Österreich Steirischer Herbst
Matthias Ring aus Wernersdorf, 13.10.2011 06:45 Uhr
Rund und prall liegt er im Gras, der Kürbis. Für einen Liter des dunklen Öls braucht man etwa 2,5 Kilo Kerne. Foto: Ring
Rund und prall liegt er im Gras, der Kürbis. Für einen Liter des dunklen Öls braucht man etwa 2,5 Kilo Kerne. Foto: Ring

„Es gibt Österreich: Und es gibt die Steiermark. Es gibt die Steiermark: Und es gibt die Weststeiermark. Daher gibt es die Weststeiermark und die Reststeiermark.“ So hat es Reinhard P. Gruber, der steirische Autor („Merke: Nie heißt der Steirer Steiermärker!“) in „Vorsicht Weststeiermark!“ geschrieben. Unwesentlich zu erwähnen, dass sich die sogenannte Reststeiermark aus den Teilen Süd-, Ost-, Nord-, Ober- oder Hochsteiermark zusammensetzt, deren Bewohner auch zu Recht stolz auf ihren Beitrag sind. Der Eigenheiten gibt es eben viele.

Früher teilte hier der Eiserne Vorhang die Welt in West und Ost. Auf gut 120 Kilometer Grenzpanoramaweg kann man auf den Spuren wandeln, dort, wo einst die Grenze zu Jugoslawien verlief. Gelegentlich sieht man noch alte Markierungen und Grenzsteine, und wenn man mit Franz Wechtitsch unterwegs ist, kann man Geschichten hören, wie das damals so war. Als sich im Zweiten Weltkrieg Partisanen mit Nahrung versorgten, der Bevölkerung aber friedlich gesinnt waren. Ihr Unwesen trieben eher „falsche“ Partisanen: einheimische Räuberbanden, die auch Wechtitschs Vater übel mitgespielt hatten.

Franz Wechtitsch ist ein Grenzgänger der ersten Stunde, als sich die Grenze so langsam öffnete. Das war nach einem Abkommen zwischen Österreich und Jugoslawien im Jahr 1983, das Wanderern erlaubte, zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang relativ formlos die Grenze zu passieren. Dennoch ist Wechtitsch bei seinen Markierungsarbeiten für den Grenzpanoramaweg schon mal mit der Maschinenpistole abgefangen worden.

Auch entlang der südsteirischen Weinstraße, die an die Weststeiermark grenzt, sieht es hüben wie drüben gleich aus: eine liebliche Landschaft, die viele an die Toskana erinnert, Industrie und große Hotelanlagen. Und so steht man am Ende eines Hügels mit einem Mal mitten in Slowenien vor der Tür des Weinguts Gaube. Die kleinen Unterschiede merkt man erst, wenn man mit den Menschen dort spricht. Die Österreicher können zwar kein Slowenisch, die Slowenen hingegen lernen Deutsch in der Schule. So hört man Claudia Gaube, die ehemalige Weinkönigin, mit charmantem Akzent sagen: „Die Slowenen sind warmherziger.“ Woraufhin man wieder den etwas weiter nordwestlich lebenden Schriftsteller Gruber zitieren könnte: „Das Selbstbewusstsein des Weststeirers ist so stark ausgebildet, dass er darauf verzichtet, eines zu haben. Daher sind die Weststeirer die bescheidensten Menschen weit und breit.“

Deswegen hört man sie auch so gut wie nie schwärmen von ihrem Kürbiskernöl, von ihrem Schilcherwein oder von ihren anderen landwirtschaftlichen Produkten. Außer, man sitzt mit ihnen an einem Tisch, weil: „Den einfachsten Zugang zur Weststeiermark findet ein Fremder, wenn er mit den Einheimischen isst und trinkt: Denn dann beginnt der Weststeirer zu sprechen.“ Und da es sowohl für den Fremden nach dem Wandern wie auch für den Einheimischen nach der Arbeit viele gute Gelegenheiten zum Essen und Trinken gibt, kann man eigentlich jederzeit Zugang zur Bescheidenheit der Steirer finden.

Zum Beispiel im Gasthaus Lindner außerhalb des Wanderdorfs Soboth, wo Christiana Weißensteiner in der Wohnküche aufg’setzte Henn und Buchtln zubereitet und ihr Mann Gerhard erzählt, wie froh er darüber sei, nach Jahrzehnten als Telekom-Sachverständiger nun wieder hier auf dem kleinen Hof in gut 1200 Meter Höhe zu sein. Und darüber, dass sein Sohn den Betrieb in x-ter Generation weiterführen will – obwohl es viele junge Leute in die Stadt ziehe. Oder weiter drunten in Eibiswald während der Ölprobe am Tisch mit Siegfried Fürpaß, der die berühmteste Spezialität der Steiermark mit seinen Apparaturen noch so wie vor 100 Jahren herstellt. 20000 Liter Kürbiskernöl im Jahr aus 50000 Kilogramm Kernen. Nach der Ernte sehen die Felder der Steiermark wie Schlachtfelder aus. Denn die entkernten Kürbisse bleiben wie geplatzte Schädel zurück und werden wieder in den Acker untergegraben.

Sehr bescheiden dagegen nimmt sich das einzige Hopfenanbaugebiet in Leutschach aus: acht Hektar. Dennoch kommt die örtliche Bierbrauerei zu erstaunlichen Ergebnissen. Man mag sich über den Geschmack des Kürbisbiers streiten, aber das Weinbier wurde vom Genießermagazin „Falstaff“ 2010 zum Bier des Jahres gewählt. Wobei die Grundzutaten auch hier Wasser, Hopfen und Malz sind. Ein Jahr lang habe Wolfgang Dietrich für das erste Weinbier der Welt herumexperimentiert, bis sich der Brauprozess mit dem Gärprozess der Morillon-Traube so richtig vertragen habe. Nun sei es ein begehrter Tropfen in Haubenlokalen, wie man in Österreich Gourmetrestaurants nennt.

Auch Waltraud Jöbstl in Wernersdorf kann sich über mangelnde Anerkennung für ihre Produkte nicht beklagen: Brennerei des Jahres 2000 und achtmal der zweite Platz. Ihre destillierte Philosophie: „Man muss schmecken, was man riecht, und wenn man getrunken hat, soll er wärmen, nicht brennen.“ In dem Weinbaubetrieb, der sich den Namen „Schilcherei“ schützen ließ, kann man am besten erfahren, was alles drinsteckt im Schilcher, der wegen seiner leuchtenden Farbe so ähnlich heißt wie der württembergische Schillerwein und doch ganz anders produziert wird. Der oft herbe Rosé wird aus der Blauen-Wildbacher-Traube hergestellt, die auch einen wuchtigen Roten hergibt, aber, so Reinhard P. Gruber: „Stark gemacht hat den Weststeirer ein Wein, der nur vor seiner Haustür wächst: der Schilcher, das Aphrodisiakum Österreichs.“ In aller Bescheidenheit, versteht sich.

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