Oskar-Beck-Kolumne Wäre Sigurdsson der bessere Effenberg?

Von Oskar Beck 

Wenn der Fußball nicht schläft, müssen sich die Handballer bald einen neuen Bundestrainer suchen, meint unser Kolumnist Oskar Beck. Auch der gepriesene Coach der Handball-Europameister würde sich einen Job in der Fußball-Bundesliga durchaus zutrauen.

Ein Heißmacher, der immer kühlen Kopf bewahrt: der Handball-Nationaltrainer Dagur Sigurdsson.  Foto: AP
Ein Heißmacher, der immer kühlen Kopf bewahrt: der Handball-Nationaltrainer Dagur Sigurdsson. Foto: AP

Stuttgart - Der neue deutsche Held Kai Häfner war mit seinen Handball-Europameistern kürzlich im ZDF-Sportstudio, und irgendwann bedauerte der Remstäler Linkshänder: „An die Gehälter der Fußballer werden wir nie herankommen.“

Aber vielleicht ihr Trainer?

Dagur Sigurdsson ist zurzeit ein Star auf allen Kanälen und in allen Zeitungen, der Isländer spricht faszinierend über Gott, die Welt und die Geysire daheim – aber fast untergegangen ist sein bemerkenswertester Satz, den er in „Bild“ auf die Frage los wurde: Könnten Sie auch als Fußballtrainer arbeiten?

Der Wikinger antwortete: „Ja, ich habe das früher öfter überlegt, dann aber nicht konsequent zu Ende gedacht. Ich denke, dass ich das könnte. Es ist alles ähnlich. Natürlich ist die Taktik anders. Aber eine Truppe zu führen, ist genau das Gleiche. Ob du Firmenmitarbeiter hast oder eine Mannschaft – die Zusammensetzung ist ziemlich ähnlich.“ Zwanzig Firmen hat Sigurdsson schon mitgegründet, von der Pizzeria aufwärts – und gezeigt, dass er alle unter den Hut des Teamgeists bekommt, Dumme und Gescheite und Große und Dicke.

Kann er auch Fußball-Bundesliga?

Hosen runter in der Hotelbar

Für diese Frage wäre man vor Kurzem noch zum Abtasten der Gehirnrinde in die nächstbeste geschlossene Anstalt eingeliefert worden – aber wenn die Fans des VfL Wolfsburg oder in Frankfurt, Bremen und Hannover im Moment die Wahl hätten zwischen Hecking, Veh, Skripnik und Schaaf, würden gefühlte 80 Prozent Sigurdsson nehmen, beim Zweitligisten Paderborn sogar eher noch mehr. Dort muss sich der Vereinschef Wilfried Finke wegen Stefan Effenberg angeblich schon der Fangfrage stellen: Was ist der Unterschied zwischen unserem Trainer und einem Autoreifen?

Antwort: der Reifen hat Profil.

Der Effenberg kreißte und gebar ein Mäuslein. Punkte holt er selten, dafür hat er vier Spieler suspendiert. Der letzte öffnete an der Hotelbar des Trainingslagers ambitioniert den Hosenladen und präsentierte einem Fräulein sein bestes Stück, und Finke hat zwar Effenberg danach nicht gleich mitgefeuert, aber gedroht: „Jetzt muss er zeigen, wie gut er als Trainer ist.“

Hand aufs Herz: glaubt hier irgendeiner, dass Effe der bessere Fußballtrainer als Sigurdsson ist? Oder Lothar Matthäus? Eher denken da viele wie der alte Vogel Mike Krüger, der sich in der Talkshow bei Lanz einmal in den fragwürdigen Spaß verstieg: „Matthäus ist gelernter Raumausstatter, und er hat den Beruf auch ausgeübt – bis verlangt wurde, dass der IQ eines Raumausstatters höher sein muss als die Raumtemperatur.“

Sigurdsson war Jugendnationalspieler – im Fußball

Spätestens da läuft vollends alles auf die Gewissensfrage hinaus, ob ein grandioser Handballtrainer womöglich besser ist als ein Fußballtrainer, der einen an Tom Hanks denken lässt, als er in „Forrest Gump“ sagt: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was drinsteckt.“

Bei Dagur Sigurdsson weiß man es. Er hat ein klares Konzept und behält selbst als Heißmacher kühlen Kopf. Er ist außerdem gut in Menschenführung, war im Fußball sogar isländischer U-17-Nationalspieler, verfolgt die englische Premier League („Leicester City führt, weil der Teamgeist stimmt wie bei meinen Handballern“), er kennt auch die Laufwege und Spielzüge im Fußball – und die Taktik könnte er sich notfalls als Software aus dem Internet herunterladen.

