Openleaks-Sprecher Snorasson "Wir starten mit fünf Partnern"
Thea Bracht, 11.02.2011 07:32 Uhr
 Foto: Screenshot: StZ
Foto: Screenshot: StZ
Stuttgart - Der 25-jährige Herbert Snorrason hat einige Monate für Wikileaks gearbeitet. Er verwaltete dort einen internen Chat. Im Herbst vergangenen Jahres verließ der Isländer die Organisation. Wie der ehemalige Wikileaks-Sprecher für Deutschland, Daniel Domscheit-Berg, beklagte er den autoritären Führungsstil Julian Assanges und plädierte für eine Strukturreform. Legendär ist der letzte Satz, den Assange ihm bei dieser Auseinandersetzung schickte: "Ich bin das Herz und die Seele dieser Organisation, ihr Gründer, ihr Sprecher, der erste Programmierer, Organisator, Finanzier und der ganze Rest. Wenn du ein Problem damit hast, verpiss dich." Snorrason antworte per Twitter und schließt mit "Fuck off, Julian" ».

Zusammen mit Domscheit-Berg und anderen baute Snorrason das Alternativprojekt Openleaks auf. Wir haben mit ihm über Julian Assange, Openleaks und das Buch von Daniel Domscheit-Berg gesprochen.

Herr Snorrason, haben Sie schon das Buch "Inside Wikileaks" von Daniel Domscheit-Berg gelesen?


Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen, aber ich kenne einige der Themen in dem Buch und wundere mich nicht, dass die Leute neugierig darauf sind.

In dem Buch wird beschrieben, dass einige Wikileaks-Mitarbeiter Dokumente mitgenommen haben. Gehören Sie auch dazu?


Ich weiß davon, war aber nicht involviert.

Und was die entwendete Software angeht?


Ein Mitglied, der Software entwickelt hatte, wollte diese nicht bei der Organisation lassen.

Haben Sie noch Kontakt zum Wikileaks-Grüder Julian Assange?


Nein, ich habe nicht mehr mit ihm gesprochen, seitdem ich Wikileaks verlassen habe – also seit September.

Waren Sie persönlich von ihm enttäuscht?


In mancher Hinsicht schon, in anderer nicht. Das ist sehr schwer zu beschreiben. Ich fand es unglücklich, dass es dazu gekommen ist. Vor allem war ich überrascht, wie heftig Julian reagiert hat. Aber mir war klar, dass diese Gefühle bei ihm existierten.

Trotzdem geben Sie bei Facebook an, Wikileaks zu mögen.


Ich mag Wikileaks, ich mag das Konzept. Ich möchte nicht, dass Wikileaks sich selbst zerstört. Obwohl ich die Organisation verlassen habe, bedeutet das nicht, dass ich sie runterreißen will. Aber in einigen Punkten bin ich eben kritisch. Wikileaks will zu viel – vom Empfang der Dokumente bis zur Veröffentlichung. Man braucht dazu aber viel Expertenwissen innerhalb der Organisation. Ich habe versucht, eine Strukturreform bei Wikileaks anzuregen, um mit der Masse an Arbeit zurechtzukommen. Julian Assange hat mit sehr deutlich gemacht, dass er solche Veränderungen nicht will. Als mir das klar wurde, habe ich mich entschieden, die Organisation zu verlassen.

Gerade wird darüber diskutiert, ob Wikileaks noch sicher ist.


Das kann ich im Moment nicht beurteilen. Als ich ging, waren die Strukturen nicht so, dass ich Leuten empfehlen hätte empfehlen können, der Organisation zu trauen. Ob sich seitdem etwas verändert hat, weiß ich nicht. Die Hauptprobleme bei Wikileaks sind aber nicht technischer, sondern sozialer Natur.

Julian Assange versucht nach den Vergewaltigungsvorwürfen gerade, eine Auslieferung nach Schweden zu verhindern. Verfolgen Sie das?


