Österreich Kärnten: Jugend forscht

Dorothee Schöpfer aus St.Oswald, 09.02.2013 05:00 Uhr

St.Oswald - Kann das Kind denn nie genug kriegen! Eine gute Stunde ging es stramm den Berg hoch, jetzt ist das Ziel für die Nacht erreicht: die Lärchenhütte, eine bewirtschaftete Alm in den Kärntner Nockbergen. Die Mutter hätte nichts dagegen, jetzt einfach sitzen zu bleiben und in die Stille des Waldes einzustimmen. Doch der Sohn will weiter in die Pilze. Heidi, die Hüttenwirtin, greift zum Eimer und läuft los mit dem Zwölfjährigen, dessen Beine nimmermüde sind. Die ehemalige Leistungssportlerin ist selbst ein Energiebündel. Eine Viertelstunde später sind sie wieder da - mit einem vollen Eimer Eierschwammerl, wie die Österreicher zu Pfifferlingen sagen. Dabei gab es heute schon so viel zu lernen, zu schauen, zu wandern.

Es geht um eine Urkunde

Wer ein Rangerdiplom der Feriendörfer Kirchleitn bekommen will, muss mindestens acht Jahre alt und neugierig sein. Dann kann er von Frauen wie der Hüttenwirtin Heidi oder von Marina Huber viel erfahren. Letztere ist Naturparkrangerin von Beruf und leitet den Nachwuchs an bei den Lektionen an der frischen Luft. Drei Tage und eine Nacht in der Lärchenhütte lang. Marinas Kunst besteht darin, dass die Kinder nie das Gefühl bekommen, sie hätten gerade Biounterricht, und bei ihren Ausführungen trotzdem mehr über die Natur erfahren als in vielen Schulstunden. Man sieht, was man weiß: zum Beispiel, dass die verwunschenen Flechten an den Bäumen so alt sind wie diese selbst - nur so groß wie eine Faust und doch schon 100 Jahre alt. Oder dass die Pflanze, aus deren Wurzeln man die Speick-Seife macht, nur in dieser Gegend gedeiht. Ein Kilo Speikwurzel ist so wertvoll wie ein Kilo Gold. Oder dass man aus dem Holz der Zirben, einer Kiefernart, die an den sanften Kuppen der Nockberge wächst, Möbel mit schlaffördernder Wirkung tischlern kann. Den ätherischen Ölen sei Dank.

Marina hat schweres Gepäck. In ihrem Rucksack ist nicht nur ein Schlafsack, sondern auch ein Spektiv mit 60-facher Vergrößerung. Die Hirschkuh am Berg gegenüber, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, wird so zum überlebensgroßen Objekt der Beobachtung. Der Mond schwebt so kitschig schön über diesem verwunschenen Tal, dass auch die Mutter ihre Mattigkeit vergisst und in staunender Ehrfurcht hinter dem Stativ verharrt. Die Pfifferlinge, in der Pfanne über dem offenen Feuer mit etwas Olivenöl gebraten, sind der Wahnsinn. Dazu Stockbrot und Wurst aus eigener Schlachtung. Die Erwachsenen reden unter den Sternen über Kinderbetreuung und das Leben auf dem Dorf. Eine Lektion für Ausgewachsene: Hortplätze sind in dem österreichischen Dorf bei Villach leichter zu bekommen als in der Großstadt in Süddeutschland. Jetzt gibt es nur noch einen Kampf zu gewinnen: Das Rangerdiplom sieht eine Nacht im Heu vor. Aber wenn es doch an diesem Abend freie Betten auf der Lärchenhütte gibt - muss man dann wirklich in diesem ollen Stall den Schlafsack ausrollen? Man muss nicht. Marina schläft auch lieber in einem holzvertäfelten Zimmer. Der Nimmermüde und seine kleine Schwester haben ein Einsehen und trollen sich in die Hütte. Das Jugendrangerprogramm ist eine Idee des Ehepaars Schneeweiß.

