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Organisierte Kriminalität Gefälschte Wahlzettel

Paul Kreiner und Susanne Janssen, vom 26.02.2010 18:54 Uhr
Die Arme der kalabrischen ’Ndrangheta reichen auch bis nach Stuttgart. Hier sollen sie ihren Landsleuten massenhaft Stimmzettel für die Briefwahl zum Parlament abgekauft haben. Foto: dpa
Die Arme der kalabrischen ’Ndrangheta reichen auch bis nach Stuttgart. Hier sollen sie ihren Landsleuten massenhaft Stimmzettel für die Briefwahl zum Parlament abgekauft haben. Foto: dpa
""Ich hab 40 oder 50 Wahlbriefe ausgefüllt, morgen mache ich weiter.""
Ein in Stuttgart von der Polizei abgehörter Mafioso

Rom/Stuttgart - Dass sich Angehörige der 'Ndrangheta in Stuttgart und Umgebung aufhalten, sich dort als normale Arbeiter oder Gastwirte tarnen, dafür haben die italienischen Mafia-Ermittler seit langem ihre Anzeichen. Gerade gehen die Staatsanwälte in Rom einem der größten Geldwäscheskandale der italienischen Geschichte nach und verfolgen in Stuttgart eine ganz besondere Spur der Mafia: Angehörige eines Clans aus Kalabrien sollen hier vor zwei Jahren ihren Landsleuten massenhaft Stimmzettel für die Briefwahl zum Parlament abgekauft haben, um sie zu fälschen und einen "Vertrauensmann" in den italienischen Senat zu bringen.

Es ist ihnen gelungen. Jedenfalls betrachten die Ermittler den römischen Anwalt, Unternehmer und Senator Nicola Di Girolamo (49) als Schlüsselfigur einer Affäre, bei der über verschlungene internationale Transaktionen mehr als zwei Milliarden Euro dubioser Herkunft gewaschen und dem italienischen Staat knapp 370 Millionen Euro entzogen worden sein sollen. 56 Verdächtige wurden dieser Tage in Italien festgenommen.

Di Girolamo, der zur Partei "Volk der Freiheit" von Ministerpräsident Silvio Berlusconi gehört und meist in Brüssel residiert, kandidierte bei der Parlamentswahl im April 2008 als Auslandsitaliener und war deshalb auch von den Stimmberechtigten unter den 60.000 Italienern in der Region Stuttgart wählbar. Aufgestellt wurde er, sagen die Staatsanwälte, weniger von der Partei - in der viele ihn gar nicht kennen -, sondern von einem zwielichtigen Geschäftemacher mit guten Kontakten zur 'Ndrangheta.

Warum ausgerechnet Stuttgart?


Schon bei der Auswertung der Wahlunterlagen aus Stuttgart sei aufgefallen, dass viele mit demselben Stift und in derselben Handschrift ausgefüllt worden seien. Stimmenkauf im Hunderter- oder gar Tausenderpack ist in Süditalien nichts Seltenes; er gehört zu den Methoden der Organisierten Kriminalität, "ihre" Leute an die Spitze von Gemeinden, Provinzen und Regionen zu bringen. Für die beteiligten Politiker wiederum ist der Stimmenkauf, da die Mafia über zuverlässige Stimmbataillone verfügt, die Garantie für den Sieg. Er verlangt aber nach Gegenleistung - was die Verstrickung von Mafia und Politik fördert.

Wieso die 'Ndrangheta in diesem Fall ausgerechnet auf Stuttgart gesetzt hat, ist nicht klar. Wahrscheinlich, so vermutet eine Angehörige der parlamentarischen Antimafia-Kommission in Rom, weil die Mafiosi hier sehr viele Landsleute auf dichtem Raum vorgefunden haben. Auf eine besondere Aktivität der 'Ndrangheta in Stuttgart sei daraus noch nicht zu schließen, sagt die Parlamentarierin. Dennoch gab es schon vor Jahren 'Ndrangheta-Gerüchte um den Wirt "Don Mario" aus Weilimdorf, der ein guter Freund von Günter Oettinger sein soll, der Stammgast war.

Wie es den Mafiosi in Stuttgart bei ihrer Tour von Haus zu Haus ging, hat - nach den Abhörprotokollen der Polizei - in beredten Worten einer von ihnen am Telefon gegenüber Di Girolamo erzählt: "Dann sind wir ins Haus von so ein paar armseligen Italienern. Da bellt der Hund, da kackt die Kleine, und dann geben sie uns grade mal zwanzig Stimmzettel. Für mich war das dermaßen ekelhaft, ich hab draußen gewartet. Und heute Abend bin ich fix und fertig, ich hab' 40 oder 50 Wahlbriefe ausgefüllt, morgen mache ich weiter."

Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt (LKA) wissen nichts von konkreten kriminellen Aktivitäten der 'Ndrangheta: "Wir beobachten die Szene natürlich, aber wir müssen erst einmal einen konkreten Anfangsverdacht haben", sagt LKA-Sprecher Ulrich Heffner.
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