Im Groben weiß ich, was gerade vorgeht. Doch ich versuche, mich nicht allzu stark damit zu beschäftigen. Das ist einfach nicht produktiv.

Sprechen wir über Ihr neues Projekt, Openleaks, das seit Ende Januar online ist. Seit wann arbeiten Sie daran – und wann werden Sie die ersten Partner bekanntgeben?


Wir haben mit dem Projekt kurz nach unserem Weggang von Wikileaks begonnen. In der ersten Testphase werden wir mit nicht mehr als fünf Partnern zusammenarbeiten. Sie werden dann bekannt gegeben, wenn wir wirklich loslegen. Ich hoffe, dass das in einigen Wochen passieren wird.

Können Sie etwas über Ihre Partner sagen?


Im Moment handelt es sich vor allem um europäische Medienunternehmen. Wir wollten eigentlich mit einer gemischten Gruppe an den Start gehen, aber bei Nichtregierungsorganisationen dauert es tendenziell etwas länger, bis eine Entscheidung getroffen wird.

Sie und Daniel Domscheit-Berg sprechen für das Projekt. Wer ist sonst noch dabei?


Wir sind ungefähr zu zwölft. Zurzeit brauchen wir aber auch nicht mehr Mitarbeiter. Die Mitarbeiter kommen aus mehreren Ländern, viele haben einen technischen Hintergrund, ich bin Historiker, bei manchen weiß ich es gar nicht so genau.

Und der Hauptsitz von Openleaks ist Berlin?


Es gibt keine Zentrale. Berlin ist wichtig, weil Daniel dort wohnt und die Stadt nützlich ist für zentrale Aktivitäten. Aber es gibt kein zentrales Büro, dieses Projekt basiert ja auf dem Internet.

Das spart natürlich Geld. Wie viel Geld werden Sie pro Jahr etwa brauchen?


Das lässt sich schwer sagen, es hängt von der Anzahl der Partner ab. Die meisten Ausgaben brauchen wir für die technische Infrastruktur. Wir hoffen, dass die Partner uns bei der Bereitstellung der Infrastruktur finanziell unterstützen werden. Zurzeit finanzieren wir das Projekt noch aus privaten Mitteln, ein paar Spenden hat es auch gegeben.

Haben Sie denn zurzeit noch einen anderen Beruf?


Im Moment arbeite ich ausschließlich für Openleaks. Das hängt auch damit zusammen, dass die Arbeitsmarktsituation in Island gerade nicht gut ist.

Daniel Domscheit-Berg sprach davon, eine Stiftung zu gründen. Können Sie da schon Details nennen?


Darum kümmert sich gerade Daniel. Das Konzept von Openleaks besteht ja darin, nicht alles allein zu machen. Wir wollen eine sichere Infrastruktur für Informanten bereitstellen und andere dazu ermuntern, ähnliche Plattformen zu gründen. Das ist das Hauptziel der Stiftung. Wir wollen auch auf unserer Website dokumentieren, wie wir die Sicherheitsprobleme technisch lösen.

Es tauchen immer mehr Enthüllungsplattformen im Netz auf. Gibt es da keine Konkurrenz?


Es gibt genügend Informationen für alle. Es sollte kein Wettbewerb zwischen den verschiedenen Leaking-Sites herrschen. Alle profitieren davon, wenn es mehrere Anbieter gibt. Entscheidend ist, dass alle Plattformen sicher sind. Wir versuchen andere zu inspirieren, unserem Beispiel zu folgen.

Wie geht es Ihnen - fühlen Sie sich eigentlich sicher?


Sagen wir mal so: Der isländische Geheimdienst besteht aus drei Leuten Sie haben ernstere Probleme als mich. In Island fühle ich mich jedenfalls sicher. Und ich habe keine Pläne, jemals in die USA zu reisen.

Ihr Name steht noch auf dem Klingelschild?


Warum sollte er nicht?
Kommentare (0)
Anzeigen