Stuttgart - Pascal Lamy, Chef der Welthandelsorganisation, hält die Kritik an Deutschland für übertrieben. "Jedes Land kann seinen Beitrag zur globalen Produktion steigern, wenn der Handel offen ist", sagte er im Interview.
In den USA wird Deutschland für sein exportorientiertes Wachstum als Trittbrettfahrer gebrandmarkt.
Das ist eine sehr künstliche Debatte. Die Wirtschaftspolitik kann nicht überall gleich sein, weil die Lage in den einzelnen Ländern unterschiedlich ist. Als Kanzlerin Merkel beim G-20-Gipfel (Anmerkung der Redaktion: die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer) in Toronto erklärt hat, dass hohe Defizite schlecht für das Vertrauen der Verbraucher sind, war das sehr überzeugend. Die Deutschen sehen, dass ihre Gesellschaft altert und ihr Sozialsystem dadurch in Finanznot gerät. Wenn dafür das Geld fehlt, sparen sie mehr und konsumieren weniger. Vielleicht versteht der amerikanische Ökonom Paul Krugman, der die Regierung in Berlin heftig kritisiert, einfach nicht genug von Deutschland. Die Deutschen haben eine andere Psychologie als die Amerikaner.
Ist die Kritik vieler amerikanischer und britischen Politiker und Kommentatoren am Exportmodell Deutschlands also unberechtigt?
Es gibt keine zentrale Kommandostelle in Deutschland, die den Verbrauchern befehlen könnte, mehr zu konsumieren. So funktioniert die Wirtschaft nicht.
China, Deutschland, Japan und jetzt auch die USA - alle versuchen mit Hilfe von Exporten aus der Krise zu kommen. Kann das funktionieren?
Nur in der Handelsstatistik müssen sich Exporte und Importe immer ausgleichen. Für Arbeitsplätze und Wachstum entscheidend ist jedoch, welchen zusätzlichen Beitrag ein Land in der globalen Produktion der Unternehmen leistet. Es gibt also immer die Möglichkeit, seinen Anteil dort zu steigern, wo man gegenüber der Konkurrenz einen komparativen Vorteil besitzt.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Nehmen sie den I-Pod. Er wird von Apple in China zusammengebaut und hat dort einen Exportwert von 150 Dollar. Der Beitrag Chinas dazu liegt aber nur bei vier Dollar. Der Rest kommt von anderen Ländern, vor allem aus den USA. Die Handelsstatistik verzerrt also den Blick darauf, dass der Überschuss Chinas zu einem großen Teil auf Leistungen basiert, die in anderen Ländern erbracht werden.