Oskar-Beck-Kolumne Tulpen aus Amsterdam
Oskar Beck, 30.01.2010 18:04 Uhr
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"Hallo, ich bin der Neue": Ruud van Nistelrooy spielt für den Hamburger SV, mit dem er in der Europa League jetzt seine Landsmänner aus Eindhoven ärgern kann. Foto: dpa
"Hallo, ich bin der Neue": Ruud van Nistelrooy spielt für den Hamburger SV, mit dem er in der Europa League jetzt seine Landsmänner aus Eindhoven ärgern kann. Foto: dpa
Stuttgart - Wer politisch so korrekt ist wie du und ich und nicht locker lässt im täglichen Kampf für das harmonische Miteinander auf der Welt, bezahlt dafür manchmal einen hohen Preis - nur schwer zu verdauen ist beispielsweise die empörende Quizfrage: Handelt das dünnste Buch der Welt von a) britischer Kochkunst, b) amerikanischer Kultur, c) italienischen Helden oder d) holländischen Endspielsiegen?

Fürchterlicher kann der Zwiespalt kaum sein als bei der Suche nach einer Antwort auf diese Gewissensfrage, denn vor allem zwei Dinge mag der durchschnittlich veranlagte Deutsche gar nicht: Vorurteile und Holländer. So gesehen sind wir alle froh, dass wir die Antwort nicht selbst geben müssen, sondern auf die niederländischen Väter verweisen können, die scharenweise nach dem WM-Finale 74 ihre Buben an der Grenze auf die Schultern hoben, ihnen die Ohrlappen lang zogen und sagten: "Hör mal - da drüben jubelt der Weltmeister." Vorbei. Schluss mit der Häme. Dieser Tage steht man als deutscher Fußballfan stramm, mit den Händen an der Hosennaht, und singt das Hohelied auf die Holländer. Die Tulpen aus Amsterdam blühen und schmücken die Bundesliga. Alles Oranje.

Der Höhepunkt war zuletzt diese Jubelnummer in Bremen. Rette sich, wer kann, hat sich Louis van Gaal angesichts des Tempolaufs seines Torschützen Arjen Robben in Richtung der Bayern-Bank gesagt, aber mit seiner Buchhaltermappe unterm Arm ist der Trainer auf der Flucht ausgerutscht und hingefallen, und Robben hat sich derart auf ihn gelegt, dass van Gaal, wäre er eine Sie, jetzt den sechsten Tag schwanger wäre.

Das ist Leidenschaft. Jeden anspruchsvollen Jahresrückblick wird diese feurige Szene krönen, jedenfalls sind wir alle mitgerissen von Robbens Dribblings und der Art, wie er sich bei van Gaal ("Sie dürfen jetzt die Ecken und Freistöße von rechts ausführen") für dessen höfliches Halbzeitgeschenk bedankt und mit einem einzigen, fabelhaften Tor vergessen gemacht hat, dass er noch drei bis vier andere hätte schießen müssen. Auf der Tribüne lässt sich Uli Hoeneß schon als der größte Robbenfänger des deutschen Fußballs feiern.

Keine hanseatischen Nullnummern mehr


Angesichts dieses niederländischen Bayern-Trends war der andere Paukenschlag dann fast vollends logisch: Der HSV, bei dem schon seit Jahren halb Holland spielt, hat jetzt auch noch Ruud van Nistelrooy dazugeholt, und "Van the Man" oder "van Goal", wie man diese königlich niederländische Kanone abwechselnd nennt, hat prompt versprochen, dass es unter ihm eine hanseatische Nullnummer wie zuletzt in Dortmund nie wieder geben wird, und glaubhaft erklärt: "Ich bin glücklich." Wir auch.

Her mit diesen Holländern, rufen wir freudig erregt und gießen keinen Tag länger Benzin ins Feuer unserer gegenseitig gewachsenen Rivalität. Schluss mit der Hänselei. Schluss mit dem Vorwurf, dass die Speisekarten in Amsterdam immer noch nicht auf Deutsch gedruckt sind. Schluss mit der grässlichen Erinnerung an Ronald Koeman, der sich mit dem Trikot von Olaf Thon einmal symbolisch den Hintern geputzt hat. Und selbstlos vergessen wir sogar die Fontäne von Frank Rijkaard, der bei der Weltmeisterschaft 90 unseren Rudi mit einem Spucknapf verwechselt und ihm die Frisur ruiniert hat - ab sofort erwähnen wir nur noch das spätere Friedensfrühstück der beiden, auf neutralem Boden, in weißem Hotelbademantel, als Rijkaard beim Oranjesaft versöhnlich schwor: "Ich tu's nie wieder." Von wegen Käse aus Amsterdam.

