Oskar-Beck-Kolumne
Mit Kalkül in die PR-Hölle
Oskar Beck,
11.11.2010 07:41 Uhr
Claudia Pechstein bei der Präsentation ihrer Autobiografie "Von Gold und Blut" Foto: ddp
Stuttgart - Claudia Pechstein, die weltweit berühmteste Erscheinung des Eisschnelllaufs, tritt jetzt auch literarisch in Erscheinung, soeben hat sie ihr Erstlingswerk vorgestellt: "Von Gold und Blut – mein Leben zwischen Olymp und Hölle." Auf dem Olymp war es traumhaft, fünf Goldmedaillen, aber die Krönung ihrer Memoiren ist jetzt doch eher die Hölle.
Die ging los, als der Weltverband seiner Paradeläuferin vor knapp zwei Jahren organisiertes Blutdoping vorwarf, und der Höhepunkt ihrer anschließenden Verzweiflung ist jetzt der Höhepunkt ihrer Biografie. Die Berlinerin schreibt sich zurück in ihre Gefühlswelt an einem besonders trostlosen Tag, hören wir kurz rein: "Mir scheint eine schnelle und sichere Lösung die beste Option, um sich von dieser Welt zu verabschieden." Eine Autobahnbrücke. Von der habe sie sich in den Tod stürzen wollen, erzählt sie, samt Ehemann. Der SMS-Text, den sie an Ralf Grengel, ihren Manager, vorher noch schnell abschickte, ging so: "Wir sind gleich unterwegs und suchen uns eine Brücke." Grengel rief zurück. "Was soll der Scheiß?", sagte er.
Womit die Option vom Tisch war. Sie hat den Scheiß bleiben lassen. Aber drüber schreiben hat sie schon noch wollen, ihr Manager hat ihr als Co-Autor auch dabei geholfen – und die Zwei stürzen uns Leser damit in die Hölle ihrer Memoiren sowie in die Hölle unserer Gefühle, die wir jetzt dringend sortieren müssen.
Es ist nämlich nicht einfach, mit den offen daliegenden Suizidgedanken der Eisläuferin Pechstein klarzukommen, schon gar nicht jetzt, wo sich die Tragödie von Robert Enke » jährt. Von dem wissen wir, was wirklich die Hölle ist, er war in seiner Verzweiflung so hoffnungslos ausweglos, dass er nicht mehr die Kraft hatte, sich zu offenbaren, auch keine SMS an den Manager hat er mehr verschickt, ehe er sich vor einen Zug warf. Das ist die Hölle.
Und nun also Pechsteins Hölle. Die lästerlichen Skeptiker runzeln die Stirn: Ist das eher eine kalkulierte Hölle, eine verkaufsfördernde PR-Hölle? Als sie gefragt wurde, warum sie ausgerechnet die Selbstmordpassage als erstes Kapitel zur Vorveröffentlichung freigegeben habe, hat sie geantwortet: "Auf ein solches Thema schauen alle Leute."
Da wird natürlich weitergebohrt, ein anderer Interviewer wollte wissen: Haben Sie das Buch wegen des Geldes geschrieben? Nein, klärte sie ihn auf, wichtig sei ihr nur, "dass die Menschen erfahren, was ich erlebt habe." Diese anspruchsvolle Motivation trieb schon Boris Becker in die Literatur, der schrieb seine Memoiren einst für seine Kinder, "damit sie meine Wahrheit schwarz auf weiß haben." Worauf ihn Thomas Gottschalk im Rahmen des Smalltalks kurzerhand fragte: "Hättest Du es ihnen nicht auch einfach unter vier Augen sagen können?" Das war eine erstklassige und zugleich dumme Frage.
Schließlich weiß heutzutage wirklich ein jedes Kind, dass ein Bestseller als Überbringer einer Botschaft tausendmal wirkungsvoller ist, vor allem aber vermögensbildender – jedenfalls hat auch Claudia Pechstein, statt die Dinge einfach nur unter vier Augen ihrem Psychotherapeuten zu verraten, lieber zur Feder gegriffen.
