Oskar-Beck-Kolumne Wenn eine Schildkröte aus dem Koma erwacht

Oskar, 21.12.2012 14:43 Uhr

Stuttgart - Als der Papst einmal die Hysterie bei den Weihnachtseinkäufen sah, hat er an die wahre Bedeutung des Fests so erinnert: „Sie sollten nicht teure Geschenke machen. Sie sollten Freude schenken.“ Manchmal genügt schon ein scheues Lächeln, eine versöhnliche Geste, ein kleines Verzeihen.

Oder ein gutes Buch.

Man glaubt kaum, was der Sport gerade diesbezüglich alles auf Lager hat. Die Regale der Buchhandlungen sind überfüllt mit den mannigfaltigsten Memoiren, die streng genommen kein Mensch braucht – und weil Autobiografie mit A beginnt, fangen wir am besten bei A an, A wie Arnold, also Schwarzenegger.

Der gebürtige Steiermärker ist ja der geborene Sportler, denn bevor er als Terminator und Gouverneur endete, erfand er den menschlichen Muskel – und jetzt endlich, atmen seine Fans auf, gibt er seine 65-jährige Lebenserfahrung weiter. „Total Recall“ heißen die Erinnerungen, und nichts könnte einen daran hindern, sie blindlings zu kaufen, wenn nicht ein „Welt“-Kritiker neulich genörgelt hätte, die Beichte verströme den Geruch von Alterspeinlichkeit – besonders störte ihn Arnies „Unfähigkeit, den Reißverschluss der Hose geschlossen zu halten“.

Lesen Sportler zu wenig?

Für Weihnachten ist das dann doch nicht das Richtige. Eher geeignet für den Gabentisch erscheint auf den ersten Blick das Erstlingswerk der Skifahrerin Maria Riesch. Deren schriftstellerische Schussfahrt heißt „Geradeaus. Höhen und Tiefen meines Lebens“, und in den Tiefen ihrer Geständnisse lässt sie uns bis ins Detail teilhaben, wie sie und ihr Manager Marcus Höfl ein Paar wurden, nämlich anlässlich einer romantischen Hundeschlittenfahrt („Ich bekam richtig Herzklopfen“). Nur für ganz Hartgesottene, warnen Kritiker, sind allerdings die Höhepunkte des Buchs – wie sie beispielsweise einmal auf der Autobahn geblitzt wurde, und in München hat sie sogar brutal ein Verkehrsschild über den Haufen gefahren.

Was fällt einem sonst noch auf an literarischen Slalomläufen durch die Geisterbahn der sportlichen Literatur? Man stolpert über Peter Neururer („Aus dem Leben eines Bundesligatrainers“) – das ist vermutlich genau das, was wir schon immer mal lesen wollten. Vergleichsweise kommen einem Oliver Bierhoff („Spielunterbrechung“), Mesut Özil („Auf dem Weg zum Weltstar“) und Theo Zwanziger („Die Zwanziger Jahre“) fast wie die Erben von Hermann Hesse oder Thomas Mann vor.

Verstehen wir uns jetzt nicht verkehrt: Lesen bildet. Es wird viel zu wenig gelesen, und die bösen Folgen hat der Basketballkönig Kobe Bryant dieser Tage drastisch geschildert. Mit seinen Jungs von den Los Angeles Lakers schaute er sich Steven Spielbergs Präsidentendrama „Lincoln“ an und sagte hinterher: „Ich weiß nicht, ob sie wussten, wer das war. Jedenfalls waren sie total geschockt, als er umgebracht wurde.“ Lesen Sportler zu wenig?

Buch von Borowka als Warnung oder Gebrauchsanweisung

Dass sie umso mehr schreiben, macht die Sache oft nicht viel erträglicher. Nicht einmal Uli Borowka hat von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, sondern seine Karriereturbulenzen, obwohl sie längst verjährt sind wie seine ganze Manndeckerzeit bei Werder Bremen, unter dem zündenden Titel wiederbelebt: „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“. Je nach Neigung kann sich der Leser den flüssigen Text reinziehen als Warnung oder Gebrauchsanweisung – wobei es nicht unbedingt erforderlich scheint, dass Borowka aus seiner Beichte am offenen Kaminfeuer des ZDF-„Sportstudios“ auch noch feierlich vorliest wie einst Louis van Gaal.

Welchen Sportler kann man sich zu Weihnachten sonst noch schenken – oder sein Buch in den Schrank stellen, um es womöglich nie wieder herauszuholen?

Lothar Matthäus darf da nicht unerwähnt bleiben. Unser Rekordnationalspieler ist immer irgendwie unter Bringdruck wie jenes Hündchen, das durch die Sahara streunt und ruft: „Wenn ich nicht bald eine Palme finde, platzt mir die Blase.“ Wieder einmal hat er das Wasser nicht halten können und seine Autobiografie „Ganz oder gar nicht“ herausgebracht, um endlich mal aller Welt zu sagen, „wer ich wirklich bin“. Dieser hohe Anspruch trieb einst schon Boris Becker in die Literatur, der schrieb seine Memoiren für seine Kinder, „damit sie meine Wahrheit schwarz auf weiß haben“ – worauf ihn Thomas Gottschalk in einer Sternstunde des Smalltalks fragte: „Hättest du es ihnen nicht auch unter vier Augen sagen können?“ Der Volksbildung wäre manches erspart geblieben, aber ein Sportler muss schließlich auch an die Vermögensbildung denken. Zu Stefan Effenberg fällt uns ein, dass er seine unvergessenen Erinnerungen sogar mit erotischen Fotos und seiner wegweisenden Sicht zu allem krönte, von der Arbeitslosigkeit bis zur Todesstrafe, so dass sich Freunde und Feinde die Köpfe einschlugen: Ist Effe nun ein Dichter – oder nicht mehr ganz dicht?

Matthäus wird die Spötter wieder wecken

Aber kurz zurück zu Matthäus: auch mit seinem neuen literarischen Erguss wird er nicht vordringen unter die hundert wichtigsten Werke der Weltliteratur, sondern eher die Spötter wieder wecken, die er einfach nicht loswird – zeitweise, klagte er neulich, traute sich seine Mutter „deswegen in Herzogenaurach teilweise tagsüber nicht mehr auf die Straße, sondern nur abends“. Nach diesem Buch womöglich nur noch nachts um drei.

Ach ja, auch Raymond Domenech hat seine Memoiren geschrieben: „Tout seul“. Auf Deutsch heißt das ganz allein, und der französische Ex-Nationaltrainer gesteht darin: „Für all das, wofür Franck Ribéry stand, hätte ich ihn gerne aufgehängt.“ Das klingt zündend, aber wer liest schon ein Buch auf Französisch.

Was bleibt?

Ich habe mir in der Not dieser Tage Keith Richards gekauft, sein „Life“, am Wühltisch, als Schnäppchen, für umgerechnet sechs Euro. Ein Kritiker hat die faltige Mumie der Rolling Stones nach einem Konzert in London unlängst verglichen mit einer aus dem Koma erwachten Schildkröte, der man eine Gitarre in die Hand drückt – und auch dieses angestaubte Buch ist von gestern. Aber es lebt, wie der alte Rocker, obwohl er darin ein Leben schildert, an dem jeder andere gestorben wäre.

Viele werden jetzt sagen: Was hat Keith Richards mit Sport zu tun? Richtig, nichts. Aber es ist auf jeden Fall ratsamer, einer aus dem Koma erwachten Schildkröte eine Gitarre in die Hand zu drücken als so manchem Sportler einen Griffel, mit dem er dann seine Memoiren schreibt.