Oskar-Beck-Kolumne
Die gute Schweizer Tat wird 60
Oskar Beck,
22.11.2010 14:53 Uhr
Foto: dpa
Stuttgart - Es gibt Dinge, die vergisst man sein Leben lang nicht. Das kann der erste Kuss sein - aber genauso gut auch ein humorloser Tritt gegen den Ball. "Mein Tor? Also, das war so: wir hatten ja Schlamm an dem Tag. Knietief. Da kannst beim Elfer nicht groß Anlauf nehmen, sonst bleibst nämlich stecken. Also: ich bück mich, leg den Ball hin, zwei Schrittchen, Augen zu - und drauf!"
So hat Herbert Burdenski den berühmten Vorfall sein Leben lang x-mal nacherzählt, vorwärts und rückwärts und seitwärts, er selbst ist inzwischen tot - aber was auch ohne ihn weiterlebt, ist dieser goldene Schuss, mit dem er sich eingraviert hat ins Goldene Buch der Geschichte. Abgefeuert hat ihn der Verteidiger Burdenski im ersten Länderspiel nach dem Krieg, als die Weltgemeinschaft den deutschen Fußball wieder willkommen hieß, widerwillig teilweise, mit der Faust in der Tasche und durch die Zähne gepresst - jedenfalls kam das Grüßgott als Gruezi daher.
Das war am 22. November 1950, also am Montag vor sechzig Jahren, und der runde Geburtstag des Gnadenakts ist eine perfekte Gelegenheit, um im Rahmen einer gutnachbarschaftlichen Betrachtung einmal dankend auf die Knie zu sinken und die Frage zu stellen: Was wäre im Fußball eigentlich ohne die Schweizer aus uns geworden?
Schlimmstenfalls nichts. Womöglich wären wir heute noch aus der Fifa ausgeschlossen und würden auf unterstem Niveau gegen aufgeblasene Schweinsblasen bolzen, vor 50 Zuschauern, isoliert vom Rest der Welt und ausgestoßen und geächtet wie damals, als die Schweizer als Erste auf die Idee kamen, uns zu verzeihen. Was wir im Fußball heute sind, verdanken wir ihnen, schon 1908 waren sie unser erster Länderspielgegner - und wenn wir zwischendurch immer mal wieder versuchten, gewaltsam die Welt zu erobern, zog sich der friedfertige Schweizer in seine Bergwelt zurück, bis sich der Pulverdampf verzogen hatte, und reichte uns danach die Hand zur Versöhnung. So war das nach dem ersten Krieg und, siehe oben, auch nach dem zweiten.
Die Zeitzeugen sterben langsam aus, aber dank alter Schriften und dem vergilbten Notizblock, der uns von einem Telefonat mit dem Vollstrecker Burdenski geblieben ist, wissen wir über dieses Spiel eins nach der Stunde null alles. Es war ein wolkenverhangener, nasser Tag, es regnete Katzen und Hunde - und allen Sicherheitsvorschriften zum Trotz quetschten sich 103.000 Zuschauer ins mit Stahlrohrtribünen erweiterte Stuttgarter Neckarstadion. Wenn der Schalker Berni Klodt einen Eckball schießen wollte, musste er die Zuschauer von der Eckfahne erst einen halben Meter wegschieben.
Ganz Deutschland war da, bis auf Fritz Walter. Der Star war verletzt. Wie schwer? Bundestrainer Herberger klärte es ein paar Tage vor dem Spiel am Telefon. "Fritz", sagte er, "trete Sie mal gegen de Schreibtisch." Walter tat es. Schmerzen. Herberger: "Dann geht's net." Wichtiger aber war, dass die Schweizer da waren.
Vier Jahre später machten sie uns dann vollends zum Weltmeister, mittels eines verschwörerischen Freundschaftsdienstes. Herbergers Assistent Albert Sing, als Spielertrainer der Young Boys Bern damals ein lokaler Held, zupfte vor dem WM-Finale den Hausmeister des Berner Stadions am Ärmel: "Die Deutschen in Kabine zwei, Brönnimann", sagte Sing und drückte dem Schweizer Kumpel zwanzig Franken in die Hand. Kabine zwei war bekannt als Glückskabine.
So viel ist jedenfalls sicher: ohne die Hilfe der Schweizer würden wir auf das Wunder von Bern heute noch warten - und auch 1990 haben wir den WM-Pokal nur gewonnen, weil dieses emsige Bergvolk das halbe Land untertunnelt hat und die Karawanen der deutschen Schlachtenbummler durch den Gotthard blitzschnell jedes Spiel in Mailand, Turin und Rom erreichten.
So hat Herbert Burdenski den berühmten Vorfall sein Leben lang x-mal nacherzählt, vorwärts und rückwärts und seitwärts, er selbst ist inzwischen tot - aber was auch ohne ihn weiterlebt, ist dieser goldene Schuss, mit dem er sich eingraviert hat ins Goldene Buch der Geschichte. Abgefeuert hat ihn der Verteidiger Burdenski im ersten Länderspiel nach dem Krieg, als die Weltgemeinschaft den deutschen Fußball wieder willkommen hieß, widerwillig teilweise, mit der Faust in der Tasche und durch die Zähne gepresst - jedenfalls kam das Grüßgott als Gruezi daher.
