InterviewOrganhandel „Die Not sozial schwacher Menschen ausgenutzt“

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Ein Leben ohne funktionstüchtige Niere ist schwer. Kann es da gerechtfertigt sein, auf dem Schwarzmarkt einen Organspender zu suchen und zu bezahlen? Der Medizinethiker Giovanni Maio lehnt das ab und fordert eine bessere Betreuung von Dialysepatienten.

Giovanni Maio ist Medizinethiker an der Universität Freiburg. Foto: Verlag
Giovanni Maio ist Medizinethiker an der Universität Freiburg.Foto: Verlag
Herr Maio, können Sie es verstehen, wenn sich jemand wie mein Kollege Willi Germund eine Niere kauft, weil er sich ein Leben mit Dialyse nicht vorstellen kann?
Ich kann die Not dieser Menschen verstehen. Aber der Organhandel ist illegal, und dieses Verbot muss unbedingt erhalten bleiben, denn hier wird die Not sozial schwacher Menschen ausgenutzt. Selbst wenn sich diese Menschen bereit erklären, ein Organ zu verkaufen, dürfen wir das nicht akzeptieren. Wir müssen die Freiwilligkeit in Frage stellen und die medizinische Versorgung als katastrophal einstufen. Die Versorgung ist für diese Menschen erfahrungsgemäß so schlecht, dass die Eingriffe eine gesundheitliche Gefahr darstellen, weil sich nach dem Eingriff niemand um sie kümmert. Wenn sich die Menschen nicht in der Lage befänden, in der sie sind, würden sie diesen Schritt niemals wählen.
Sie sagen, Sie verstehen die Not der Patienten bei Nierenversagen. Können Sie auch nachvollziehen, dass sie ein Leben mit Dialyse nicht möchten?
Die Betroffenen müssen gut betreut werden. Wir brauchen eine Medizin, die sie begleitet und mit ihnen spricht. Die Dialyse ist mit vielen negativen Auswirkungen verbunden, aber sie schenkt doch den Menschen Leben – sie schenkt ihnen Zeit. Die Medizin muss diesen Patienten Perspektiven aufzeigen und Mut machen, statt die Resignation zu zementieren. Ein Leben mit Dialyse ist beschwerlich, aber nicht sinnlos.
Und wenn die Medizin das nicht leisten kann?
Auch dann kann die Konsequenz doch nicht sein, die Not eines anderen Menschen auszunutzen, damit es einem selber besser geht. Ihr Kollege schreibt, dass er nicht verstehen könne, wie andere Menschen geduldig auf ein Organ warten. Aber sie haben doch keinen Anspruch auf ein Organ, sie können nur darauf warten. Das ist fast schon eine indirekte Aufforderung, sich ein Organ zu kaufen. Wenn es einen positiven Aspekt bei dieser Geschichte gibt, dann den, dass die schwierige gesundheitliche und soziale Lage von Dialysepatienten in den Fokus gerückt wird. Sie brauchen nicht nur die Dialyse, sondern auch die Anerkennung der Gesellschaft und die Möglichkeit, inmitten der Gesellschaft ein soziales Leben zu führen.
Sehen Sie darüber hinaus Regelungsbedarf bei der Organspende?
Nein, auf keinen Fall. Es gibt schon seit Jahrzehnten Debatten darüber, ob man finanzielle Anreize schaffen sollte. Man hat aber entschieden, dass die Organspende eine Spende bleiben soll und auf Altruismus basieren muss. Ich halte die Grundsatzentscheidung für weitsichtig und richtig, dass der Solidaritätsgedanke nicht durch einen Verwertungsgedanken ersetzt wird. Dann wäre es keine Spende mehr, sondern ein Tausch. Der Körper würde zur Ware.

Der Medizinethiker Giovanni Maio hat Philosophie und Medizin studiert und einige Jahre als Internist gearbeitet. 2005 wurde er auf den Lehrstuhl für Medizinethik der Universität Freiburg berufen. Maio ist Mitglied mehrerer Ethikkommissionen und Autor des Buchs „Medizin ohne Maß?“, das 2014 im Trias-Verlag Stuttgart erschienen ist. Er war außerdem am Mittwochabend in der Reihe „Gesundheit beginnt im Kopf“ im Stuttgarter Rotebühlzentrum zu Gast – hier unser Bericht.

 
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der Körper ist längst Ware: das ist doch der Sinn des Wirtschaftens: alles zur Ware zu machen, das die, die 85 Personen, die die Hälfte des globalen Vermögens besitzen, auch noch den Rest sich unter den Nagel reißen können. Dafür arbeitet das elitäre Netzwerk von der Atlantikbrücke bis zum letzten Handlanger dieser Demokratie.

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