Oppenweiler Ausgesperrt – Familie in Angst

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Die Dämme und Wälle zum Schutz vor Hochwasser in Oppenweiler wachsen. Ein Haus indes steht nicht hinter den Barrieren sondern davor. Wenn der Murrpegel steigt, dann dürfte das Gebäude absaufen.

Dieter Lind und die Mauer, die sein Haus gefährden könnte. Foto: Gottfried Stoppel
Dieter Lind und die Mauer, die sein Haus gefährden könnte. Foto: Gottfried Stoppel

Oppenweiler - Es wird alles noch viel schlimmer“, sagt Dieter Lind und blickt mit skeptischer Miene aus dem Fenster in Richtung Murr. Ganz in der Nähe des Hauses seiner Familie ist von der Gemeinde Oppenweiler jetzt eine Hochwasserschutzmauer errichtet worden, doch das Haus der Linds steht leider auf der falschen Seite dieser Mauer. Der Wasserbauingenieur wohnt zusammen mit seinen Eltern Karin und Horst Lind in einem Haus, das in den 1950er-Jahren nur ein paar Meter vom Murrufer entfernt gebaut worden ist.

Viele Menschen in Oppenweiler sind ganz zufrieden mit den Mauern und Dämmen, die zurzeit vielerorts in Murrnähe entstehen und Teil eines umfassenden Konzepts zum Hochwasserschutz sind. Die Linds indes haben ein Problem: Sie werden quasi ausgesperrt, ihr Eigenheim steht nämlich nicht hinter einem Damm oder einer Mauer, sondern davor. Wenn die Murr nach starken Regenfällen mal wieder anschwellen sollte – was bei den jüngsten Regenfällen nicht der Fall war –, dann werde alles viel schlimmer, wiederholt Dieter Lind und legt die Stirn in Falten.

„Wir waren in Lebensgefahr“

Beim bis dato letzten Hochwasser vor gut zwei Jahren, sagt Lind, hätten er und seine Eltern – beide sind Rentner – „Todesangst“ gehabt. „Wir waren in Lebensgefahr.“ Das Wasser im Haus sei gestiegen und gestiegen, die Murr habe sich in einen reißenden Fluss verwandelt. „Wir sind ohne Strom im ersten Stock im Bett gesessen und haben abgewartet.“ Den Rettern sei es mehrere Stunden nicht gelungen, zum Haus in der Straße Reichenbach 36 vorzudringen. Das Wasser, das vor zwei Jahren noch auf der gegenüberliegenden Seite der Murr die Straßen überflutet hat, würde bei einer neuerlichen Flut in Richtung des Hauses seiner Eltern geleitet, befürchtet Dieter Lind. Der Pegel würde unweigerlich weiter ansteigen als 2011.

Deshalb hat die Familie, wie berichtet, beim Verwaltungsgericht Stuttgart Klage gegen den Bau der Hochwasserschutzmaßnahmen im Ort eingereicht. Auch der Besitzer der am Ortsrand gelegenen Rüflensmühle, Jürgen Küenzlen, klagt gegen den sogenannten Planfeststellungsbeschluss. Auch er hat Wasserbau studiert und befürchtet, dass die neuen Mauern und Dämme das Murrwasser zurückstauen, und dass die braune Brühe bei Hochwasser die uralte Mühle beschädigen könnte. Küenzlen sagt mit einem etwas verbitterten Grinsen: „Es ist halt Pech für die Gemeinde, dass sie es mit zwei Fachleuten zu tun hat.“

Gerichtsverfahren soll klären, welche Angaben stimmen

Dieter Lind und Jürgen Küenzlen rechnen sich vor dem Kadi gute Chancen aus. Sie haben Fachleute beauftragt und nach eigenen Angaben Ungereimtheiten in den Planungen des Wasserverbands Murrtal und der Gemeinde entdeckt. Im Gerichtsverfahren müsse nun ein Gutachten klären, „was stimmt“, sagt Küenzlen – die Angaben des Wasserverbands oder die der Kläger.

Die Gemeinde verweist darauf, dass Dieter Linds Großvater das Haus einst mit dem Wissen gebaut habe, dass es im hochwassergefährdetem Gebiet steht. Deshalb fördere das Land keine Schutzmaßnahmen. Lind und Küenzlen betonen, dass es ihnen nicht darum gehe, den Hochwasserschutz für andere zu verhindern, „aber wir wollen auch Schutz“. Für seine Familie gebe es zwei Möglichkeiten, sagt Lind: entweder sie bekomme auch eine Schutzmauer, oder die Gemeinde erwerbe das Grundstück Dann würde die Familie in einen anderen Ort umziehen. Küenzlen sagt, für ihn komme nur ein Hochwasserschutz für die Mühle in Frage, der grob geschätzte 150 000 Euro kosten dürfte.

„Wir haben auch über die Medien Druck aufgebaut“, sagen die Kläger. Nur deshalb komme ein wenig Bewegung in die Sache. Auf Seiten der Gemeinde tut sich offenbar tatsächlich etwas. Dieter Lind erzählt von einem Vorschlag der Kommune, das Haus und das 3000 Quadratmeter große Grundstück eventuell für 340 000 Euro zu übernehmen. Wenig später sei nur noch von 275 000 Euro die Rede gewesen. Lind geht davon aus, dass das Grundstück 400 000 Euro wert ist.

Bürgermeister will „mögliche Lösungen ausloten“

Der Bürgermeister Steffen Jäger erklärt auf Anfrage, dass man zurzeit versuche „mögliche Lösungen auszuloten“. Mehr könne er noch nicht sagen. Generell ist der Schultes fest davon überzeugt, dass die Mauern, die Dämme und die Regenrückhaltebecken, die der Verband bauen lässt, dringend notwendig sind – das zeigten auch die Bilder der aktuellen Flutkatastrophe in Ostdeutschland. Für eine schnelle Umsetzung des Hochwasserschutzes sei es „jedoch nicht zielführend, wenn vom Hochwasser Betroffene gegen Schutzmaßnahmen für andere Betroffene klagen“.