Abgehängt - so fühlen sich viele Bürger im Landkreis Calw. Der Grund: sie haben keine direkte Zugverbindung in die Landeshauptstadt. Seit Jahren bemühen sich die Verantwortlichen im Kreis, etwas daran zu ändern. Und seit vor anderthalb Jahren der frühere Sindelfinger Finanzbürgermeister Helmut Riegger im Calwer Landratsamt die Zügel in die Hand genommen hat, treibt er energisch zwei ehrgeizige S-Bahn-Projekte voran. Mit dem einen - der Verlängerung der S-Bahn Linie 6 (Stuttgart-Weil der Stadt), die auf den Gleisen der ehemaligen Schwarzwaldbahn bis Calw ausgebaut werden soll, hat er jedoch erst kürzlich einen herben Rückschlag erlitten. Zu wenig wirtschaftlich, um in den Genuss von Fördermillionen zu kommen, hatte ein Gutachten die Belebung der Strecke bewertet.
Doch der Calwer Landrat Riegger hat noch ein zweites Eisen im Feuer, und zwar die Verlängerung der S-Bahn-Linie 1, die momentan von Kirchheim/Teck im Kreis Esslingen über Stuttgart und Böblingen bis nach Herrenberg führt. Diese Strecke könnte bis nach Nagold verlängert werden. Im vergangenen Jahr waren die ersten Überlegungen für eine direkte Verbindung von Herrenberg über Jettingen nach Nagold mit höchstens ein bis zwei Haltepunkten als zu teuer verworfen worden. Denn für diese Strecke müssten die Gleise komplett neu gebaut werden.
Deshalb ist nun eine weitere Variante untersucht worden: die Verlängerung der S-Bahn-Line 1 auf dem vorhandenen Schienennetz der Nagoldtalbahn (Pforzheim-Eutingen-Calw-Nagold-Horb) und der Gäubahn (Eutingen-Ergenzingen-Herrenberg-Stuttgart). Profitieren würden von einer solchen Streckenführung, die einen Bogen durch das Gäu schlägt, auch die Bewohner des südlichen Kreises Böblingen, vor allem die Bondorfer und Gäufeldener sowie die Kreise Freudenstadt und Tübingen.
Eine gute halbe Stunde bräuchte ein Zug von Nagold nach Herrenberg auf dieser Strecke, einige Minuten mehr als der Schnellbus, der momentan die Städte verbindet. Trotzdem empfiehlt eine jetzt vorgestellte Machbarkeitsstudie diese Variante. Denn die Fahrgäste müssten - anders als bisher - in Herrenberg nicht mehr umsteigen, sondern könnten direkt nach Böblingen oder Stuttgart weiterfahren. Mit 2650 neuen Fahrgästen rechnen die Gutachter und mit Kosten von rund 30 Millionen Euro. Das meiste Geld würde in die Elektrifizierung fließen. Wäre der Landkreis Bauherr, könnte er mit einem Landeszuschuss von 75 Prozent der Kosten rechnen. Der Ausbau der S-Bahn-Linie 1 würde sich natürlich auf andere Verbindungen auswirken. So würden Züge im Nagoldtal wegfallen und einige Busstrecken zwischen Herrenberg und Nagold reduziert, sagt Michael Stierle, Verkehrsplaner im Calwer Landratsamt.
Deshalb müssten in die Planung sowohl der Verband Region Stuttgart als auch die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg - zuständig für die Nagoldtalbahn - einbezogen werden. Zudem möchten die Calwer nun intensive Gespräche mit den Nachbarkreisen Böblingen, Tübingen und Freudenstadt führen. "Nur wenn die anderen Kreise sich auch finanziell beteiligen, gehen wird den nächsten Schritt und geben eine Kosten-Nutzen-Analyse in Auftrag", sagt Michael Stierle.
Im Umwelt- und Verkehrsausschuss des des Böblinger Kreistags ist die Machbarkeitsstudie gestern vorgestellt worden. "Bondorf und Gäufelden würden von der S 1 profitieren", sagte der Böblinger Landrat Roland Bernhard. Er gab aber auch zu bedenken, dass dafür einige Regionalzüge wegfallen würden. "Und diese Infrastruktur kostet den Kreis nichts. Wir sollten gut überlegen, ob wir dies aufgeben", so Bernhard. Der Calwer Stierle argumentiert hingegen, dass die Regionalzüge sowieso wegfallen würden, sollte Stuttgart 21 kommen.


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