Oskar Beck Kolumne Wie das Erbe von Bli im Hirsch landete
Oskar Beck, 25.01.2012 08:28 Uhr
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Manolzweiler - Walter Daferner ist der Wirt vom Landgasthaus Hirsch in Manolzweiler, und es ist noch keiner bei ihm verhungert oder verdurstet. Auch fürs Wochenende sieht es wieder üppig aus, denn in seinem kulinarischen Kalender lockt er mit einer Fackelwanderung von Winterbach hinauf zu seinem Back-, Brenn- und Schlachtfest, und nach dem Abendmahl geht es mit der Pferdekutsche retour - oder mit dem Schlitten, falls es schneit. Was den Gaumen erwartet? "Alles rund ums Schwein", sagt der pfiffige Remstalwirt - von der Leberwurst bis zur Maultasche, mit finalem Verdauungsschnaps.

Für seine gerösteten Maultaschen legen wir jetzt schon die Hand ins Feuer, wir haben sie dieser Tage vorgekostet, samt Kartoffelsalat - und sie sind uns nur deshalb schier vor Schreck im Hals stecken geblieben, weil Daferner plötzlich ein voll bepacktes Kärrele in die Wirtsstube schob. Gestapelt waren darauf gewaltige Bücher mit schwarzem Einband, dick und schwer, geschätzte zwei Dutzend - die gesammelten "Sportbericht"-Bände aus den 50ern und 60ern.

"Des älles", klärte der Hirsch-Wirt uns auf, "isch vom Bli." Wer der Bli war, müssen wir außer den Ahnungslosen und Zuspätgeborenen hier keinem erzählen - für den Sport der Stuttgarter Zeitung war Hans Blickensdörfer von 1967 bis 1997 die schreibende Legende, als Chefreporter und Kolumnist. Aber angefangen hat er als junger Bli anno 50 beim "Grünen Sportbericht", der zweimal in der Woche erschien, und vor allem der Montag wäre ohne den "Sportbericht" ein verlorener Tag gewesen.

Für die ganz Ungeduldigen ist er zuweilen sogar schon sonntags erschienen: Wenn die Fans nach dem Abpfiff aus dem Neckarstadion strömten, bekamen sie ihn druckfrisch in die Hände gedrückt, mit brandaktuellen Fotos von der Platzwahl und dem Bericht von der ersten Halbzeit.

Der "Sportbericht" ist gebundene Zeitgeschichte

Das war der "Sportbericht", alles war drin wie in jeder anständigen schwäbischen Maultasche, montags kam er brühwarm in der Suppe, Mitte der Woche geröstet, und Daferner hat uns erzählt, wie er an die Bände gekommen ist. Das war vor reichlich zehn Jahren, und ein Bekannter, der zugleich ein Verwandter von Blickensdörfer war und nach dem Tod des Dichters dessen Haus in Hochdorf übernommen hatte, sagte zum Wirt: "Auf der Bühne liegen noch die alten Bänden vom "Sportbericht" - und du bist doch ein Fußballverrückter, oder?"

"Dreimal ist er mit dem vollen Auto gekommen", erinnert sich Daferner. Seither liegen Blis Bände nun auf der Bühne des Remstäler Gasthofs, und bevor die Dachbalken im Hirsch unter der zentnerschweren Last vollends nachgeben, hat sich der Wirt auf die Suche begeben "nach einem Würdigen, der das alles gebührend zu schätzen weiß". Schätze ist das richtige Wort, in Blickensdörfers Nachlass schlummern wunderbare Berichte - der "Sportbericht" ist gebundene Zeitgeschichte.

Bli entstammt der Stunde null. Den Krieg und die Gefangenschaft, in der "Baskenmütze" ist es beschrieben, hatte er irgendwie überlebt - und um aus dem Nachkriegsdunkel zu flüchten, fuhr er sonntags auf dem Trittbrett der Züge in die Stadien. Der Fußball war Lebenshilfe, er gab neuen Mut, aber lassen wir es ihn selber sagen: "Wir kamen aus dem Chaos. Ein Fußballspiel, das hieß: vergiss für zwei Stunden den Hunger. Wir hatten am Sport eine Riesenfreude." 1950 hat er dann beim "Sportbericht" angefangen, und in jenem November war in Stuttgart gleich das erste Nachkriegsländerspiel gegen die Schweiz.

