Paralympics-Kandidat: Markus Rehm "Ich lasse mich nicht behindern"

Von Florian Duve 

Im Sommer 2003 verlor Markus Rehm bei einem Wakeboard-Unfall ein Bein. Die Lebensgeschichte eines Ausnahmesportlers, die sich liest wie das Drehbuch eines Films.

Beim Wakeboarden geschah der Unfall. Foto: dpa
Beim Wakeboarden geschah der Unfall. Foto: dpa

Stuttgart - Diese Geschichte handelt von einem Jungen, der mit 14 ein glückliches Leben führte. Er hatte viele Freunde, war sportlich aktiv, ein gutes Verhältnis verband ihn mit seinen Eltern. Wie aus dem Nichts zerstörte ein schwerer Wakeboard Unfall die Idylle. Ein Bein musste ihm abgenommen werden. Er rappelte sich wieder auf und kämpfte, stand bald wieder auf dem Board. 2008 begann er mit der Leichtathletik. Heute ist Markus Rehm einer der Favoriten auf eine Medaille bei den Paralympischen Spielen 2012 in London.

Rückblick: Schon als Kind war Markus Rehm ein regelrechtes Energiebündel. Kaum eine Minute verging, in der er ruhig auf dem Sofa sitzen blieb. Da lag es für seine Eltern nahe, ihn beim örtlichen Turnverein anzumelden. Markus wuchs in einem Ortsteil der kleinen Stadt Donzdorf im Kreis Göppingen auf. Bei der TG Reichenbach betrieb er als Kind begeistert Leichtathletik. Schon in jungen Jahren stand er auf Skiern. Nicht nur das Skifahren im Winter auf Schnee hatte es ihm angetan, sondern vor allem für das Wasserskifahren entwickelte er früh großes Interesse. Abgeschaut hatte er sich das von seinen Eltern, die diesen Sport selbst schon lange betrieben.

Der Schicksalsschlag

Im Sommer ging die Familie regelmäßig auf einen am Main gelegenen Campingplatz in der Nähe von Kitzingen. Dort hatten sie sogar ein eigenes Boot und dadurch traumhafte Bedingungen. Abenteuerlustig und energiegeladen wie Markus war, wurde ihm das Gleiten auf zwei Brettern über das Wasser schnell langweilig. Da kam die gerade aufkommende Wakeboard-Szene zur rechten Zeit. Die Begeisterung für das Wakeboarden sollte ihm jedoch im Sommer 2003 zum Verhängnis werden. Der zu diesem Zeitpunkt 14-jährige Markus fuhr mit seinem Vater sonntagabends zum Wakeboarden auf den Main. Er versuchte einen Sprung, stürzte jedoch bei der Landung und tauchte in den Wellen unter. Ein anderes Boot übersah Markus und fuhr über ihn hinweg.

Sein rechtes Bein geriet dabei in die Schiffsschraube und musste nach dreitägigem Kampf unterhalb des Knies amputiert werden. Welche Gedanken und Gefühle einen nach einem so schlimmen Unfall durch den Kopf gehen, können Außenstehende nur erahnen. „Familie und Freunde waren in der Zeit nach meinem Unfall besonders wichtig für mich. Sie haben mich immer unterstützt und mich auch regelmäßig im Krankenhaus besucht, obwohl das Krankenhaus rund 180 Kilometer von Zuhause entfernt war. Da mein Vater wieder arbeiten musste, war meine Mutter täglich bei mir und hat leider auch in der ersten Zeit immer meine schlechte Laune abbekommen.“

Auf dem Weg zurück

Nach einer schwierigen Phase und mehrwöchigen Klinik- und Reha- Aufenthalten bekam Markus schnell wieder seine alte Energie zurück. Sein Tatendrang war wieder da. Er wollte der Welt und vor allem sich selbst beweisen, dass er trotz seines Schicksals immer noch im Stande war, alles zu schaffen, was er sich vornehmen würde. Besonders beeindruckend: Im Sommer 2004, ein Jahr nach seinem Unfall, stieg der Donzdorfer wieder auf das Wakeboard. „Das erste Mal wieder auf dem Board war schon ein komisches Gefühl, aber ich hatte mich auch wahnsinnig darauf gefreut. Die erste Fahrt war zwar etwas enttäuschend, weil ich noch Schmerzen im Bein hatte, aber als ich mit der Zeit merkte, dass es immer besser klappte, wollte ich auch immer mehr“. Zwölf Monate später, im Jahr 2005, holte er den zweiten Platz bei der deutschen Wakeboard Meisterschaft.

Nach seiner Reha erhielt Markus von einem ortsansässigen Sanitätshaus eine Definitv-Prothese, mit der er gut zurecht kam. Begeistert von der Arbeit, interessierte er sich mehr und mehr für dieses Berufsbild. Wenig später konnte er in dem Sanitätshaus, welches ihn selbst mit der Prothese versorgte, in einem Ferienjob erste Erfahrungen sammeln. Es folgte eine Ausbildung als Orthopädiemechaniker und Bandagist, die er als Kammersieger abschloss. Vor allem der Kontakt zu anderen Amputierten fällt ihm recht leicht, da er ihnen ein anderes Einfühlungsvermögen entgegenbringen kann, als es sonst der Fall wäre.

Vom Wakeboarder zum Leichtathlet

Das Wakeboarden sollte für ihn 2008 abermals der Auslöser einer wichtigen Veränderung sein. Auf einer Messe führte Markus auf einem Trampolin Sprünge mit dem Wakeboard vor, danach wurde er von einem Athleten von Bayer Leverkusen angesprochen und erhielt im Anschluss eine Sportprothese. Nach einem Sichtungslehrgang ging es dann für ihn mit der Leichtathletik richtig los.

Mit einer Medaille bei den Paralympischen Spielen würde für ihn ein Traum in Erfüllung gehen. „Als ich damals nach meinem Unfall Videos von den Paralympics gesehen habe, wollte ich auch unbedingt mal bei so einem Wettkampf dabei sein. Allein die Stimmung bei einem solchen Event muss unglaublich sein. Die Paralymipcs haben einfach einen besonderen Reiz“. Als Weltrekordhalter im Weitsprung geht er jedoch keinesfalls als Außenseiter in den Wettkampf. „Ich versuche mich möglichst nicht selbst unter Druck zu setzen, aber natürlich weiß ich auch, dass ich als einer der Favoriten gelte. Ehrlich gesagt ist es natürlich mein großes Ziel die Goldmedaille zu gewinnen. Aber es wird auch nicht ganz einfach, denn die Konkurrenz schläft nicht“. Bevor es jedoch soweit ist stehen für ihn noch etliche Trainingseinheiten und Trainingslager vor der Tür.

Das neue Zuhause Leverkusen


„Leider musste ich aufgrund der Trainingsmöglichkeiten und der technischen Unterstützung den Verein wechseln“, sagt Markus Rehm. Mittlerweile lebt und trainiert er in Leverkusen. Er hat jedoch nie vergessen, wo sein eigentliches Zuhause ist. „Meine Heimat und auch mein alter Verein liegen mir ganz besonders am Herzen. Ganz besonders schön finde ich auch wie sich all die Leute in Reichenbach u.R. (Donzdorf) für meinen Sport interessieren und mitfiebern. Ich bin sehr gerne in der Heimat“.

Der Ausnahmesportler hadert heute keinesfalls mehr mit seinem Schicksal. „Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wo ich heute stehen würde, wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es gekommen ist. Ich kann und will mich also nicht beschweren, ich lasse mich nicht behindern.“