Online-Gesundheitskonto als Modellprojekt für den ländlichen Raum Der digitale Patient zieht aufs Land

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Das Land unterstützt die Einführung eines digitalen Gesundheitskontos im Kreis Sigmaringen finanziell. Es soll die Kommunikation zwischen Pflegenden und behandelnden Ärzten verbessern deren Arbeit effizienter machen. „Wir müssen effizienter werden“, sagt Jörg Simpfendörfer vom Gesundheitsnetz Süd, „die Ärzte gehen uns sonst kaputt.“

Mehr Zeit für Patienten, weniger Zeit für Absprachen soll das Online-Gesundheitskonto bringen. Foto: dpa
Mehr Zeit für Patienten, weniger Zeit für Absprachen soll das Online-Gesundheitskonto bringen. Foto: dpa

Stuttgart - Für Jörg Simpfendörfer geht es ans Eingemachte. 43 Prozent der Hausärzte im Kreis Sigmaringen nähern sich dem Rentenalter oder sind sogar schon darüber, wie der Versorgungsbericht der Kassenärztlichen Vereinigung für 2016 zeigt. Wenn diese Ärzte sich in den kommenden Jahren zur Ruhe setzen und ihre Patienten bei den übrigen Medizinern Hilfe suchten, prophezeit der Vorstandsreferent des Ehinger Gesundheitsnetzes Süd (GNS), „gehen uns die Ärzte zugrunde“. Deshalb müsse die Arbeit effizienter werden. Von dem Modellprojekt Patient-Digital im Kreis Sigmaringen verspricht sich die Genossenschaft Gesundheitsnetz Süd, an der 400 Ärzte teilhaben, für die Mediziner erhebliche Entlastungen.

Die Idee: alle Daten eines Patienten, alle Diagnosen, Befunde, Behandlungen und Medikationen werden auf der Internet-Plattform Vitabook gespeichert. Der Patient selbst entscheide, wem er mit der Eingabe seiner Versichertennummer und eines Zugangcodes wie viel Zugriff auf welche Bereiche erlaubt. Die Daten würden unter dem auch für Banken gültigen Sicherheitsstandard gespeichert.

Schon jetzt nutzen deutschlandweit 148 000 Patienten die Internetplattform. Das GNS will nun gezielt im Kreis Sigmaringen für das Online-Gesundheitskonto werben, um seinen Nutzen im ländlichen Raum zu testen. Ein solches Onlinekonto könne nicht nur Ärzten, sondern auch Pflegediensten oder Apothekern helfen.

Seit Oktober 2016 haben Patienten, die mehr als drei Medikamente regelmäßig einnehmen müssen, einen gesetzlichen Anspruch auf einen Medikationsplan. Der kann aber auch ganz analog auf Papier erstellt werden – und damit erneut Abspracheschwierigkeiten verursachen. „Wir haben in diesem Bereich einen nicht unerheblichen Nachholbedarf“, sagt Kai Sonntag, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg.

Land übernimmt die Projektkosten zur Hälfte

Offenbar sieht man das auch im Verbraucherschutzministerium so. Das Land beteiligt sich an den Projektkosten von 300 000 Euro für die kommenden zwei Jahre zur Hälfte – und erhofft sich nach Abschluss der Testphase ein System, das auch auf andere Kreise übertragbar sei. „Ich hoffe, dass sowohl für die Patienten und die Ärzte als auch für die sonstigen Akteure des Gesundheitswesens im ländlichen Raum ein spürbarer Mehrwert geschaffen wird“, sagt der zuständige Minister Peter Hauk (CDU). Auch Stefanie Bürkle, die Landrätin des Kreises Sigmaringen, Stefanie Bürkle, begrüßt das Projekt. Der Landesdatenschutzbeauftragte hat dagegen bereits zu bedenken gegeben, Gesundheitsdaten seien das sensibelste, was es gibt: Insofern wünsche er sich künftig einbezogen zu werden. Auch die baden-württembergische Krankenhausgesellschaft äußert sich zurückhaltend. Die Frage sei, wie ein solches Projekt vereinbar sei mit der elektronischen Gesundheitskarte, die ähnliche Aufgaben übernehmen soll, sagt eine Sprecherin. Das Gesundheitsnetz Süd muss also Überzeugungsarbeit leisten. Nach der Sommerpause sollen die Krankenhäuser und die Ärzte über das Modellprojekt informieren; die Patienten sollen folgen. „Wenn es uns gelingen würde, einen Großteil der Krankenhauspatienten zu überzeugen, wäre das perfekt“, sagt Jörg Simpfendörfer.