Österreich Villgratental: Kein Skilift geht auch

Helmut Luther aus Innervillgraten, 20.12.2012 05:00 Uhr

Innervillgraten - An jenen Tag Ende der achtziger Jahre kann sich Adolf Schaller genau erinnern. Die Lärchen hatten schon ihr rostfarbenes Herbstkleid angezogen, Nebelschwaden waberten um die Holzhäuser, es war ein trüber, feuchter Novembertag - im diffusen Grau schien das enge Villgratental zu verschwinden. „Wir hockten in der geheizten Stube, kein Mensch ließ sich draußen blicken“, sagt der Oberschallerbauer.

Wie aus dem Nichts seien plötzlich die Fernsehleute auf dem Parkplatz vor der Kirche aufgetaucht. Sie hätten einen Rundgang zwischen den verwitterten Bauernhöfen gemacht, die sich eng an die Wallfahrtskirche Maria Schnee drängen, und dann stand fest: In Kalkstein im hintersten Winkel Osttirols wurde „Gewitter im Mai“ gedreht. Adolf Schaller wirkte als Komparse. Er tat, was er seit Kindesbeinen gewohnt war: die Kühe auf die Weide treiben, mit der Sense auf den abschüssigen Hängen das Gras mähen und dann mit dem hölzernen Rechen einzusammeln. „Wir brauchten damals neue Stromleitungen, die Kosten übernahmen die Leute vom Film“, sagt der Bauer und grinst über beide Ohren.

Etwa 1000 Einwohner hat das Osttiroler „Seiten-Seitental“

Man verlegte die Kabel unterirdisch, es folgten weitere Heimatfilme und Komparsenauftritte. Und Adolf Schaller, heute 74, von der körperlichen Arbeit immer noch durchtrainiert, begriff, dass sein Heimatort etwas Besonderes ist. „Wir lebten früher als Selbstversorger, oft fehlte es am Nötigsten“, sagt Schaller, er will die Vergangenheit nicht verklären. Heute bewirtschaftet Sohn Benjamin den Bauernhof gemeinsam mit seiner Frau Katharina. Eine Alm, die zum Hof gehört, wird an Touristen vermietet. Außer den Autos und Arbeits­maschinen erinnert in Kalkstein wenig an das 21. Jahrhundert. „Für uns bedeutet das Zukunft, weil die Fremden das Ursprüngliche lieben“, sagt Benjamin Schaller. Als Gemeinderat setzt er sich dafür ein, dass im Villgratental alles so bleibt, wie es ist.

Etwa 1000 Einwohner hat das Osttiroler „Seiten-Seitental“. Es gibt hier keine Skilifte, keine Bettenburgen, keinen Partylärm, keine Animationsprogramme für verwöhnte Pauschalurlauber. Stattdessen Stille, idyllische Weiler mit uralten Gehöften, die wie Schwalbennester an den buckligen Hängen kleben. Und ringsum eine grandiose Natur, glasklare Bäche, wogende Wälder mit hineingetupften Almsiedlungen, ganz oben glitzern die noch im Juni schneebedeckten Gipfel. 2008 zeichnete der Österreichische Alpenverein 17 „Bergsteigerdörfer“ aus - darunter auch das Villgratental. Sie alle verschreiben sich der Nachhaltigkeit, umweltverträglichem Wirtschaften, dem sanften Tourismus. In Jahrhunderten gewachsene Kulturräume zu erhalten, ist das Ziel der „Bergsteigerdörfer“.

Man setzt auf das, was andernorts verloren ging. Beim Langlaufen, Schneeschuhwandern oder auf Skitouren können Besucher eine unberührte Landschaft entdecken. Ja, die Traditionen spielten im Villgratental noch eine wichtige Rolle, sagt Bürger­meister Josef Lusser. „Aber von den schönen Bräuchen allein kann keiner leben.“ Mit einem Lift zum Thurntaler hinauf wäre das Tal an das Skigebiet im benachbarten Süd­tirol angeschlossen. Geplant sei auch ein 80-Betten-Hotel am Dorfrand von Innervillgraten. „Wir kommen auf 50 000 Übernachtungen im Jahr. Wenn wir 80 000 hätten, wäre das kein Massentourismus - alle könnten profitieren.“ Und dann erklärt der Mittfünf­ziger, was ihn geprägt hat: Als junger Mann hätte er auswärts als Holzfäller und Liftwart sein Geld verdienen müssen, wie viele andere Villgrater. Er möchte hingegen den Hof so übergeben, dass die Jungen, wenn sie im Tal bleiben wollen, dort auch Arbeit finden.