Oskar-Beck-Kolumne Die Sache mit König Johan war nicht okay

Von Oskar Beck 

Am Mittwochabend geht es in Amsterdam gegen Holland, und als Freund des boshaften Fußballs und Genießer gutnachbarlicher Sticheleien wird man von der Vorfreude übermannt: Es geht zwar um nichts, aber das richtig.

Die deutsche Nationalmannschaft beim Training vor dem Holland-Spiel. Foto: ANP
Die deutsche Nationalmannschaft beim Training vor dem Holland-Spiel.Foto: ANP

Stuttgart - Schlagen Sie mich, aber es fällt mir kein Thema ein, zu dem Uli Hoeneß je geschwiegen hätte – über Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft hat der Münchner Präsident beispielsweise einmal behauptet: „Ein Trainingsspiel bei den Bayern zwischen A-Team und B-Team bringt mehr.“ Aber nicht am Mittwochabend.

Da geht es nämlich in Amsterdam gegen Holland, und als Freund des boshaften Fußballs und Genießer gutnachbarlicher Sticheleien wird man von der Vorfreude übermannt: Es geht zwar um nichts, aber das richtig. Dieser Klassiker lässt keinen kalt, und die jüngsten Wortgefechte zwischen Hoeneß und Louis van Gaal, der nach seinem Rauswurf beim FC Bayern jetzt Holland trainiert, passen ins Gesamtgefühl dieser Begegnung: In den Köpfen werden immer noch alte Rechnungen beglichen. Eine grandiose Stimmung wird zwar wieder herrschen im Amsterdamer Stadion, zu den Tönen ihrer Blaskapellen werden die Fans in Oranje fröhlich singen – aber zwischendurch auch durch die Zähne zischen: „Eindelijk wraak!“

Als Nazischweine beschimpft

Endlich Rache. So kompliziert und kitzlig ist das holländisch-deutsche Verhältnis – und vielleicht am besten zu beschreiben mit der Erinnerung an ein anderes Freundschaftsspiel, bei dem es wirklich um rein gar nichts ging.

Im November 1978 war es, und Johan Cruyff, der Weltstar von Ajax und Hollands auf ewig Bester, hatte sich für sein Abschiedsspiel den FC Bayern als Gegner ausgesucht – die beiden Clubs hatten in den Jahren zuvor den Fußball beherrscht, dreimal gewann Ajax den Europacup der Landesmeister, dreimal die Bayern.

60 000 Zuschauer kamen ins Amsterdamer Stadion, und Paul Breitner, damals der Kopf der Münchner, hat das Geschehen so nacherzählt: „Als wir zum Aufwärmen auf den Platz kamen, beschimpfte man uns von der Tribüne als Nazischweine. Auf dem Weg in die Kabine wurden wir durchs Publikum bespuckt.“ Nun war dieser Breitner genau das, was man einen Bandenchef nennt, und er hielt an die Mitspieler prompt eine flammende Rede. „Herrschaften“, befahl er, „wir werden heute Geschichte schreiben. Ich will, dass ihr euch keine dreißig, keine sechzig, sondern neunzig Minuten die Beine aus dem Leib rennt!“

„Wir stürmen weiter“

Irgendwann stand es dann 4:0, und als Breitner Mitleid mit Cruyff bekam, erstickte es Gerd („Bomber“) Müller mit dem Machtwort sofort im Keim: „Wir stürmen weiter.“ Die Bayern überrollten Ajax mit 8:0. Der letzte große Tag des niederländischen Volkshelden Cruyff war ein niederschmetterndes Begräbnis, sogar in Manndeckung sei er von den Bayern genommen worden, schwören holländische Blätter bis heute, jedenfalls bewarfen die Fans die Sieger am Ende mit Sitzkissen. Soviel sollten Sie unbedingt wissen, falls Sie heute Abend vor dem Fernseher sitzen – denn auch das ist wieder so ein Freundschaftsspiel.

Zeitlich betrachtet beginnt dieses Gefühl, das die holländisch-deutschen Spiele prägt, mit dem Einmarsch der Wehrmacht anno ’40, aber der Fußball hat die Dinge danach oft nicht besser gemacht – wir reden vor allem vom gestreckten Bein von Wim Janssen, das Bernd Hölzenbein im WM-Endspiel 1974 in München im Strafraum der Holländer dankbar annahm. Das war gut für die deutsche Mannschaft, aber schlecht für die weitere Lebensplanung des Frankfurters „Ich würde“, sagte er in der Folgezeit, „so gerne mal wieder nach Holland fahren . . .“

Sie hätten ihn erkannt. Denn Hölzenbein ist unter den Holländern ein Schimpfwort – er gilt sozusagen als Auslöser der nun schon jahrzehntelang von uns Deutschen feixend gestellten Frage: Wie kann man nur so hinreißend schön spielen – und so haarsträubend wenig gewinnen?

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