Österreich So weit die Bretter tragen

Axel Pinck aus Ramsau, 27.01.2013 05:00 Uhr

Ramsau - Ein Windstoß wirbelt eine Wolke von glitzernden Schneekristallen auf, die Läufer auf der Loipe für Sekunden einhüllt. Felix, Langlauf-Skilehrer, sieht zu den Sprungschanzen hinüber, an denen die Loipe vorbeiführt. Eigentlich ist der Italiener aus dem nord­italienischen Friaul ein Kombinierer, der den Langlauf ebenso liebt wie den Sprung von der Schanze. „Diesen Winter arbeite ich als Skilehrer hier in Ramsau“, erzählt er in perfektem Deutsch mit leichten Tiroler Akzent, schließlich ist er mehrere Jahre auf dem Skigymnasium in Innsbruck zur Schule gegangen, „aber in der nächsten Saison werde ich wieder voll einsteigen.“ Ramsau ist kein schlechter Ort für eine vorübergehende Auszeit vom Wettkampfsport, denn auch ohne Kampf um Meter und Sekunden spielt zu Füßen des mächtigen Dachsteinmassivs der Langlauf die Hauptrolle. Loipen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade mit insgesamt 220 Kilometer Länge, davon allein 70 Kilometer für Skater, führen über das sonnenverwöhnte Hochplateau.

Ramsau erstreckt sich auf einer abgeschrägten Ebene wie auf einem Balkon über dem Tal der Enns in der Steiermark, im Durchschnitt mehr als 500 Meter höher gelegen als der alpine Wintersportort Schladming. Kein Wunder, dass hier noch Schnee liegt, wenn im Tal schon die Maiglöckchen aus der Erde sprießen. „Langlaufen lernen in sechs Stunden“ hatte das Motto der Skischule vollmundig versprochen. Doch die ersten Minuten auf den schmalen Brettern sind eher dem verzweifelten Bemühen gewidmet, nicht das Gleich­gewicht zu verlieren und unter schadenfrohen Blicken ohne einen Schritt in den Schnee zu plumpsen. Ganz vorsichtig einige schiebende Bewegungen nach vorn. „Geht doch!“, folgt schon die optimistische Aufmunterung des gut gelaunten Skilehrers.

Aufgeben? Kommt nicht infrage!

In der Tat, nach kurzer Zeit hat sich der Körper an die un­gewohnte Fortbewegung gewöhnt: gleiten, abdrücken, gleiten, abdrücken, Stockeinsatz nicht vergessen. Wer darüber nachdenkt, wie er Hände und Beine am besten koordiniert, hat verloren. Wer nach rechts oder links schaut ebenfalls, denn die Skispitzen folgen den Blicken, es droht akute Sturzgefahr. Nach einer halben Stunde klappen die Bewegungsabläufe schon recht ordentlich, doch nun fordert der unsolide Lebenswandel mit einem Schwächeanfall seinen Tribut, ein Konditionsknick. Aufgeben? Kommt nicht infrage.

Felix verteilt Müsliriegel, ein Wundermittel. Konzentration auf das Stückchen Loipe direkt vor den eigenen Skispitzen hilft. Technik ist wichtig, aber nicht alles. Eine gewisse Minimalkondition ist hilfreich. Auch für Alois Stadlober ist Ramsau der ideale Standort zum Langlaufen. Im Jahr 1999 hatte der frühere Langlaufprofi hier das WM-Gold in der nordischen Staffel und Silber im 10-Kilometer-Einzelrennen für Österreich geholt. Heute blickt der Steiermärker aus seinem Bürofenster direkt auf das Langlaufstadion, in dem er seinen größten sport­lichen Triumph feierte. Nach dem ersten Tag auf der Loipe ist der Muskelkater allgegenwärtig. Von den 600 Muskeln, die beim Langlauf im Körper ihre Arbeit tun, scheinen viele das erste Mal in ihrem Leben richtig beansprucht worden zu sein. Doch wer sich überwindet, wird schnell belohnt. Was für ein Gefühl, durch eine von Raureif verzauberte Landschaft zu gleiten. Am zweiten Tag machen sich bereits euphorische Gefühle breit, und der Blick geht ohne Sturzgefahr von der Piste hinüber zur Scheichenspitze und dem Hohen Dachstein, die in der Abendsonne märchenhaft aufleuchten.