Parteitag in Böblingen Grüne vor dem Showdown

Renate Allgöwer, 30.11.2012 21:45 Uhr

Böblingen - Wenn es nach dem Applaus geht, hat Fritz Kuhn, der künftige Oberbürgermeister von Stuttgart, die Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl in den Schatten gestellt. Katrin Göring-Eckardt präsentierte sich den Delegierten des Grünen-Landesparteitags am Abend in Böblingen gewohnt besonnen, ruhig und sachorientiert. Der Saal – ohnehin mit großen Lücken in den Reihen der 206 Delegierten – folgte aufmerksam und klatschte freundlich an den richtigen Stellen.

Leitmotiv des Abends war das Motto „Grün setzt sich durch“, was für die bevorstehende Bundestagswahl wohl die Hoffnung der Grünen ausdrücken soll. Um in Berlin zum Erfolg zu kommen, wünscht sich Göring-Eckardt von ihren südwestdeutschen Parteifreunden zwei Dinge: „Gute, glaubwürdige, überzeugende Regierungsarbeit und ein verdammt gutes Wahlergebnis in Baden-Württemberg“. Die Grünen wollten die schwarz-gelbe Koalition im Bund ablösen. Dazu müsse die Partei die Bürger auf dem Land gewinnen, betonte die Spitzenkandidatin. Sie beschwor die grüne Bürgerlichkeit, die sie unter anderem so definierte: „Wir übernehmen die Verantwortung für das ganze Land und machen nicht Lobbypolitik wie Merkel und ihre Freunde“.

Radikale macht die neue Frontfrau in ihrer Partei höchstens noch in Gestalt von „Guerilla-Gärtnern“ aus. Goutiert wurden Göring-Eckardts Bekenntnisse „Demokratie heißt Kampf gegen rechts“, ,,die Grünen stehen wie keine andere Partei für Bürgerbeteiligung und mehr soziale Gerechtigkeit und eine Energierevolution“.

Aus dem Ländle kommt „ein Schub für die Bundestagswahl“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann geht davon aus, dass aus Baden-Württemberg „ein Schub für die Bundestagswahl“ kommen kann. „Wir zeigen, das Land wird in die richtige Zukunft geführt“, sagte er. In den Mittelpunkt rückte er die Wirtschaftspolitik, in der sich nachhaltiges Denken durchsetze. Am Ende gab es auch für ihn freundlichen Applaus. Bei Göring-Eckardt hatte es sogar dezenter Hinweise bedurft, bis sich die Delegierten zögerlich, einer nach dem anderen, zum symbolhaften stehenden Applaus für die Spitzenkandidatin aufrafften. Die erklärten Linken unter den Delegierten ließen sich sehr lange bitten.

Die Wahlen zur Landesliste für die Bundestagswahl, die am Samstag anstehen, beeinträchtigten die Aufmerksamkeit der Delegierten sichtlich. Mit Spannung wird vor allem erwartet, wer die ersten vier Plätze einnimmt. Es konkurrieren für Platz eins aus dem linken Lager Sylvia Kotting-Uhl und die Reala Kerstin Andreae. Weitere Kreise könnte das Rennen um Platz zwei ziehen. Den Spitzenplatz der Männer macht der Linke Gerhard Schick dem Bundesvorsitzenden Cem Özdemir streitig.

Am Freitagabend wurden die letzten Strippen gezogen. Kotting-Uhl, die als Chefin der Landesgruppe der Bundestagsabgeordneten als Rednerin gesetzt war, nutzte die Chance, sich schon am Vorabend der Wahl zu präsentieren, bekam aber noch die Kurve: „wir freuen uns auf eine gute ausgewogene Landesliste, das ist das zweitwichtigste. Das wichtigste ist, die Bundesregierung in die Opposition zu schicken“.

Fritz Kuhn in einer neuen Rolle

Gelassen konnte Fritz Kuhn das innerparteiliche Kräftemessen beobachten. Der langjährige Bundestagsabgeordnete sah sich in einer ganz neuen Rolle. Begeistert bejubelten die Delegierten im Nachhinein seinen Wahlsieg in Stuttgart. Kuhn selbst musste sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass dies seit Jahren der erste Listenparteitag der Grünen war, bei dem er nicht kandidierte. „Irgendwie ist das ein gutes Gefühl“, bekannte der kurzzeitige Liebling des ansonsten eher nüchternen Abends. Auch Kuhn mahnte vor den heutigen Wahlen: „die Liste muss uns gefallen, aber sie muss vor allem den Wählern gefallen. Wenn wir das beachten, dann haben wir noch mehr Chancen“.

Einigkeit wäre ein weiteres Element. Das führte Marcel Emmerich, der Sprecher der Grünen Jugend an. „Grüne Politik funktioniert nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen“.