Oskar-Beck-Kolumne Fröhlich, frisch, Fredi
Oskar Beck, vom 29.07.2010 10:24 Uhr
Stuttgart - Scharenweise schlagen sich die Gelehrten ständig die Köpfe blutig beim Streit um die ewige Fußballerfrage: Was muss ein Manager können? Dabei ist die Antwort leicht. Als Fredi Bobic dieser Tage neuer Sportchef in Stuttgart wurde, hat ein VfB-Fan namens "G" im Internetforum von Sport1 wie aus der Pistole geschossen die Grundvoraussetzungen aufgezählt. Lesen wir uns kurz rein: "bobic ist der richtige man für uns er kent denn verein und war auch selber profi dass komt gut bei denn spielern und bei denn fans an." Auf gut Deutsch: wer früher gut gekickt hat und ohne Blindenhund jeden Morgen den Weg in sein Büro findet, ist der geborene Manager.
Das hilft dem VfB-Trainer jetzt hoffentlich weiter. Denn Christian Gross war zunächst etwas ratlos und hat auf den Neuen an seiner Seite so reagiert: "Ich kenne ihn nicht, und er kennt mich nicht." Was natürlich halbwegs geflunkert war, denn Bobic kennt Gross durchaus - der Schweizer, so lobt der Manager, leiste sensationelle Arbeit, so viel ist sicher. Was nicht sicher ist, ist die andere Hälfte.
Was kann Bobic? An Rüstzeug bringt der zunächst einmal seine Vergangenheit mit, die als Spieler, und die war respektabel. 37 Länderspiele, Europameister, Torjäger, VfB-Führungsfigur, scharfer Schuss, hohe Motivation, Tatendrang, Selbstvertrauen. "Ich habe keinen Konflikt gescheut", grinst Bobic, "Herr Ruf weiß das." Ulrich Ruf ist seit kurz nach dem Krieg der VfB-Finanzchef, in Spielerkreisen genießt er den Ruf des Sparschweins, und er weiß in der Tat, wie es mit Bobic war - nur eines weiß er noch nicht: Ist der als Manager in der Lage, einen Konflikt zu lösen, wie er ihn früher als Spieler heraufbeschworen hat?
Als Bobic dieser Tage präsentiert wurde, haben ihn die Journalisten neugierig verhört. Was sind Ihre Ideen? Haben Sie eine Philosophie? Fröhlich, frisch und Fredi, wie er halt ist, hat er seine neue Maxime verraten: "Nur ausgeben, was man hat - auch wenn man als Spieler natürlich anders denkt." Das klingt für den Anfang auf der anderen Seite der Verhandlungsfront schon mal ganz vielversprechend - da zahlt sich aus, dass Bobic Einzelhandelskaufmann bei Karstadt gelernt hat, Teilhaber einer Sportsbar war und zuletzt Geschäftsführer bei Chernomorets Burgas. Außerdem gibt er Interviews auf Bulgarisch und spricht mit Händen und Füßen fünf bis sechs weitere Sprachen. Das haben andere Manager nicht zu bieten.
Horst Heldt etwa war beim VfB Manager, obwohl er nicht einmal weiß, was ein Vertrag ist. "Verträge sind dazu da, eingehalten zu werden", schimpfen die VfB-Bosse mit gebrochenem Herzen, seit Heldt sich wegen eines betörenden Augenzwinkerns der Schalker aus dem Staub gemacht hat - was natürlich eine lachhafte Heuchelei ist. Denn als Heldt letztes Jahr Demba Ba aus seinem Hoffenheimer Vertrag herauslocken wollte, ist ihm keiner der VfB-Bosse in den Schritt gefallen. Doch noch viel lustiger ist, dass Heldt überhaupt Manager wurde und als gelernter Kfz-Mechaniker über Nacht an der großen Schraube des Fußballgeschäfts drehen durfte - ohne jede Angst der Verantwortlichen, dass er den Karren an die Wand fahren könnte.
Glück, Glück und Glück - so sieht grob gesagt die verlangte Grundausstattung des Managers im Fußball aus, und wenn sich dann noch Dusel und Massel hinzugesellen, stemmt er irgendwann die Meisterschale gen Himmel und lacht alle Trainer aus, die monatelang an der Kölner Sporthochschule für die Lizenz büffeln müssen und, wie Berti Vogts, empört meckern: "Wo bleibt der Lehrgang für Sportdirektoren?" Den gibt es nicht. Talentjob.
Jedenfalls sitzen erstaunlich viele Ballzauberer von einst am Ruder des Fußballs, die man sich eher als Trikotbeflocker im Fanshop vorstellen könnte. Vorsichtig geschätzt, glaubt jeder zweite Exprofi, dass er von Tuten und Blasen jede Menge Ahnung hat und seine Fachkompetenz zur Führungskraft reicht, weil er lange genug mit dem Ball jongliert hat - das klingt auf den ersten Blick ganz einleuchtend, nur: Lässt man eine Stewardess, nur weil sie jahrelang den Kaffee serviert hat, ohne ihn zu verschütten, am Ende das Flugzeug steuern? Dieses Bruchpilotenszenario hat den bekannten Fußballanwalt Christoph Schickhardt in die verzweifelten Worte getrieben: "Mit einer Managerausbildung wäre dem Fußball der eine oder andere Skandal erspart geblieben." Und der eine oder andere Manager.
In Stuttgart heißt der ab sofort Bobic, und der kann das selbst kaum fassen. Jedenfalls hat ihn der Anruf, wie er sagt, völlig überrascht. Dabei bringt er für das schwer definierbare Berufsbild übertrieben gesagt doppelt so viel mit wie Heldt, sogar Herzblut und Heimatverbundenheit. Außerdem hat er hier und da hospitiert, praktiziert und sich anlässlich eines Fernstudiums angeblich sogar dem Sportmanagement gewidmet. Viele andere Exeuropameister studieren auch, allerdings nur morgens die "Bild"-Zeitung.
Bobic hat nicht lange gefackelt, als der VfB angerufen hat. Da ist er ganz der alte Vollstrecker wie anno Tobak im legendären "magischen Dreieck" mit Elber und Balakov. Zaubern - mehr muss er auch als Manager nicht tun. Und im Übrigen, beruhigt Giovane Elber alle, ist Fredi ja "ein Stuttgarter Junge". Genau das sagt, siehe oben, auch der VfB-Fan "G". Dann sieht ja also alles ganz gut aus.