Oskar-Beck-Kolumne Macht es der VfB wie Chuck Wepner?

Von Oskar Beck 

Der K. o. des VfB Stuttgart im Heimspiel gegen die Bayern ist im Grund schon jetzt klar. Aber man kann als Underdog trotzdem gut für großes Kino sein – „Rocky“ macht’s vor. Der VfB sollte sich daran ein Beispiel nehmen, findet Oskar Beck.

Muhammad Ali (rechts) schlägt Chuck Wepner im März 1975 k. o.

Muhammad Ali (rechts) schlägt Chuck Wepner im März 1975 k. o.
Muhammad Ali (rechts) schlägt im März 1975 Chuck Wepner k.o. Foto: dpa
Muhammad Ali (rechts) schlägt Chuck Wepner im März 1975 k. o. Muhammad Ali (rechts) schlägt Chuck Wepner im März 1975 k. o. Muhammad Ali (rechts) schlägt im März 1975 Chuck Wepner k.o.Foto: dpa

Stuttgart - Die Chance, dass der VfB das Südderby gegen den FC Bayern gesund übersteht, ist gleich null. Alle Umfragen malen ein düsteres Bild: Neun von zehn Schwaben glaubten nicht an einen Sieg, sondern hielten es für wahrscheinlicher, dass Sonntag früh, wenn sie ihr Badezimmer betreten, Uli Hoeneß vor dem Spiegel steht und sich rasiert.

Auch für die Bayernstars ist die Sache klar – beim Training unter der Woche sollen an der Säbener Straße so fragwürdige und ausgelutschte Scherze ausgetauscht worden sein wie der: Wie machen die Schwaben warme Milch? Sie zünden die Kuh an.

Ein eklatanter Fall von Einseitigkeit

Die Bayern dagegen sind und bleiben der Stier: Mir san mir. Da droht aus Stuttgarter Sicht die aussichtsloseste Angelegenheit seit Langem, jedenfalls muss man, um auch nur für fünf Pfennig Hoffnung zu haben, in der Bibel weit zurückblättern bis David und Goliath – und auch in der Weltgeschichte des Sports haben wir einen so eklatanten Fall von Einseitigkeit nur durch zähe Recherche gefunden: Es handelt sich um ein schon verschollen geglaubtes Duell – das Großmaul war damals nicht der FC Bayern, sondern Muhammad Ali, und der jämmerliche Underdog hieß nicht VfB, sondern Chuck Wepner.

Man muss ihn nicht kennen. Auch am Abend des 24. März 1975, vor jenem Boxkampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht, war er nicht der Rede wert. Charles („Chuck“) Wepner war ein weißer Riese, aber peinlicher Durchschnitt wie heute der VfB. Nichts konnte er richtig, nicht richtig boxen, nicht richtig schlagen, sich nicht richtig ducken, langsam war er und tapsig.

Schlag um Schlag mit dem Kinn abgeblockt

Aber imponierend, und damit sind wir bei der guten Nachricht für alle VfB-Fans, war seine Herangehensweise: Chuck wusste, dass er keine Chance hat – war aber entschlossen, sie zu nutzen. Er war aus Hartholz geschnitzt, Runde um Runde hat er Schlag um Schlag mit dem Kinn abgeblockt – und irgendwann, erzählte später Alis Trainer Angelo Dundee, hob der Ringrichter zwei Finger und wollte von Wepner wissen: „Wie viele Finger sind das?“

„Wie viele Antworten habe ich“, fragte Chuck aus glasigen Augen zurück.

Aber er war nicht unterzukriegen. Und in der neunten Runde zeigte er der Welt, wozu groggy geschlagene Boxer fähig sind. Ungeachtet aller Sternchen, die ihm vor den Augen tanzten, erinnerte er sich seiner Prophezeiung vor dem Kampf – da hatte Wepner seiner Frau ein aufreizendes Nachthemd geschenkt, verbunden mit dem betörenden Versprechen: „Du wirst heute Nacht mit dem Weltmeister schlafen.“

Haut der VfB die Bayern um?

Und plötzlich lag Ali am Boden. Flach wie eine Flunder. Auf den Fuß war ihm Chuck getreten, dazu ein rechter Haken hinters Herz, und der Größte alle Zeiten fiel um. „. . . 6-7-8 . . .“, zählte der Ringrichter.

Warum soll dann der VfB die Bayern nicht umhauen?

