Osteoporose Die tragbare Apotheke als Chip im Körper
Christine Pander, 20.02.2012 08:05 Uhr
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Ein bisschen kleiner als ein USB-Stick: der neue Medikamentenchip. Foto: MicroCHIPS, Inc., Massachusetts
Ein bisschen kleiner als ein USB-Stick: der neue Medikamentenchip. Foto: MicroCHIPS, Inc., Massachusetts
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Vancouver - Jede dritte Frau nach den Wechseljahren und jeder fünfte Mann über 50 leidet an Knochenschwund. Experten schätzen, dass in Deutschland bereits acht Millionen Menschen von Osteoporose betroffen sind. Weltweit sollen es sogar 200 Millionen sein. Manchen Patienten wird während ihrer Therapie ein Medikament injiziert, oder sie setzen sich die Spritze selbst. Das fällt aber vielen schwer.

Da die Medikamente für den Patienten keinen sofort spürbaren Effekt haben, wird manche Dosis schlicht vergessen. Ein Chip, der das Mittel in der gewünschten Menge ins Gewebe abgibt, könnte diesen Menschen möglicherweise künftig helfen. In Vancouver wurde zum Auftakt der diesjährigen Tagung der US-amerikanischen Wissenschaftsorganisation AAAS ein Mikrochip vorgestellt, der den Forschern zufolge die Telemedizin revolutionieren könnte.

"Es dauert keine 30 Minuten das Implantat einzusetzen"

Was Robert Langer vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (USA) ankündigt, klingt ziemlich futuristisch: ein funkgesteuerter Chip soll es künftig Osteoporose-Patienten möglich machen, an die erforderliche Dosis ihrer Medikamente zu kommen. Der Forschergruppe zufolge müssten sie sich dafür jedoch einen vorab programmierten Chip implantieren lassen, der dann selbsttätig die jeweils eingestellte Dosis eines Medikamentes abgibt.

In einer Testphase wurde der kleine, matt silbern schimmernde Chip, der ein bisschen aussieht wie ein USB-Stick, acht Frauen für vier Monate unter die Haut implantiert - und zwar in der Leistengegend. Bei sieben der acht Frauen funktionierte der Chip einigermaßen gut. Die Studie wurde im Januar 2011 in Dänemark durchgeführt, die Frauen waren im Alter von 65 bis 70 Jahren.

Das Medikament selbst füllten die Forscher vorab in kleine Reservoire, die von einer hauchdünnen Platin- und Titanschicht umgeben waren. Ein elektrischer Impuls ließ einzelne Fächer öffnen, die Hülle zerstörte sich ohne Rückstände durch den Impuls selbst. Auf diese Weise gelangte das Parathormon in den Körper der Frauen. Normalerweise muss der empfindliche Wirkstoff im Kühlschrank aufbewahrt und täglich unter die Haut gespritzt werden. "Es dauert keine 30 Minuten unter lokaler Betäubung, das Implantat einzusetzen", sagte Langer.

"Eine eigene Apotheke auf dem Chip"

An 20 Tagen erhielten die Frauen aus der Testgruppe über den Chip automatisch eine Form des Parathormons. Langer zufolge ist die Wirkung des Medikaments aus dem Chip absolut vergleichbar mit der Wirkung der Spritzen. Nachdem die Testphase beendet und den Frauen der Chip wieder entfernt worden war, bekamen die Frauen dasselbe Parathormon gespritzt, um an die Vergleichswerte zu gelangen. Die Vergleiche der Blutwerte hätten gezeigt, dass beide Verabreichungsformen gleich wirksam waren, heißt es in der Studie. Publiziert wird sie im Fachjournal "Science Translational Medicine".

Für die Studie arbeitete Langer mit der Firma Microchips zusammen. Diese finanzierte die Studie nicht nur, Mitglieder der Forschergruppe sind auch im Vorstand der Firma tätig. Langers Team hofft, dass solche Chips auch bei anderen Krankheiten eingesetzt werden könnten, beispielsweise bei chronischen Schmerzen, Krebs, multiple Sklerose und Herzerkrankungen. Auch Mikrochips mit mehreren Medikamenten seien denkbar. Man könne damit "eine kleine, eigene Apotheke auf dem Chip" tragen, heißt es in der Mitteilung des MIT.

Bei Osteoporose kommt es zum Knochenschwund. Die Betroffenen leben mit der Gefahr, sich bei Stürzen schneller etwas zu brechen. Als Therapie stehen unter anderen Vitamin D, Kalzium und Bisphosphonate zur Verfügung, die den Abbau des Knochens aufhalten sollen. Parathormon-Formen wie das nun getestete Teriparatid fördern den Knochenaufbau. Aber wie häufig kommt es zum Einsatz?

Bis zur Markteinführung dauert es noch 4 Jahre

"Die Behandlung mit Parathormon ist vergleichsweise teuer und wird in Deutschland in der Regel erst eingesetzt, wenn die anderen gängigen Osteoporosetherapien nicht gefruchtet haben", sagte Michael Amling, Sprecher einer Osteoporose-Forschungsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Darüber hinaus darf in der Therapie Teriparatid bislang maximal zwei Jahre genutzt werden. In Deutschland werden laut Amling derzeit nur wenige Prozent der Erkrankten damit behandelt.

Einen weiteren Haken hat die Sache mit dem Chip ebenfalls noch: nachdem die Forscher die Implantate wieder entnommen hatten, entdeckten sie, dass sich der überwiegende Teil der Reservoire zwar geöffnet hatte - aber nicht alle. Außerdem ist es bislang nur möglich, den Chip für eine 20-Tage-Dosis zu programmieren.

Ziel ist, eine Dosis für 365 Tage zu schaffen. Bis es zur Markteinführung kommt, wird es den Wissenschaftlern zufolge noch ungefähr vier Jahre dauern. Aber dass es so weit kommt, daran zweifeln sie nicht. Die Freiheit der Telemedizin hat ihren Preis: käme der Chip heute auf den Markt, würde er 10.000 bis 12.000 Dollar pro Jahr kosten.

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