Runder Geburtstag des Gnadenakts
Das war am 22. November 1950, also am Montag vor sechzig Jahren, und der runde Geburtstag des Gnadenakts ist eine perfekte Gelegenheit, um im Rahmen einer gutnachbarschaftlichen Betrachtung einmal dankend auf die Knie zu sinken und die Frage zu stellen: Was wäre im Fußball eigentlich ohne die Schweizer aus uns geworden?
Schlimmstenfalls nichts. Womöglich wären wir heute noch aus der Fifa ausgeschlossen und würden auf unterstem Niveau gegen aufgeblasene Schweinsblasen bolzen, vor 50 Zuschauern, isoliert vom Rest der Welt und ausgestoßen und geächtet wie damals, als die Schweizer als Erste auf die Idee kamen, uns zu verzeihen. Was wir im Fußball heute sind, verdanken wir ihnen, schon 1908 waren sie unser erster Länderspielgegner - und wenn wir zwischendurch immer mal wieder versuchten, gewaltsam die Welt zu erobern, zog sich der friedfertige Schweizer in seine Bergwelt zurück, bis sich der Pulverdampf verzogen hatte, und reichte uns danach die Hand zur Versöhnung. So war das nach dem ersten Krieg und, siehe oben, auch nach dem zweiten.
Die Zeitzeugen sterben langsam aus, aber dank alter Schriften und dem vergilbten Notizblock, der uns von einem Telefonat mit dem Vollstrecker Burdenski geblieben ist, wissen wir über dieses Spiel eins nach der Stunde null alles. Es war ein wolkenverhangener, nasser Tag, es regnete Katzen und Hunde - und allen Sicherheitsvorschriften zum Trotz quetschten sich 103.000 Zuschauer ins mit Stahlrohrtribünen erweiterte Stuttgarter Neckarstadion. Wenn der Schalker Berni Klodt einen Eckball schießen wollte, musste er die Zuschauer von der Eckfahne erst einen halben Meter wegschieben.
"Fritz, trete Sie mal gegen de Schreibtisch."
Ganz Deutschland war da, bis auf Fritz Walter. Der Star war verletzt. Wie schwer? Bundestrainer Herberger klärte es ein paar Tage vor dem Spiel am Telefon. "Fritz", sagte er, "trete Sie mal gegen de Schreibtisch." Walter tat es. Schmerzen. Herberger: "Dann geht's net." Wichtiger aber war, dass die Schweizer da waren.
Vier Jahre später machten sie uns dann vollends zum Weltmeister, mittels eines verschwörerischen Freundschaftsdienstes. Herbergers Assistent Albert Sing, als Spielertrainer der Young Boys Bern damals ein lokaler Held, zupfte vor dem WM-Finale den Hausmeister des Berner Stadions am Ärmel: "Die Deutschen in Kabine zwei, Brönnimann", sagte Sing und drückte dem Schweizer Kumpel zwanzig Franken in die Hand. Kabine zwei war bekannt als Glückskabine.
So viel ist jedenfalls sicher: ohne die Hilfe der Schweizer würden wir auf das Wunder von Bern heute noch warten - und auch 1990 haben wir den WM-Pokal nur gewonnen, weil dieses emsige Bergvolk das halbe Land untertunnelt hat und die Karawanen der deutschen Schlachtenbummler durch den Gotthard blitzschnell jedes Spiel in Mailand, Turin und Rom erreichten.
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Großen Dank ...
... an Oskar Beck für diesen Artikel, und natürlich allergrößten Dank an unsere Nachbarn und Freunde in der Schweiz. Ich war als kleiner Junge dabei, ganz hinten auf einer der erwähnten Stahlrohr(?)tribünen, zu meinem Glück in der richtigen Kurve, nämlich in der Elfmeterkurve, wenn ich mich richtig erinnere, war das die Cannstatter. Wir waren alle nass bis auf die Haut, denn Goretex oder sowas gab es damals natürlich noch nicht. - Auf jeden Fall ist der Burdenski genau auf mich und alle anderen in dieser Kurve zugelaufen und hat den Elfer reingemacht. Das war mit Sicherheit die Geburtsstunde des neuen Selbstbewusstseins, das dann zum "Wunder von Bern" geführt hat. Wir Buben haben damals unter unvorstellbaren Bedingungen, mit denen ich niemand langweilen will, selbst Fußball gespielt und waren maßlos stolz und glücklich, dass "wir" gegen die großen Schweizer gewonnen haben, und natürlich war Burdenski der Superstar, zusammen mit Ottmar Walter. - In der Fußball-Ausstellung, die im Frühjahr und Sommer im Kunstgebäude zu sehen war, liefen von dieser Begegnung Filmausschnitte , die ich mir oft angesehen habe, wie ich zugeben muss mit feuchten Augen. - Wenn man die damaligen politischen Verhältnisse kennt und weiß, wie geächtet Deutschland damals in der Welt noch war, kann man ermessen, was das für ein großer und mutiger Schritt für den Schweizer Fußballverband war, der dafür in der Schweiz und darüber hinaus vielfach auf völliges Unverständnis gestoßen ist. - Zu den "Stahlrohr"tribünen: Nach meiner Erinnerung waren es schlichte Holztribünen, natürlich Stehtribünen, auf die Schnelle zusammengezimmert, ich wüsste nicht, wo damals Stahlrohrtribünen hätten herkommen sollen. Aber ich kann mich irren. Auf jeden Fall wären diese Tribünen heute der blanke Horror für jede Sicherheitsbehörde, und es ist - neben dem Spiel als solchem und dem Ergebnis - ein drittes Wunder, dass damals nichts passiert ist. - Also nochmals ganz großen Dank!