stadt Andernach war 2010 die erste, die mit frei zugänglichen Gemüsebeeten den Begriff der essbaren Stadt prägte, mehr als neunzig weitere Städte in Deutschland folgten ihrem Beispiel. Brachflächen werden vielerorts zu Gemeinschaftsgärten umfunktioniert, in denen Menschen zusammen Essbares anbauen. 2015 lud die Bundesforschungsministerin Johanna Wanka nach Berlin ein, um zu zeigen, welche Möglichkeiten der Ernte es auch in der Großstadt gibt.

„Wir sind Teil einer Bewegung und haben sie sicherlich mit angestoßen“, sagt Andie Arndt von Mundraub.org. Sie sieht den Trend von Urban Gardening, Transition Town oder auch Foodsharing als Ausdruck einer gewissen Selbstbestimmung: „Es gibt immer mehr Menschen, die kein ausreichendes Budget für den Bioladen haben und sich dann lieber ungespritztes Obst aus dem Park holen.“ Denn selbst wenn Früchte in der Nähe der Schnellstraße wüchsen, seien sie in der Regel nicht stärker oder sogar weniger belastet als Obst aus dem Supermarkt.

Der Verzehr von Früchten vom Straßenrand ist meist unbedenklich

Das belegt eine Studie der Technischen Universität Berlin. An 172 Stellen in Berlin zogen Wissenschaftler im Jahr 2012 Proben und überprüften, wie stark das Stadtobst- und -gemüse mit Schwermetallen und anderen Schadstoffen belastet war. Im Gegensatz zu Kräutern und Gemüsesorten, die zum Teil sehr hohe Rückstände von Kadmium und Blei aufwiesen, lag die Belastung von Beeren und Baumfrüchten weitestgehend unter dem EU-Grenzwert. Der Verzehr von Früchten am Straßenrand, so die einhellige Meinung von Experten, sei damit in der Regel unbedenklich. Auf der sicheren Seite ist, wer das Obst vor dem Verzehr wäscht.

Auch die Gefahr, sich beim Naschen im Park mit einem Fuchsbandwurm zu infizieren, ist offenbar gering. 45 Menschen sind 2015 in Deutschland erkrankt, Schätzungen zufolge ist es statistisch gesehen wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden. Die Verkostung von Waldbeeren halten Experten für ein vernachlässigbares Risiko.

Wer mit der Karte von Mundraub.org auf die Suche nach Essbarem zum Ernten geht, wird womöglich von Sorten lesen, die bislang noch nicht auf dem Speiseplan standen: Kornelkirsche, Felsenbirne, Schlehe – zu allen aufgelisteten Früchten und Kräutern liefert die Plattform auch Fotos und einen kurzen Text, der erklärt, zu welcher Jahreszeit die Pflanze blüht, wann man ihre Früchte ernten, wie man sie verwenden kann.

Wichtig ist: Wer nicht genau weiß, welche Sorte er gerade vor sich hat, sollte besser die Finger davon lassen. „Nicht alle attraktiv aussehenden Wildfrüchte garantieren ungetrübten Genuss“, warnt etwa der Naturschutzbund (Nabu) auf seiner Webseite. „Wer es den Vögeln nachmacht und die roten Vogelbeeren roh verzehrt, wird mit Magen- Darm-Beschwerden bestraft.“ Beim Erhitzen würden die schwach giftigen Inhaltsstoffe allerdings zersetzt, „dann lassen sich die Früchte der Eberesche als Marmelade, Gelee oder Saft genießen.“ Andere Beeren seien hingegen ganz tabu: Die attraktiv glänzend-schwarzen Früchte der Tollkirsche enthalten etwa hochgiftige Alkaloide, bereits drei bis vier Beeren können für ein Kind tödlich sein.

Falsche Bestimmung von Pflanzen kann tödlich sein

Wer Gewissheit haben möchte, steckt sich für den Spaziergang durchs städtische Ernteparadies ein Pflanzenbestimmungsbuch ein oder sucht im Netz nach einer passenden App. Die kostenlose Anwendung Pl@ntNet Pflanzenbestimmung ist ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener französischer Forschungseinrichtungen. Derzeit beinhaltet die Referenzdatenbank mehr als 4000 Wildpflanzen. Mithilfe einer visuellen Erkennungssoftware kann die App Fotos, die der Nutzer von einer unbekannten Pflanze macht, mit den vorhandenen Daten abgleichen und so die Pflanze bestimmen.

Und wenn der Zwetschgenbaum im Stadtpark oder der Himbeerstrauch am Straßenrand dann voll hängt mit reifen Früchten – darf man da wirklich einfach so zugreifen? „Wir weisen in den Mundraub-Regeln darauf hin, dass vor dem Eintragen die Eigentumsverhältnisse geklärt werden müssen“, betont Andie Arndt von Mundraub.org. Für alle, die ungefragt Obst vom Baum aus Nachbars Garten pflücken oder Maiskolben vom Feld mopsen, ist die Sache klar: Was noch bis Mitte der 1970er Jahre gesetzlich als Mundraub galt, ist heutzutage schlicht Diebstahl. Wild lebende Früchte und Pflanzen darf man hingegen bedenkenlos verzehren. Das erlaubt das Bundesnaturschutzgesetz. Also nichts wie hin zur Ernte in der Stadt!