Off-Spaces Künstler fordern Kulturschutzgebiete

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Nach der Hängepartie um die Künstlerkolonie Contain’t: Wie ist es um die Off-Space-Szene in Stuttgart bestellt? Stuttgarts Künstler appellieren an die Stadt, ihre Politik bezüglich junger Kultur komplett zu überdenken.

Lisa Biedlingmaier setzt sich in der Ausstellung „Foundation for Freckles“ mit der Situation der Künstler an den Wagenhallen auseinander. Foto: Lichtgut/Zweygarth
Lisa Biedlingmaier setzt sich in der Ausstellung „Foundation for Freckles“ mit der Situation der Künstler an den Wagenhallen auseinander. Foto: Lichtgut/Zweygarth

Stuttgart - Die wunderbare Welt der Wagenhallen wird immer wilder. Wer die Stuttgarter Innenstadt satthat, dem sei ein Ausflug zu dem Kulturbiotop am Nordbahnhof empfohlen. Am besten nähert man sich der Enklave der Andersdenkenden vom Pragfriedhof aus und spaziert dann querfeldein vorbei an einem Urban-Gardening-Projekt hin zum mächtigen Gebäude von 1895. Vor der Künstler- und Veranstaltungsstätte wirkt es, als hätte jemand eine alternative Wagenburg installiert. Zahlreiche Container stehen neben ausrangierten Waggons und einem alten Campingwagen, der so aussieht, als würde Walter White aus der US-Serie „Breaking Bad“ hier sein Süppchen kochen.

Wer sich noch weiter an die  Wagenhallen herantastet, trifft dann zum Glück nicht auf den vom Lehrer zum Gangster konvertierten Spitzbub aus der TV-Serie, sondern auf Lisa Biedlingmaier. Die 40-jährige Künstlerin setzt sich gemeinsam mit Bernadette Wolbring als Kuratoren-Duo Peekaboo! noch bis zum 7. November in der Ausstellung „Foundation for Freck­les“ mit der ungewissen Zukunft der Künstler von den Wagenhallen auseinander. „Es geht in der Ausstellung um Oberflächen und die Frage, was sich darunter verbirgt. Die Politik rühmt gerne die Strahlkraft der Künstler der Wagenhallen für Stuttgart und instrumentalisiert sie dabei aber, ohne für geeignete Rahmenbedingungen zu sorgen“, sagt Lisa Biedlingmaier. Die Künstler hätten Angst vor Atelierflächen, die sie sich nach der Sanierung der Wagenhallen nicht mehr leisten könnten.

Passende Flächen für junge Kultur sind knapp in Stuttgart

Biedlingmaier kommt ursprünglich aus Georgien, lebt und arbeitet in Zürich und Stuttgart. „Obwohl Zürich von den Lebenshaltungskosten her noch teurer als Stuttgart ist, passiert dort in der jungen Kunstszene ungleich mehr. Es gibt eine breite Palette an Off-Spaces, weil junge Kunst stärker gefördert wird“, so Biedlingmaier. „Die Finanzierbarkeit ist das große Problem in Stuttgart: Nur wenn du deine Miete zahlen kannst, kannst du künstlerisch arbeiten.“

Die finanzielle Seite ist aber nur ein Grund, wieso es um die Stuttgarter Off-Space-Szene derzeit eher schlecht bestellt ist. Es fehlen schlicht passende Flächen, wie die Hängepartie um das Kulturprojekt „Contain’t“ in Bad Cannstatt dieser Tage wieder bewiesen hat. Der Gemeinderat bewilligte am Dienstag einen minimalen Aufschub von vier Wochen, so dass die Künstlerkolonie ihr Areal im Neckarpark nun erst Ende Januar 2016 räumen muss. Noch in derselben Sitzung stellte der grüne Gemeinderat Björn Peterhoff aber den Antrag, die Möglichkeit eines Umzugs von Contain’t auf das benachbarte Gelände der Firma Degenkolbe zu prüfen. Das Areal wird voraussichtlich Ende Juni 2016 frei und könnte dann bis Ende 2018 bespielt werden. „Dort hätten wir ideale Bedin­gungen. Es gibt zwei Bestandsgebäude, die man für Ateliers nutzen könnte und einen Innenhof, den wir mit einer Container-Schallschutzwand lärmtechnisch absichern könnten“, schwärmt Marco Trotta, Sprecher von Contain’t.

Künstler fordern ausgewiesene Kulturgebiete

Laut Trotta habe sich die Begeisterung innerhalb der Verwaltung über diesen Vorschlag aber in Grenzen gehalten. „Dagegen hat sich der Bezirksbeirat von Bad Cannstatt am Mittwoch dafür ausgesprochen, dass Contain’t weiter im Neckarpark bleiben kann“, so Trotta. Der Künst­ler  vermisst ein flexibles Flächenmanagement der Stadt.

Auch Robin Bischoff, der Vorstand des Kunstvereins Wagenhalle, kritisiert die Politik. „Wir wurden von der Stadt gefragt, ob man Contain’t nicht an die Wagenhallen umsiedeln könne. Dafür fehlt hier aber schlicht der Platz. Die Stadt soll lieber grundsätzlich ihre Kulturpolitik überdenken.“ Bischoff fordert die Stadt auf, in Stuttgart Flächen für eine kulturelle Nutzung festzulegen. „Wir brauchen Kulturschutzgebiete, und zwar nicht im musealen Sinne, sondern für Nachwuchskünstler, die eine Gesellschaft voranbringen wollen“, so Bischoff.

Im November beginnt die Zwischennutzung der Suite 212

Der Vorstand des Kunstvereins hofft, dass er und seine Mitstreiter bei der Gestaltung des neuen Rosensteinviertels miteingebunden werden. „Wir wünschen uns einen Marktplatz vor den Wagenhallen, so dass das neue Viertel an das alte Eisenbahnerviertel angedockt ist.“ In den rund 30 Containern vor den Wagenhallen wird schon fleißig an der Zukunft des Areals gefeilt. Im Dezember soll dort ein Stadtplanungsworkshop stattfinden.

Bereits im November geht die nächste Zwischennutzung in der Stuttgarter Innenstadt los. Carlos Coelho, der Betreiber des Keller Klubs, wird die ehemaligen Räume der Suite 212 bis Ende Januar 2016 bespielen. In dem „Wintergarten“ getauften Projekt sollen im ersten Stock Ausstellungen, Lesungen und eine Zeitschriftenmesse stattfinden, im Erdgeschoss findet freitags und samstags Clubbetrieb statt.