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Ökonomin aus TübingenDie Tübingerin Claudia Buch wird Wirtschaftsweise

Von Michael Heller, aktualisiert am 16.02.2012 um 07:48
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Claudia Buch wird Wirtschaftsweise. Foto: dapd

Tübingen - Die Bundesregierung hat beschlossen, die Tübinger Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buch zum Mitglied des Rats der fünf Wirtschaftsweisen zu berufen. Die gebürtige Paderbornerin, Jahrgang 1966, soll die Nachfolge von Beatrice Weder di Mauro antreten, die einen Sitz im Verwaltungsrat der Schweizer Großbank UBS übernimmt und auf eine weitere Amtszeit als „Weise“ verzichtet, um Interessenkollisionen zu vermeiden. Offiziell ernannt wird das neue Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vom Bundespräsidenten; die Amtszeit läuft bis Ende Februar 2017.

„Diese Entscheidung ist eine große Ehre für mich“, freute sich die Wissenschaftlerin. Der Sachverständigenrat sei eine sehr renommierte Institution, die die wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland und Europa präge, sagte sie. Weiteres Aufheben von der Ernennung machte sie gestern nicht, sondern widmete sich Prüfungen zum Semesterende an ihrem volkswirtschaftlichen Lehrstuhl.

Fragen der Bankwirtschaft und der Globalisierung

Nach Tübingen gekommen ist Claudia Buch 2004; zuvor war sie beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel, wo sie den Forschungsbereich Finanzmärkte geleitet hatte. Fragen der Bankwirtschaft und der Globalisierung gehören von jeher zu den Schwerpunkten der Ökonomin. Sie übernahm in Tübingen nicht nur den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie, insbesondere Geld und Währung, sondern wurde auch Chefin des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen. Mit ihrem Amtsantritt verband sich in Tübingen die Hoffnung, dass der Dornröschenschlaf des traditionsreichen IAW zu Ende geht; das erst 1991 gegründete Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hatte den Tübingern den Rang abgelaufen. Eine junge Frau als Chefin, populäre Themen – das schien geeignet zu sein, wieder größere öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen.

Buch ist freilich eine viel zu ernsthafte Wissenschaftlerin, als dass sie diese Karte hätte ausspielen wollen. Mit ihrer nüchtern-sachlichen und vermittelnden Art, der jede Schärfe fehlt, ist sie keine Kandidatin für TV-Talkshows; Interviews mit ihr sind eher selten. Sie hat von 1985 bis 1991 in Bonn und im US-Bundesstaat Wisconsin Wirtschaftswissenschaften studiert. Nach dem Studium wechselte sie nach Kiel, wo sie promovierte und sich habilitierte. Danach folgten zahlreiche Stationen als Gastforscherin. Am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ist sie Forschungsprofessorin.

„To big to fail“

Ihre Zurückhaltung hat der Wertschätzung in Fachkreisen keinen Abbruch getan. So ist sie seit 2008 Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium, dem sie bereits seit 2004 angehört. Ressortchef Philipp Rösler war es im Übrigen, der sie für den Sachverständigenrat vorschlug. Im vorigen Jahr wurde die Ökonomin zudem in den Wissenschaftlichen Beirat des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken, der Teil des Europäischen Finanzaufsichtssystems ist, berufen. Da beschäftigt sie sich zum Beispiel mit Fragen der Stabilität des Finanzsystems und den Risiken, die von großen Banken ausgehen, weil sie – angeblich – nicht pleitegehen können („to big to fail“). Claudia Buch gibt keine einfachen Antworten. Risiken können nach ihrer Ansicht aus unterschiedlichen Gründen von Banken ausgehen – Größe ist nur einer davon. Auf jeden Fall hält sie es für sinnvoll, wenn die Banken ihr Kapital dramatisch aufstocken und sich an den Eigenkapitalquoten von Industriebetrieben orientieren – das würde auf eine Verfünf- oder Verzehnfachung des Kapitals hinauslaufen.

Kritisch begleitet hat Buch die Bundesregierung bei ihren Bemühungen, die europäische Schuldenkrise zu bewältigen. Nach ihrer Ansicht führt kein Weg daran vorbei, die Gläubiger stärker in die Pflicht zunehmen. Sie betrachtet die Staatshilfen für Länder wie Griechenland als Aktionen zu Lasten der Steuerzahler, die dazu führen, dass die Gläubiger aus der Verantwortung entlassen werden.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung besteht aus fünf Wirtschaftsweisen, die unabhängig die Politik in ökonomischen Fragen beraten. Vorsitzender ist Wolfgang Franz (Universität Mannheim/ZEW); die weiteren Mitglieder sind Peter Bofinger (Universität Würzburg), Lars Feld (Universität Freiburg) und Christoph M. Schmidt (Universität Bochum).