Der Herr Blickensdörfer ist in Mexiko

100.000 Lebenshungrige kämpften im überfüllten Neckarstadion um ihre Plätze, es kam zu Tumulten mit 28 Schwer- sowie 240 Mittel- und Leichtverletzten, und im "Sportbericht" stand über die Verwüstungen: "Hier war keine Luftmine niedergegangen. Nur ein Fußballspiel hatte stattgefunden." Selbst die, die von den Luftminen genug hatten, mussten schmunzeln.

Bli war immer ein Lächeln wert. Keiner konnte Geschichten erzählen wie er. Einmal war er in Mexiko und wollte seinen Bericht übermitteln, kam aber erst abends um zehn durch - und erreichte in der Stuttgarter Zentrale nur noch den Pförtner. "Blickensdörfer!", schrie er genervt in den Hörer. "Der Herr Blickensdörfer ist nicht da, der ist in Mexiko", sagte darauf der Pförtner - und legte auf.

Das sind die Geschichten, die Bli nicht nur erlebt, sondern auch lebhaft geschildert hat, und wir haben sie als Jungspunde nicht gelesen, sondern gefressen, mitsamt dem Pausenbrot. Ja, und später hat ihm der Jungreporter B. dann zuhören dürfen, als Nebensitzer im Neckarstadion, und tief ins Gedächtnis eingegraben hat sich der Moment, als Bli sich an der Kippe seiner Gauloises die nächste ansteckte und sich herüberbeugte: "Jonger, merk dir eins: mit Speck fängt man Mäuse - und mit dem ersten Satz den Leser."

Der erste Satz muss sitzen, damit der Leser weiterliest. "Und der letzte", fügte Bli hinzu - damit sich der Leser beim nächsten Mal wieder erinnert.

Kommentare (2)
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JAN
25
Empfler, 21:46 Uhr

... sehr gut . Da kann man nur gratulieren .

Dem Wirt zu solchen Gästen . Wer legt schon heute noch freiwillig die Hand ins Feuer ? Heutzutage, da selbst einem Bundespräsidenten und sogar einem Stuttgarter Oberbürgermeister die Unterstützer ausgehen. Da sind die Hand-ins-Feuer-Leger so selten, wie Maikäfer im Januar. Aber, es gibt sie noch. Die Mutigen, die Unerschrockenen, die Treuen, die Aufrechten. Der gute Gast Beck legt sogar die Hand für geröstete Maultaschen ins Feuer. Sappradi höre ich Harry Valerien aus München anerkennend rufen und Bli nickt wohlwollend von ganz oben herab und überlegt die Baskenmütze zu lupfen. Leider erfahren wir nicht, wer sonst noch Hände für die Schwabenspeise ins Röst-Feuer legt, wenn der vom Kärrele überraschte Gast im Plural schreibt. Ob wir es je erfahren ? Vielleicht in 40 Jahren, wenn Oskars Tagebücher für immer neben Blis gesammelten Werken im Archiv der StZ ihre letzte Ruhe finden.

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JAN
25
kdhcsc, 09:19 Uhr

Hilfe! Im letzten Absatz blieb mir der Bissen im Halse stecken ...

... denn ich befürchtete schon, Walter Daferner würde seinen Finderlohn an den ums Pluskonto bemühten VfB Stuttgart weitergeben! Das waren halt noch Zeiten. Da durfte ein Reinhold Zech beim VfB seine ärgerlichen Fehlpässe spielen, ohne sich gleichzeitig zum Thema Nationalmannschaft äußern zu müssen. Tja, was würde der Bli wohl heutzutage zu Tasci und Co. sagen, äh schreiben?

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