Wolfgang und seine Frau Margit sind erfahrene Touristiker und die neuen Besitzer der Feriendörfer Kirchleitn. Sie strahlen eine entspannte Ruhe aus, die jeden erstaunt, der schon über der Finanzierung seines Einfamilienhauses stöhnt. Ihnen gehören über 160 Apartments in dem Weiler St. Oswald, einem Teilwort von Bad Kleinkirchheim, das wiederum eine halbe Stunde Autofahrt vom Millstätter See entfernt ist. Der österreichische Baumogul Robert Rogner hatte in den siebziger Jahren die Idee, eine Ferienanlage zu bauen, die aussieht, als wäre sie ein altes Dorf. Tatsächlich wurden in Kirchleitn Hölzer verbaut, die aus jahrhundertealten Höfen stammten. Auch die Grundrisse der Häuser sind alten Bauernhöfen entlehnt. Von dieser Großzügigkeit profitieren auch die heutigen Gäste. Im Wohnzimmer des Ferienapartments kann man Rad schlagen. Margit und Wolfgang Schneeweiß haben die Anlage mit Liebe zum Detail geschmackvoll renoviert und tun viel dafür, dass sich Familien in den Ferien wohlfühlen. Am Abend liefern sich die Kleinen im autofreien Feriendorf ausgelassene Bobby-Car-Rennen. Selbst Zwölfjährige vergessen dann, dass sie eigentlich schon zu alt für Rutschautos sind. Schatzi und Kathi warten wie jeden Morgen darauf, dass sich die Tür zum Stall öffnet und die Melkmaschine angeworfen wird. Dass im Stall auf der Alm Handarbeit oberstes Gebot ist, stellen sich vielleicht naive Stadtbewohner vor. Bauer Mathias erinnert sich mit Grausen an den letzten Ausfall des Stromaggregats, der ihm Schwielen vom Handmelken beschert hat. Der Sohn übt sich derweil in der Blasrohrjagd. Marina hat eine Fuchsattrappe aufgestellt.

Wer grantig ist, bekommt eine Tasse Johanniskrauttee

Viele Pfeile stecken an der Stallwand, manche im Fuchs und einer im Gras. Die kleine Schwester sucht danach. Schatzi oder Kathi sollten ihn nicht in den Magen bekommen, wenn sie gleich aus dem Stall kommen. „Wer bei mir zur Türe reinkommt und grantig schaut, der bekommt erst einmal eine Tasse Johanniskrauttee zu trinken.“ Marina Huber hat keine Lust auf missgelaunte Gäste und weiß sich zu helfen. Die Nachwuchsranger wissen jetzt auch, wie Johanniskraut aussieht. Auch andere Heilkräuter zeigt Marina auf dem Weg zurück von der Lärchenhütte nach St. Oswald. Welcher Pilz ist essbar, welcher nicht? Der Sohn hat eine neue Leidenschaft. Marina wird nicht müde, ihm den Unterschied von Röhrlingen und Blätterpilzen zu erklären. Gestern hat der Bauer Willi seine historische Getreidemühle angeworfen, um dem Rangernachwuchs zu demonstrieren, wie er damit 1000 Kilogramm Gerste im Jahr zu Tierfutter verarbeitet. Laut und faszinierend war die Lektion in Sachen Wasserkraft. Im 18. Jahrhundert hatte jeder Bauer seine eigene kleine Mühle in Betrieb, heute sind es nur noch wenige Liebhaber wie Willi, die die alten Mühlen zum Klappern bringen.

Eine Eintagsfliege lebt nur kurz, einen Tag oder auch zwei. Als Larve findet man sie jedoch jahrelang im Wasser. Sie zeigt an, dass das Wasser trinkbar ist. Wäre zu viel Gülle im Bach, gäbe es auch keine Eintagsfliegenlarve. So sind diese millimeterkleinen Tierchen Indikatoren für die Wasserqualität. Auch die Larven der Köcher- und der Steinfliege haben diese Eigenschaften. Und wie erkennt man die? Mit der Becherlupe kein Problem. Marina hat sogar ein Mikroskop parat. Den Koffer hat sie am Vorabend am Bach deponiert. Jetzt kleben die Kinderaugen fasziniert am Okular. Ein beigefarbenes Stück Papier. Die Kinder haben das Rangerdiplom in der Tasche. Ohne Prüfung, man ist schließlich im Urlaub. Ein paar Wochen später ist die Urkunde längst vergessen. Doch die Erinnerungen an die Lektionen unter Zirben sind taufrisch.