Alles liegt jetzt an Bruno Labbadia. Der muss seinen Chucks nur den Mumm in den Kopf trommeln – endlich kann er als Trainer zeigen, warum der VfB ihn vor Begeisterung nicht ums Verrecken mehr gehen lassen will, ja womöglich sogar vollends lebenslänglich mit ihm verlängern möchte. Als Motivator ist er morgen gefragt, als Hexer und Handaufleger. Eine Hasenpfote sollte er sich in die Hose stecken, eine Wutrede gegen die Bayern halten oder wenigstens eine 50-Cent-Münze im Münchner Strafraum verbuddeln, falls ihm sein Präsident Mäuser einen ganzen Euro nicht genehmigt – aber vor allem sollte der lodernde Bruno mit einer Brandrede an Chuck Weppner erinnern.

„Wir müssen zur Bank, wir sind reich“

Wo waren wir stehen geblieben? Richtig, Runde neun. Ali steht also bei „8“ wieder, der Gong ertönt, und beschwingt hockt Wepner in der Rundenpause auf seinem Schemel und brüllt seine Sekundanten siegessicher an: „Startet draußen schon mal das Auto, wir müssen zur Bank, wir sind reich!“

Zur selben Zeit sitzt in einem Kino ein erfolgloser Schauspieler namens Sylvester Stallone, verfolgt den Sensationskampf des Aussichtslosen, geht hinterher heim, schreibt auf, was er gesehen hat – und bringt kurz danach „Rocky“ ins Kino. Rocky Balboa war also ursprünglich Wepner. Dem zahlt Stallone dafür später etwas Geld, und der TV-Sender ESPN widmet dem mannhaften Chuck die Dokumentation „Der wahre Rocky.“

Im sexy Negligé auf der Bettkante

Wie sein Kampf gegen Ali vollends ausging? Wir würden es aus Rücksicht auf alle VfB-Fans gerne verschweigen: Der verärgerte Ali hat den Aufmüpfigen bis in die 15. Runde vermöbelt und 19 Sekunden vor Schluss k. o. geschlagen, und Chucks Versprechen an seine Frau, sie werde die Nacht mit dem Weltmeister verbringen, erwies sich im Nachhinein als Bumerang – als er nach dem Kampf ins Hotel kam, verriet Wepner später, sei sie im sexy Negligé auf der Bettkante gesessen und habe ihn gefragt: „Kommt Ali auf unser Zimmer – oder erwartet er mich in seinem?“

An der Stelle hören wir jetzt natürlich viele Nörgler unter den VfB-Fans bruddeln, dass das kein Happy End ist und vor dem Südderby alles andere als eine Mut machende Geschichte. Dabei müssten sie heilfroh sein, wenn auch ihre Chucks von Cannstatt morgen tapfer auf zwei Beinen stehen bis 19 Sekunden vor Schluss – und die Sache mit einem sauberen K. o. in der letzten Runde so glimpflich und ohne bleibende Schäden endet, dass der VfB bei vollem Bewusstsein weiter seinen Weg ins Mittelmaß gehen kann.

  Artikel teilen
5 KommentareKommentar schreiben

..: selig, wer solche fans hat

VFB: Lieber ein Ende mit mit Srecken als ein ...

Schon angekommen: Da muss er nicht mehr hin. Der VfB ist auf seinem Weg ins Mittelmaß längst angekommen. Mancher VfB-Fan und mancher VfB-Sportjournalist (ausgenommen Oskar Beck) ist aber so gelähmt, dass er es nicht wahrnimmt. (Wurde doch nach dem Heimsieg gegen Schalke ein baldiges Ergreifen eines CLQ-Tabellenplatzes vorgegaukelt). Die Realität sieht aber so aus: Der Trainer jammert über seinen Alltag, der Sportmanager beschimpft die Kritiker, der Präsident belächelt allesamt, die Mannschaft tut was sie kann (nämlich nichts) und die Oberaufsicht haucht Vertragsunterschriften trocken und glotzt.

Bruno der Motivator *hust*: ...ja wie denn mit Sprüchen wie 'wir wissen wo wir her kommen ' 'demütig sein', 'die Mannschaft (bzw. auch alternativ die Jungen) ist noch nicht soweit', 'wir müssen immer 110% geben' und nicht zu vergessen 'der schwere Stuttgarter Weg'. Der Trainer ist in der Außendrstellung eine einzige Katastrophe... was bei den Spielern ankommt hat man gegen Bayern, Hoffenheim, Freiburg und gegen Molde ganz deutlich gesehen. Bayern kann sich nur selbst schlagen heute!

... super Artikel .: Echt super Artikel. Chuck war auch ein guter Sänger. Wir haben in Palm Springs nette Abende verbracht.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.