Oskar Becks Kolumne Willkommen in der Wirklichkeit des Machosports

Oskar Beck, 08.11.2012 14:45 Uhr

Stuttgart - Wladimir Klitschko boxt diesen Samstag gegen Mariusz Wach, und der Pole, darauf kann man getrost wetten, wird ihm weniger antun als die vielen Heinis, die mit ihrem wachsenden Gerüchtewahn im Internet dafür sorgen, dass die Suchmaschine Google auf die Eingabe des Weltmeisternamens mit einer Vorschlagsliste reagiert, auf der weit vorne der Lesetipp erscheint: „Klitschko schwul.“

„Ich amüsiere mich darüber“, sagt der Ukrainer. Gehen wir ruhig davon aus, dass er sich eher ärgert. Und erst recht über Marco („Käpt’n“) Huck, diesen halbstarken Halbschweren, der zuletzt gegen Firat Arslan den mannhaften Schutz sehschwacher Punktrichter benötigte – aber gegen Klitschko unbedingt antreten will und ihn deshalb herausfordernd reizt, indem er ihn jüngst als „meine Freundin“ beleidigt hat. Sagen Sie jetzt bloß nicht, dass solche Schläge unter die Gürtellinie das typische Geschwätz von Boxern sind, die einen Kampf zu viel haben – diese niveaufreie Geschmacklosigkeit hat auch mancher Fußballer drauf, jedenfalls fauchte der Torwarttrainer Gerry Ehrmann einst seinen Schützling Tim Wiese weithin hörbar an: „Du stehst auf der Linie wie eine Schwuchtel!“

Der Sport ist bei diesem Thema erstaunlich zurückgeblieben, eklatant hinkt er da der Entwicklung der übrigen Gesellschaft hinterher. Die Frage schwul oder nicht schwul treibt in der Kultur, Politik oder Wirtschaft keinen Hund mehr vors Haus, problemlos wird da geoutet, unseren Außenminister schicken wir ungeniert durch die Welt, und spätestens seit Wowereit gelten Großstädte ohne schwule Bürgermeister als schier unregierbar.

Nur der Sport verharrt stur im Gestern. Er geht mit dem Thema nicht offen um, sondern treibt sein Versteckspiel, mit schmuddligen Verdächtigungen und Tuscheleien, Verunglimpfungen und Beleidigungen. Auch Australiens fünfmaliger Schwimmolympiasieger Ian Thorpe sieht sich verfolgt von täglichen Mutmaßungen und hat anlässlich der Veröffentlichung seiner Autobiografie „This is me“ kürzlich fassungslos gesagt: „Die Leute sind besessen.“

Die Welt des Sports ist süchtig, getrieben von der Neugier der Gaffer und der Gier nach Enthüllung. In der Gerüchteküche brodelt es, und der wachsende Druck im Dampfkessel fühlt sich an, als ob demnächst der Deckel wegfliegt – spontan denkt man da an Michael Becker, der als Berater von Michael Ballack vor zwei Jahren im „Spiegel“ mit der geheimnisumwitterten Andeutung einer homosexuellen Verschwörung in der Nationalelf zitiert wurde, flankiert von der Ankündigung, ein Exnationalspieler werde „die Schwulencombo“ hochgehen lassen.

Seither sind alle wie elektrisiert. „Das Fußballer-Outing rückt näher“, spürt die „Zeit“, und unser Verbandsblatt der deutschen Sportjournalisten hat unlängst erfahren: „Von sechsstelligen Summen ist die Rede, falls jemand öffentlich die Namen homosexueller Nationalspieler nennt.“ Der Boulevard muss da offenbar gewaltige Gelüste und eine massenhafte Neugierde bedienen bezüglich dieser geheimnisvollen, unbekannten Welt der Homosexualität, von der viele nichts wissen wollen – aber in Wahrheit doch alles.