Sie wirkt dabei, auf Neudeutsch gesagt, total taff und knöpft sich in ihrer 500 Seiten dicken Abrechnung so ungefähr jeden vor, der nicht bei drei auf dem Baum ist. Sogar der inzwischen durch einen zupackenderen Lebenspartner ersetzte Ehemann bekommt sein Fett weg, sie rasiert auch ihre langjährigen Intimfeindinnen Anni Friesinger und Franziska Schenk und fährt auf sehr scharfen Kufen ihren bekannt knallharten Kurs.
Seit sie aufgrund ihrer abnormen Blutwerte gesperrt wurde wegen des indirekten Beweises von Doping, marschiert sie durch alle Instanzen, ihre Auftritte sind stets Garanten eines Blitzlichtgewitters, sie lässt ihre eigenen Gutachter aufmarschieren, und nachdem der Internationale Sportgerichtshof und das Schweizer Bundesgericht sie ausgebremst haben, bleibt nun immer noch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.
Den Deutschen Olympischen Sportbund samt dem Oberolympier Thomas Bach hat sie verklagt, und sogar den Innenminister Thomas de Maizière als ihr oberster Dienstherr muss zittern, seit er seiner Polizeihauptmeisterin für die Vorbereitung ihres Comebacks den unbezahlten Urlaub verweigert hat.
Krankschreiben hat sie sich lassen. Aber zwischendurch zeigt die Kämpferin Pechstein ihrer psychischen Angegriffenheit, was eine Harke ist, bläst zu ihren Attacken und setzt sich unter Druck wie jenes Hündchen, das durch die Sahara streunte und rief: "Wenn ich nicht bald eine Palme finde, platzt mir die Blase."
Der Kragen geplatzt ist ihr vollends mit ihrem Buch. Wobei sie wenigstens sich selbst darin lobt, etwa dafür, dass sie vom Mogeln nie etwas hielt. "Aber schreiben Sie nicht an anderer Stelle", fragte ein Spitzbube, "dass sie eine Eins in Russisch hatten, weil die Mutter die Hausaufgaben für Sie erledigte?" "Das ist kein Mogeln", klärte Claudia Pechstein ihn auf, "ich habe nur die Lehrer in meiner Familie clever genutzt." So wie sie jetzt ihre Memoiren clever nutzt. Wir Stimmungstöter sind mit unserer Skepsis einfach zu pingelig.
Die ging los, als der Weltverband seiner Paradeläuferin vor knapp zwei Jahren organisiertes Blutdoping vorwarf, und der Höhepunkt ihrer anschließenden Verzweiflung ist jetzt der Höhepunkt ihrer Biografie. Die Berlinerin schreibt sich zurück in ihre Gefühlswelt an einem besonders trostlosen Tag, hören wir kurz rein: "Mir scheint eine schnelle und sichere Lösung die beste Option, um sich von dieser Welt zu verabschieden." Eine Autobahnbrücke. Von der habe sie sich in den Tod stürzen wollen, erzählt sie, samt Ehemann. Der SMS-Text, den sie an Ralf Grengel, ihren Manager, vorher noch schnell abschickte, ging so: "Wir sind gleich unterwegs und suchen uns eine Brücke." Grengel rief zurück. "Was soll der Scheiß?", sagte er.
Womit die Option vom Tisch war. Sie hat den Scheiß bleiben lassen. Aber drüber schreiben hat sie schon noch wollen, ihr Manager hat ihr als Co-Autor auch dabei geholfen – und die Zwei stürzen uns Leser damit in die Hölle ihrer Memoiren sowie in die Hölle unserer Gefühle, die wir jetzt dringend sortieren müssen.
Die lästerlichen Skeptiker runzeln die Stirn
Es ist nämlich nicht einfach, mit den offen daliegenden Suizidgedanken der Eisläuferin Pechstein klarzukommen, schon gar nicht jetzt, wo sich die Tragödie von Robert Enke » jährt. Von dem wissen wir, was wirklich die Hölle ist, er war in seiner Verzweiflung so hoffnungslos ausweglos, dass er nicht mehr die Kraft hatte, sich zu offenbaren, auch keine SMS an den Manager hat er mehr verschickt, ehe er sich vor einen Zug warf. Das ist die Hölle.
Und nun also Pechsteins Hölle. Die lästerlichen Skeptiker runzeln die Stirn: Ist das eher eine kalkulierte Hölle, eine verkaufsfördernde PR-Hölle? Als sie gefragt wurde, warum sie ausgerechnet die Selbstmordpassage als erstes Kapitel zur Vorveröffentlichung freigegeben habe, hat sie geantwortet: "Auf ein solches Thema schauen alle Leute."
