Operation an der Halsschlagader Eingriff erfordert absolute Präzision

Von Martin Schäfer 

Lebensrettende Putzaktion: Thomas Hupp kratzt einem Patienten im Katharinenhospital die verengte Halsschlagader frei.

Dr. Hupp operiert an der offenen Halsschlagader Quelle: Unbekannt 4 Bilder
Dr. Hupp operiert an der offenen Halsschlagader Quelle: Unbekannt

Stuttgart - Thomas Hupp würde sich sicher nicht auf den Schlips getreten fühlen, wenn man ihn als Handwerker der besonderen Sorte bezeichnete: Auf seine Hände kommt es an am Katharinenhospital in Stuttgart. Sie führen Skalpell, Schere, Klemme, mit denen sich der Mediziner an die Gefäße seiner Patienten heranarbeitet.

Hupp hat meist alte Menschen vor sich. Patient Wolf W. ist 85 und hat schon einen Stent in den Herzkranzgefäßen liegen. Die linke Halsschlagader (Carotis) ist komplett zu. Einmal blockiert, verklumpt das Blut in der Ader und verschließt sie unwiederbringlich.

W.s Gehirn wird nun nur noch über die rechte Halsschlagader und durch ein kleineres Gefäß über die Halswirbel versorgt. Doch auch die rechte Halsschlagader ist verengt. Der Mallorca-Rentner entschied sich für eine Operation in Stuttgart.

Die Halsschlagader ist eine Sollbruchstelle alternder Gefäße

Diese Operation hat es in sich: Der Patient erhält ein Beruhigungsmittel und lediglich eine lokale Narkose auf der rechten Seite des Halses, etwa handflächengroß. Dann schneidet Hupp auf fünf bis sechs Zentimetern die Haut auf und legt die Halsschlagader frei.

Die Schnitte verlaufen überwiegend unblutig. Mit einem blauen Bändchen markieren Hupp und sein Oberarzt Günter Jenal die Halsschlagader unterhalb der Verzweigung. An dieser Stelle hat die Halsschlagader eine Y-Form. Die Carotis communis kommt nahe dem Herzen aus der Hauptschlagader, verzweigt über die Carotis interna ins Gehirn und versorgt über die Carotis externa den übrigen Kopf: Schilddrüse, Lippe, Zunge, Rachen, Kehlkopf und die Schläfe.

Für jede dieser Funktionen zweigt ein kleines Gefäß von der Halsarterie ab. Mit einer Lupe auf den Brillengläsern stichelt Hupp jedes Gefäß mit dem Skalpell frei. Das Y der Halsschlagader ist eine Sollbruchstelle alternder Gefäße. Dort entstehen Turbulenzen in der Blutströmung. Kalk und Fette setzen sich ab und verstopfen die Arterie. Dort schimmern auch bei Patient Wolf W. in gelboranger Farbe die Kalkablagerungen durch das zarte Rosa der Arterie.

Hupp hat sein Ziel erreicht. Die goldenen Klämmerchen sehen aus wie kleine Büroklammern, mit denen der Chirurg jedes abzweigende Gefäß abklemmt. Dann kommt die Halsschlagader dran. "Carotis zu", ruft er klar und deutlich in den OP-Saal. Es ist der kritische Moment. Jeder im Operationsteam weiß, was in den nächsten 20 Minuten zu tun ist.

Der Anästhesist

Die Operation am wachen Patienten ist eine Herausforderung für die Narkoseärzte. Normalerweise liegt der Patient bei tiefgreifenden Operationen im Tiefschlaf der Vollnarkose. Die Lokalanästhesie hat aber den Vorteil, dass sich so die neurologischen Funktionen besser überwachen lassen. Schließlich ist ein Großteil der Blutversorgung des Gehirns abgeklemmt.

Schon vor dem Eingriff hat der Narkosearzt Jan-Henrik Schiff den Zustand des Patienten genau erfasst: Sprechen, Mimik, Motorik. "Drücken Sie mir die Hand", sagt Schiff nun während der Operation immer wieder zu W. Über ein trennendes Tuch bleibt Schiff im Augenkontakt mit dem Chirurgen. Da Hupp an der rechten Halsschlagader operiert, die den rechten Gehirnteil versorgt, beobachtet Schiff seinen Patienten auf der linken Seite.