Aber bis ihn die Bundesliga ruft, kann es natürlich noch ein paar Wochen dauern. Zu viele glauben nämlich immer noch, dass Fußballtrainer von Fußball kommt, und schuld ist vermutlich der Kabarettist Dieter Hildebrandt, der einmal sagte: „Bildung kommt von Bildschirm – denn wenn es von Buch kommen würde, hieße es Buchung.“ Das war, vermuten wir jetzt einfach mal, ein böser Scherz, da wollte einer alle auf die Schippe nehmen, die die Intelligenz für überschätzt halten oder glauben, dass der Fußball mit dem Fuß gespielt wird. In Wahrheit wird er mit dem Kopf gespielt, der Fuß ist nur der verlängerte Arm – ein kluger Kopf meinte einmal: „Neunzig Prozent des Spiels spielen sich zur Hälfte im Kopf ab.“

Das passt alles zu Sigurdsson.

Fremde sind im Fußball nicht willkommen

Aber ein Fremder im Fußball? Die Fundamentalisten heulen da auf. Als Jürgen Klinsmann noch Bundestrainer war und den Hockeykollegen Bernhard Peters als DFB-Sportdirektor vorschlug, wurde er angestarrt wie der römische Kaiser Caligula, als der sein Pferd zum Statthalter machte, und der DFB-Präsident Theo Zwanziger meinte: „Für dieses Amt muss einer Stallgeruch haben.“ Dabei hat schon der Hollywood-Cowboy Ronald Reagan erfolgreich zwei Pferde mit einem Hintern geritten – als Westernheld und dann als US-Präsident.

Oder Deion Sanders. Der war früher ein US-Star im Football und im Baseball. Auch die Hürdenweltrekordler Willie Gault und Renaldo Nehemiah wurden als Ballfänger Footballhelden, und auf einem Friedhof in Jacksonville in Florida steht auf einem Grabstein: „Hier ruht der einzige Mensch, der Olympische Goldmedaillen und den Superbowlring gewonnen hat.“ Bob Hayes lief 1964 in Tokio die 100 Meter in 10,0 Sekunden, ehe er als Wide Receiver der Dallas Cowboys mit dem Ei unterm Arm allen davonrannte. Ein weiterer Cowboy in den glorreichen Tagen in Dallas war Anton („Toni“) Fritsch. Dieser waschechte Wiener war ursprünglich Rapid-Rechtsaußen, und als „Wembley-Toni“ hat er 1965 die Engländer beim 3:2 mit seinen zwei Toren fast alleine erschossen – ehe er in der NFL das Ei durch die Stangen schoss und den Superbowl gewann.

Unvergessen: Asgeir Sigurvinsson und Eyjölfur Sverrisson

Doch die größte Allzweckwaffe des Sports war Lew Jaschin. Der Russe war gut beim Fechten, spielte erstklassig Basketball, Tennis, Wasserball und Schach, hütete im Winter das Eishockeytor von Dynamo Moskau – und wurde am Ende gekrönt als bester Fußballtorwart des zwanzigsten Jahrhunderts.

Alles spricht also für Sigurdsson.

Seit Asgeir Sigurvinsson und Eyjölfur Sverrisson den VfB anno 84 und 92 zum Deutschen Meister machten, trauen wir Schwaben den Isländern alles zu – und halten gleichzeitig die These, dass ein Fußballtrainer ein guter Fußballer gewesen sein muss, für so hohl wie die, dass einer nur Bestattungsunternehmer werden darf, wenn er vorher Leiche war.

Falls der VfB also wieder einen Trainer braucht, wenn irgendwann die magische Kraft der viel zitierten Glückshose von Jürgen Kramny nachlässt: es gibt ihn.