Vor allem: wer? Wer ist so? Wie heißen die Westerwelles und Wowereits unter den Kanonen des Sports? Eine Hexenjagd ist im Gange, und keiner, der bis Drei zählen kann, würde sich in dieser Atmosphäre der Intoleranz und Ausgrenzung während seiner Karriere freiwillig outen und fröhlich „Hier!“ rufen – was dann passiert, weiß Justin Fashanu, aber man kann ihn nicht mehr befragen. Für 80 000 Pfund Redegeld hat sich der Stürmer von Nottingham Forest im Boulevardblatt „The Sun“ offenbart, ist danach vor der Hetze nach Amerika geflüchtet, später hat er sich aufgehängt. Willkommen in der Wirklichkeit des Machosports. Manndeckerwitze gehören im Fußball zum guten Ton, über Ränge und Rasen gellt der Ruf „schwule Sau“ und „Warmduscher“, und hat nicht Harald Schmidt beim TV-Schmaltalk einmal Jürgen Klinsmann als „Schwabenschwuchtel“ tituliert? Aber der kann sich trösten, Jogi Löw geht es auch nicht viel besser, seit der Komiker Oliver Pocher eine Welt ohne Schwule für undenkbar erklärte: „Wer regiert denn dann Berlin? Wer schneidet uns denn dann die Haare? Wer wird denn dann unser Bundestrai... ups, da habe ich mich ja wohl jetzt versprochen.“

Roman Weidenfeller, der länderspiellose Dortmunder Torwart, hat das dankbar aufgefangen und süffisant erklärt, für eine Nationalelfberufung müsse er wohl „etwas zierlicher werden“ – und als Nächstes setzte eine Sonntagsblatt-Interviewerin das bodenlose Gerücht vollends um in die offizielle Frage an Löw: „Was sagen Sie dazu?“ Dass nichts dran ist, hat Löw gesagt – und hinterher wohl bedauert, nicht wie Zlatan Ibrahimovic in einem ähnlichen Fall geantwortet zu haben: „Besuch mich mal, und bring deine Schwester mit.“ Zu einem anderen Befreiungsschlag hat sich Philipp Lahm entschlossen: Von „Bild“ balkenhoch begleitet („Schwulen-Gerüchte: Lahm wehrt sich!“) schrieb sich der Kapitän der Nationalelf in seinen Memoiren die Wut vom Leib – gipfelnd in der ebenso simplen wie klugen Frage: „Gibt es wirklich nichts Wichtigeres?“ Offenbar nicht. Nicht im Sport.

An der Stelle müssen wir die Geschichte von Emile Griffith erzählen, einem der großen Boxer seiner Zeit, dem tapfersten. „Ich bin homosexuell“, sagte er und nahm in New York an Schwulenparaden teil. Am Abend des 24. März 1962 boxte er im Madison Square Garden um die WM, beim Wiegen hänselte ihn sein Gegner Benny („Kid“) Paret als „Maricon“, als warmen Bruder. Der Kubaner tätschelte ihm den Hintern, und als er in der Menge den Lebenspartner von Griffith erkannte, rief er mit obszöner Gestik: „Huch, da ist ja Dein Ehemann!“ So ging es im Kampf weiter bis in die zwölfte Runde, bis der Gedemütigte explodierte. Er prügelte Paret in die Seile, der hing dort „wie Jesus am Kreuz“ (Ferdie Pacheco, der spätere Arzt von Muhammad Ali) – dann schlug ihn Griffith ins Koma. Paret starb zwölf Tage später, und fünfzig Jahre später hat mancher Sportsfreund immer noch nicht kapiert, dass dieses Thema anders behandelt gehört. Wladimir Klitschko hat neulich nur noch kopfschüttelnd abgewunken: „Ich verschwende keine Energie darauf, Dinge zu bekämpfen, die es nicht wert sind.“ Die googelnden Knallköpfe hat er damit gemeint, aber womöglich auch Käpt’n Huck.