Eine Unterversorgung des Gehirns würde der Oberarzt sofort bemerken: Der Patient stammelt dann, kann nicht mehr die Zähne fletschen, sein Händedruck lässt nach oder bleibt aus. In so einem Fall würde Schiff dem Chirurgen sofort melden, dass dieser sich entweder beeilen oder einen sogenannten Shunt legen muss. Eine Art Strohhalm würde dann für die Operationszeit den durch das Auftrennen der Carotis unterbrochenen Blutfluss übernehmen.


Der Chirurg

Es ist 10.24 Uhr, als Hupp für 20 Minuten die Blutversorgung der rechten Halsschlagader unterbricht. Er schneidet beherzt zu und trennt den rechten Ast der Y-Verzweigung ab. "Das ist der Kick", erklärt er. "Hier hängt das Gehirn dran. Da darf nichts passieren." Jeder Handgriff muss nun sitzen.

In den mehr als 25 Jahren seiner Medizinerkarriere hat Hupp wohl schon 2500-mal an der Halsschlagader operiert. Der Gefäßchirurg taucht regelmäßig in den Bestenlisten auf - wenngleich er selbst die Aussagekraft solcher Rankings eher bezweifelt. Seine Klinik für Gefäßchirurgie im Katharinenhospital rechnet er indes zu den besten fünf in Deutschland.

Hupp schält die weißliche Kalkablagerung heraus. "Was wir hier machen, ist natürlich besser, als einen Stent zu legen", sagt er. "Wir reinigen drei verengte Gefäße", nämlich alle drei Enden der Y-Verzweigung. Die Alternative, die Verengung durch Einführen eines Röhrchens, eines Stents, wieder durchgängig zu machen, könne nur in einem Ast des Y geschehen.

Doch bei seinem Patienten W. kratzt Hupp massive Ablagerungen aus dem Y - für ihn ein gewichtiges Argument dafür, dass die aufwendige Operation besser ist als das Einführen eines künstlichen Röhrchens. Um diese beiden Methoden tobt unter Medizinern beinahe so etwas wie ein Glaubenskrieg. Chirurgen favorisieren die Operation, Internisten den Stent, der über einen Katheter ins Y geschoben wird.

Der Glaubenskrieg hat sich auch in einander widersprechenden Studien niedergeschlagen. Mal sprach eine für, mal eine gegen den Stent. "Da stecken natürlich handfeste Interessen der Industrie dahinter", erklärt Hupp.

Der Chirurg sieht die Operation im Vorteil: weniger Nebenwirkungen wie etwa Schlaganfälle während oder nach der Operation, kein fremdes Material im Körper. Für die OP an der Carotis spreche insbesondere, dass diese am Hals für den Chirurgen leicht zugänglich ist. Im Brustraum sehe das ganz anders aus, wenn etwa ein Patient unter Vollnarkose an die Herz-Lungen-Maschine müsse.

Der Patient

Wolf W. wird unruhig, räuspert sich, hustet. Oberarzt Schiff schaut über das OP-Tuch in die offene Wunde. Hupp ist mit dem Zunähen fast fertig. Die Stiche sind fein, der Zwirn extrem dünn, dennoch sickert Blut durch die Stichstellen der Halsschlagader. "Wir operieren in der vollen Blutverdünnung", erklärt Hupp.

Damit durch die schmalen Gefäße im Nacken das Gehirn noch ausreichend Blut erreicht, hat der Anästhestist Schiff W.s Blutdruck leicht erhöht und sein Blut mit dem Medikament Heparin dünnflüssiger gemacht.

Um 10.45 Uhr öffnet Hupp die Klemmen und damit die runderneuerte Halsschlagader. Mit einer heißen Kompresse stillt er die Stichwunden in der Carotis-Wand. Sein grün behandschuhter Mittelfinger ruht kurze Zeit auf W.s daumendicker Schlagader und wippt im Takt des Pulses.

Mit einem Mal ist der Patient wieder ruhig. Hupp spricht ihn an: "Herr W., es geht alles nach Plan." Oberarzt Schiff, der in den kritischen 20 Minuten W.s linke Hand nicht losgelassen hat, meldet zurück: "Er freut sich."