Da wird natürlich weitergebohrt, ein anderer Interviewer wollte wissen: Haben Sie das Buch wegen des Geldes geschrieben? Nein, klärte sie ihn auf, wichtig sei ihr nur, "dass die Menschen erfahren, was ich erlebt habe." Diese anspruchsvolle Motivation trieb schon Boris Becker in die Literatur, der schrieb seine Memoiren einst für seine Kinder, "damit sie meine Wahrheit schwarz auf weiß haben." Worauf ihn Thomas Gottschalk im Rahmen des Smalltalks kurzerhand fragte: "Hättest Du es ihnen nicht auch einfach unter vier Augen sagen können?" Das war eine erstklassige und zugleich dumme Frage.
Claudia Pechstein knöpft sich jeden vor
Schließlich weiß heutzutage wirklich ein jedes Kind, dass ein Bestseller als Überbringer einer Botschaft tausendmal wirkungsvoller ist, vor allem aber vermögensbildender – jedenfalls hat auch Claudia Pechstein, statt die Dinge einfach nur unter vier Augen ihrem Psychotherapeuten zu verraten, lieber zur Feder gegriffen.
Sie wirkt dabei, auf Neudeutsch gesagt, total taff und knöpft sich in ihrer 500 Seiten dicken Abrechnung so ungefähr jeden vor, der nicht bei drei auf dem Baum ist. Sogar der inzwischen durch einen zupackenderen Lebenspartner ersetzte Ehemann bekommt sein Fett weg, sie rasiert auch ihre langjährigen Intimfeindinnen Anni Friesinger und Franziska Schenk und fährt auf sehr scharfen Kufen ihren bekannt knallharten Kurs.
Seit sie aufgrund ihrer abnormen Blutwerte gesperrt wurde wegen des indirekten Beweises von Doping, marschiert sie durch alle Instanzen, ihre Auftritte sind stets Garanten eines Blitzlichtgewitters, sie lässt ihre eigenen Gutachter aufmarschieren, und nachdem der Internationale Sportgerichtshof und das Schweizer Bundesgericht sie ausgebremst haben, bleibt nun immer noch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.
Sogar der Innenminister muss zittern
Den Deutschen Olympischen Sportbund samt dem Oberolympier Thomas Bach hat sie verklagt, und sogar den Innenminister Thomas de Maizière als ihr oberster Dienstherr muss zittern, seit er seiner Polizeihauptmeisterin für die Vorbereitung ihres Comebacks den unbezahlten Urlaub verweigert hat.
Krankschreiben hat sie sich lassen. Aber zwischendurch zeigt die Kämpferin Pechstein ihrer psychischen Angegriffenheit, was eine Harke ist, bläst zu ihren Attacken und setzt sich unter Druck wie jenes Hündchen, das durch die Sahara streunte und rief: "Wenn ich nicht bald eine Palme finde, platzt mir die Blase."
Der Kragen geplatzt ist ihr vollends mit ihrem Buch. Wobei sie wenigstens sich selbst darin lobt, etwa dafür, dass sie vom Mogeln nie etwas hielt. "Aber schreiben Sie nicht an anderer Stelle", fragte ein Spitzbube, "dass sie eine Eins in Russisch hatten, weil die Mutter die Hausaufgaben für Sie erledigte?" "Das ist kein Mogeln", klärte Claudia Pechstein ihn auf, "ich habe nur die Lehrer in meiner Familie clever genutzt." So wie sie jetzt ihre Memoiren clever nutzt. Wir Stimmungstöter sind mit unserer Skepsis einfach zu pingelig.
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Frage
Sehr geehrter Herr Beck, wäre es Ihnen angenehmer, Claudia Pechstein hätte Nägel mit Köpfen gemacht und so gehandelt wie Robert Enke? Zumindest schimmert diese Meinung zwischen Ihren Zeilen durch.
Mit Hirn und Chuzpe
Danke, Oskar Beck, für Hirn und Chuzpe, beides kommt bei der StZ oftmals zu kurz, insbesondere in der Sportredaktion. Dazu noch gut geschrieben, was will man mehr. Danke!