Es ist Zeit, Frieden zu schließen - oder Louis van Gaal gar in unser Herz, ohne Rücksicht darauf, dass er vor Jahren behauptet hat, man müsse uns Deutschen nur in der Offensive die Räume eng machen, weil dann automatisch unsere Manndecker das bekommen, was sie am wenigsten mögen - den Ball. Das war zwar wahr, aber darf ein Holländer sagen, dass unser deutscher Fußball taktisch Dritte Welt ist und die Kultur eines Schweinskoteletts hat? Höchstens Leo Beenhakker, sein Landsmann, war noch etwas offener, als er auf die Frage eines Reporters nach den Stärken des deutschen Fußballs ungefähr antwortete: "Haben Sie eine halbe Minute Zeit?" Das waren so Momente, da waren wir Deutschen schon mal gerne und tief beleidigt und haben für die Holländer unsere Autobahnen gesperrt, mitsamt der Campingplätze und Pommesbuden.

Schluss damit.

Angesichts des Zaubers, den van Gaal und sein Robben zum höheren Wohl der Bundesliga da plötzlich aus dem Zylinder zaubern, verzeihen wir den Holländern alles, sogar ihre vielen unglücklichen Niederlagen gegen uns, die sie oft nicht richtig verkraftet haben, vor allem die von 74, als unser Berti ein bisschen gegrätscht und gecruyfft hat, und vorbei war es mit König Johan. So etwas tut natürlich weh, jedenfalls hat zur Strafe danach am Strand in Scheveningen ein Holländer angeblich ein Schild in den Sand gerammt: "Seemöwen zum Anschauen - zehn Euro pro Vogel." Als ein deutscher Tourist den Geldbeutel zückte, deutete der Holländer zum Himmel: "Schau, da oben fliegt deine." Die Möwe war die Antwort auf die Schwalbe von Hölzenbein. "Eindelijk wraak" rufen die Verlierer seither bis zur Bewusstlosigkeit - sie wollen endlich Rache.

Wir nicht.

Wir nehmen die Holländer, wie sie sind, nämlich grandios. Auf ihre lockere Art heben sie die Faszination der Bundesliga, und dafür nehmen wir klaglos in Kauf, dass sie uns unser liebstes Kind schwächen wollen, die Nationalmannschaft. Louis van Gaal hat sich Jogi Löw vorgeknöpft, nur weil der dieser Tage ein paar seiner Bayern für den DFB-Lehrgang abzog. In Tateinheit mit seinem Trainer hat prompt auch Mark van Bommel wieder mal seinen Ellbogen angewinkelt und im ZDF-"Sportstudio" gemeckert: "So was tut man nicht während der Saison." Aus all dem spricht die nackte Verzweiflung - die Holländer ahnen, dass der mehrtägige Lehrgang in Sindelfingen schon wieder die generalstabsmäßig geplante Grundlage war für unseren kommenden WM-Triumph über Holland.

Doch eines versprechen wir den Vans: Wir werden sie diesmal nur ungern besiegen. Das sind wir der Freude schuldig, die sie uns in der Bundesliga zusehends machen. Und nun kommt auch noch Ruud van Nistelrooy und knöpft sich für den HSV demnächst, in der Europa League, den PSV Eindhoven vor. Unsere Holländer schießen alles ab, notfalls sogar den eigenen Heimatverein - so, wie sie im Moment drauf sind.

Öffnen wir ihnen das Herz.
Kommentare (2)
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FEB
07
exasia, 02:49 Uhr

hoep oranje

Sehr fein, Herr Beck, sehr fein... Weiter so, und in ein paar Jahren passen Ihnen vielleicht die Schuhe von Hans Blickensdörfer. Gruss

JAN
31
qillero, 10:53 Uhr

Holland

wieder mal grandios und zum wegwerfen komisch :D