InterviewPaarserie „Beziehungsweise“ (1): die Paartherapeuten „Ich rate allen Eltern: bleibt locker“

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Können neben der Arbeit auch Kinder das ­Liebesleben diffiziler machen?
Hans J. Eigentlich gibt es nichts, das eine Frau und einen Mann stärker verbindet, als gemeinsam Eltern zu sein. Jedoch kann es passieren, dass Eltern ihre Zweierbeziehung aus den Augen verlieren, weil sie sich auf die Kinder fokussieren, sich vom ­Familienalltag schlucken lassen. Elementar ist, dass man zwischen der Elternebene und der Paarebene unterscheidet. Es kann hilfreich sein zu vereinbaren, sich zu bestimmten Zeiten ganz auf die Paarebene zu konzentrieren, also beispielsweise festzulegen, dass man jeden Samstagabend zu zweit essen geht.
Bettina J.-O. Zudem sollte man sich bei der Kindererziehung nicht ständig unter Druck setzen. Ich rate allen Eltern: bleibt locker! Wer Kinder großzieht, macht unweigerlich Fehler. Es gibt keine perfekte Mutter und keinen ­perfekten Vater.
Spielt das Thema Sexualität in Ihren Beratungen eine große Rolle?
Bettina J. O. Durchaus. Entweder sprechen die Paare selbst an, dass sie mit ihrer Sexualität unzufrieden sind, oder das Thema taucht im Laufe der Therapie von alleine auf.
Laut einer Studie geht die Zufriedenheit mit dem Geschlechtsleben in der Kennenlernphase der ersten neun Monate steil nach oben, zehn Jahre später liegt sie fast bei null. Kann man ­etwas dagegen tun, dass das Knistern nachlässt?
Hans J. Ein Problem heutiger Paare ist, dass sie sich die Sexualität abgewöhnen. Sexualität in einer Dauerbeziehung muss man wollen, sie ergibt sich nicht von selbst. Ich rate, dass man in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus die Körperlichkeit pflegt. Das heißt nicht, dass man auf einen Orgasmus zusteuern muss. Grundsätzlich ist die körperliche Beziehung für das Gefühl von Intimität aber sehr wichtig.
Manche Paare trennen ihre Liebe von der Sexualität und erlauben sich Seitensprünge.
Bettina J.-O. Ich habe Paare beraten, die eine solche Vereinbarung getroffen hatten. Doch letztendlich hatte es sich gezeigt, dass die Seitensprünge die Basis ihrer Beziehung zerstörten, weil sie Verlustängste und Verletzungen erzeugten. Die Paare, die zu mir in die Therapie kamen, wollten nur noch Paare sein.
Hans J. Ich bin überzeugt, dass Treue zu unseren Grundbedürfnissen gehört. Wir alle wollen jemand Vertrauten haben, der voll und ganz zu uns steht – auch in körperlicher Hinsicht.